Zwischen Wehmut und Zuversicht: Claudia Friedls politischer Abschied
- Marcel Baumgartner
- 21. Apr.
- 3 Min. Lesezeit
Nach über drei Jahrzehnten politischem Engagement zieht Claudia Friedl einen Schlussstrich: Die St. Galler SP-Nationalrätin tritt zurück. Im Gespräch blickt sie auf Erfolge, verpasste Chancen und eine politische Kultur, die von Kompromissen lebt – und erklärt, weshalb für sie jetzt der richtige Moment gekommen ist.

Mit einem Hauch Wehmut, aber auch mit spürbarer Gelassenheit verabschiedet sich Claudia Friedl aus der nationalen Politik. Nach 33 Jahren politischer Tätigkeit – davon 13 Jahre im Nationalrat – zieht die St. Galler Sozialdemokratin einen Schlussstrich unter ein Kapitel, das stark von Engagement für Gleichstellung, Menschenrechte und Umweltpolitik geprägt war. «Ich bin schon etwas wehmütig», sagt sie, «aber ich weiss auch, dass der Zeitpunkt richtig ist.»
Ein einzelnes Ereignis, das den Rücktritt per Ende April 2026 ausgelöst hätte, gebe es nicht. Vielmehr sei es ein bewusster Entscheid gewesen, Platz für andere Lebensbereiche zu schaffen. Gerade deshalb schwingt auch ein leiser Bedauernston mit: Zu gerne hätte Friedl die aktuellen Verhandlungen rund um die Beziehungen zur EU weiter begleitet. Doch in der Politik gebe es immer Themen, die man nicht mehr zu Ende führen könne.
Politische Erfolge mit Wirkung
Rückblickend kann Friedl auf eine Reihe bedeutender politischer Meilensteine verweisen. Besonders prägend war für sie die Zustimmung zum Energiegesetz im Jahr 2017, das die Umsetzung des Pariser Klimaabkommen in der Schweiz einleitete. Auch der beschlossene Ausstieg aus der Kernenergie zählt für sie zu den zentralen Erfolgen – selbst wenn sie überzeugt ist, dass dieser Entscheid politisch immer wieder verteidigt werden müsse.
Neben der Energiepolitik hebt Friedl insbesondere gesellschaftspolitische Fortschritte hervor. Die Revision des Sexualstrafrechts nach dem Grundsatz «Nein heisst Nein», die Einführung der Ehe für alle sowie zusätzliche finanzielle Unterstützung für Kindertagesstätten markieren für sie wichtige Schritte hin zu mehr Gleichberechtigung. Auch die Einführung der 13. AHV-Rente gehört für sie zu den greifbaren Resultaten ihrer politischen Arbeit.
«Ich bin schon etwas wehmütig – aber ich weiss, dass der Zeitpunkt richtig ist.»
Engagement über die Schweiz hinaus
Ein besonderes Herzensanliegen blieb für Friedl stets die internationale Friedens- und Gleichstellungspolitik. So engagierte sie sich für die Umsetzung der UNO-Resolution 1325, die die Rolle von Frauen in Friedensprozessen stärkt. Doch gerade in diesem Bereich zeigt sie sich selbstkritisch und besorgt: Global gebe es noch enormen Nachholbedarf.
Auch die Entwicklung der internationalen Institutionen betrachtet Friedl mit Sorge. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa sei blockiert, die UNO zunehmend unter Druck. Wenn ein Land wie die Schweiz in dieser Situation bei der internationalen Zusammenarbeit spare, sei das «ein strategischer Fehler», betont sie.
Politik als langfristiger Prozess
Als Politikerin aus dem Kanton St. Gallen war Friedl stets auch bemüht, nationale Entscheide mit regionaler Wirkung zu verbinden. Sie verweist etwa auf die Pflegeinitiative oder den Bahninfrastrukturfonds, von denen auch die Ostschweiz profitiert.
Überrascht habe sie an der Bundespolitik weniger der Inhalt als vielmehr der Rhythmus. Politik in der Schweiz sei ein langfristiger Prozess, geprägt von Kompromissen und kleinen Schritten. Was oft kritisiert werde, sieht Friedl auch als Stärke: «Wenn man sieht, wie anderswo Politik mit der Abrissbirne gemacht wird, bin ich froh um unser austariertes System.»
Zwischen Erfolg und Enttäuschung
Nicht alles ist gelungen. Besonders das knappe Scheitern der Konzernverantwortungsinitiative schmerzt Friedl bis heute. Dass eine Vorlage trotz Mehrheit der Stimmen am Ständemehr scheitere, sei schwer zu akzeptieren. Generell sei es in einem bürgerlich dominierten Parlament schwierig, progressive Anliegen durchzubringen.
Mit ihrem Rücktritt macht Friedl Platz für Arbër Bullakaj, der im Nationalrat nachrücken wird. Erwartungen oder Ratschläge formuliert sie bewusst nicht. Er bringe genügend Erfahrung mit, um die Aufgabe erfolgreich zu meistern.
Blick nach vorne
Für sich selbst beginnt nun ein neuer Lebensabschnitt. Friedl möchte sich verstärkt in sozialen und ökologischen Organisationen engagieren. Gleichzeitig freut sie sich auf mehr persönliche Freiheit – Zeit für Wanderungen, Reisen und das Leben ausserhalb des politischen Alltags.
Der Blick nach vorne bleibt dennoch politisch. Besonders die Beziehungen zur Europäischen Union werden aus ihrer Sicht entscheidend sein. Auch die Klimapolitik und Fragen der sozialen Gerechtigkeit werden die politische Agenda weiterhin prägen. «Wenn sich ein Feld als gelöst anpreist, gehen bereits wieder neue auf», sagt sie.


