Die Energiewende als Ziel – Doch die Halbzeitbilanz ist durchzogen
- Marcel Baumgartner
- 19. Apr.
- 4 Min. Lesezeit
Der Kanton St.Gallen kommt bei der Energiewende voran, jedoch fällt die Zwischenbilanz gemischt aus. Zwar wurden beim Ausbau erneuerbarer Energien wichtige Fortschritte erzielt, gleichzeitig drohen zentrale Klimaziele verfehlt zu werden. Das zeigt sich auch in den Zahlen des kantonalen Förderprogramms.

Im Energiekonzept 2021–2030 hat sich der Kanton ehrgeizige Ziele gesetzt: Die CO₂-Emissionen sollen gegenüber 1990 halbiert, die Energieeffizienz verbessert, der Strombedarf stabil gehalten und erneuerbare Energien ausgebaut werden. «Die einzelnen Massnahmen entwickeln sich allerdings unterschiedlich dynamisch», sagt Marco Zahner, Geschäftsleiter der Energieagentur St.Gallen. Besonders beim Ausbau von Photovoltaikanlagen und beim Ersatz fossiler Heizungen habe es in den vergangenen Jahren einen deutlichen Boom gegeben. «Diese Dynamik hat sich zuletzt allerdings wieder abgeschwächt.» Zwar habe der Kanton beim Ausbau erneuerbarer Energien seine Zwischenziele insgesamt erreicht, doch müsse das Tempo wieder erhöht werden. «Die aktuellen Entwicklungen deuten zudem darauf hin, dass wir die CO₂-Emissionen bis 2030 wohl nicht halbieren können», so Zahner. Die Halbzeitbilanz falle deshalb insgesamt «eher durchzogen» aus.
Millioneninvestitionen durch Förderprogramme ausgelöst
Ein wichtiger Indikator für die Entwicklung ist das kantonale Energieförderprogramm, das von der Energieagentur abgewickelt wird. Die Zahlen zeigen, dass weiterhin viel investiert wird: Im Jahr 2025 wurden 2’608 Förderzusicherungen im Umfang von 34,6 Millionen Franken erteilt. Gleichzeitig erfolgten 2’827 Auszahlungen über insgesamt 31,5 Millionen Franken. Mehr als 80 Prozent dieser Mittel flossen in Massnahmen zur Energieeffizienz und zur Dekarbonisierung.
Gemessen an der eingesparten Menge CO₂ gehört der Kanton damit schweizweit zur Spitzengruppe: Pro Förderfranken werden rund 17,2 Kilogramm CO₂ eingespart. Fortschritte sind laut Zahner insbesondere bei der energetischen Modernisierung von Gebäuden, beim Ausbau von Wärmenetzen und bei Gebäudemodernisierungskonzepten sichtbar. Gleichzeitig zeigt sich aber auch eine Gegenbewegung: Die Zahl der Gesuche für Wärmepumpen ist im gleichen Zeitraum um 15 Prozent zurückgegangen. Gründe dafür seien unter anderem gestiegene Strompreise, Planungsunsicherheit und längere Erneuerungszyklen.
Noch viele fossile Heizungen
Noch immer spielt fossile Energie im Gebäudebereich eine grosse Rolle. Eine kürzlich durchgeführte Überprüfung von rund 90’000 Gebäudedatensätzen in 50 Gemeinden zeigt, dass etwas mehr als die Hälfte der Gebäude weiterhin mit fossilen Heizsystemen betrieben wird. «Der Handlungsbedarf bleibt entsprechend gross», sagt Zahner.
Solarenergie wächst – doch das System muss mitwachsen
Dynamischer entwickelt sich der Ausbau der Solarenergie. Photovoltaik war im vergangenen Jahr das meistnachgefragte Beratungsthema bei der Energieagentur. Zusätzlichen Schub dürfte die neue Pflicht geben, bei geförderten Dachdämmungen auch Photovoltaikanlagen zu installieren.
Langfristig reiche der Fokus auf Solarenergie allein jedoch nicht aus, betont Zahner. «Das Energiesystem muss als Ganzes gedacht werden.» Dazu gehörten Speicherlösungen, eine bessere Abstimmung mit den Stromnetzen sowie die stärkere Verknüpfung von Strom-, Wärme- und Mobilitätslösungen.
«Die einzelnen Massnahmen entwickeln sich unterschiedlich dynamisch – insgesamt fällt die Halbzeitbilanz der Energiewende im Kanton St.Gallen deshalb eher durchzogen aus.»
Private tragen den grössten Teil der Kosten
Finanziert wird die Energiewende zwar teilweise durch Förderprogramme von Kanton und Gemeinden, den grössten Teil der Investitionen tragen jedoch Private und Unternehmen. Die im Jahr 2025 zugesicherten Förderbeiträge von 34,6 Millionen Franken lösten Investitionen von rund 300 Millionen Franken aus.
Für Hauseigentümer lohne sich eine energetische Sanierung häufig auch wirtschaftlich: Betriebskosten sinken, der Marktwert der Liegenschaft steigt und der Wohnkomfort nimmt zu. Gleichzeitig profitiert die regionale Wirtschaft. «Die Energiewende ist eine Chance, die mehrfachen Nutzen schafft – für Eigentümer, Wirtschaft und Gesellschaft», sagt Zahner.
Hürden bei Sanierungen und neuen Heizungen
In der Praxis sehen sich viele Privatpersonen jedoch mit komplexen Vorschriften, hohen Investitionskosten oder technischen Fragen konfrontiert. Hier setzt die Energieagentur an: Sie bietet Beratungen, stellt Datengrundlagen bereit und ermöglicht eine digitale Abwicklung von Fördergesuchen.
Auch regulatorische Anpassungen führten zwar kurzfristig zu höherem Beratungsbedarf, schafften langfristig aber klare Rahmenbedingungen. Zudem seien in den letzten Jahren verschiedene Prozesse vereinfacht worden – etwa durch verbesserte Bewilligungsverfahren für Solaranlagen, die Digitalisierung des Förderwesens oder den elektronischen Vollzug der Energienachweise.
Versorgungssicherheit rückt stärker in den Fokus
Ein weiteres zentrales Thema ist die Versorgungssicherheit. Nach den energiepolitischen Diskussionen der vergangenen Jahre werde diese heute stärker systemisch betrachtet, erklärt Zahner. Im aktuellen Energiekonzept hat die Regierung deshalb den Schwerpunkt «Stromversorgungssicherheit stärken» definiert.
Die Energieagentur steht dazu im Austausch mit Verteilnetzbetreibern, Unternehmen, Energieberatern und der Ostschweizer Fachhochschule OST. Projekte zu Grossspeichern, Quartierbatterien oder Wärme-Kraft-Kopplung sollen dazu beitragen, das Energiesystem widerstandsfähiger zu machen.
Auch aktuelle geopolitische Entwicklungen wirken sich direkt auf die Nachfrage aus. «Aktuell spüren wir die Auswirkungen des Krieges deutlich: Seit letzter Woche verzeichnen wir wieder eine erhöhte Nachfrage nach erneuerbaren Heizsystemen beziehungsweise nach Lösungen, die mehr Unabhängigkeit vom Ausland sowie von stark schwankenden Gas- und Ölpreisen ermöglichen», sagt Zahner. Ähnliche Entwicklungen habe man bereits während des Ukrainekriegs und der damaligen Energiekrise beobachtet.
Umso wichtiger sei es, diese Dynamik aufrechtzuerhalten und konsequent in die Umsetzung zu kommen. «Jede einheimisch produzierte Kilowattstunde macht uns unabhängiger vom Ausland. Und jede Kilowattstunde, die wir nicht verschwenden, muss auch nicht produziert werden.»
Gemeinden als Schlüsselakteure
Eine wichtige Rolle spielen auch die Gemeinden. Sie sind zentrale Akteure bei der Umsetzung, unterscheiden sich jedoch stark hinsichtlich ihrer finanziellen Möglichkeiten und lokalen Potenziale. Insgesamt begleitet die Energieagentur derzeit 75 Gemeinden aktiv.
Lokale Initiativen zeigen, welches Potenzial darin steckt. So hat etwa die Aktion «100in100» in Uzwil zu einem deutlichen Anstieg der Wärmepumpen geführt, während Goldach seine kommunale Wärmeplanung bereits abgeschlossen hat. Auch in anderen Gemeinden entstehen neue Projekte – etwa eine geplante Baumpflanzaktion in Balgach, die von verschiedenen lokalen Institutionen gemeinsam getragen wird.
«Jede einheimisch produzierte Kilowattstunde macht uns unabhängiger vom Ausland. Und jede Kilowattstunde, die wir nicht verschwenden, muss auch nicht produziert werden.»
Industrie zwischen Wachstum und Dekarbonisierung
Eine besondere Herausforderung bleibt die energieintensive Industrie des Kantons. Die Frage, wie sich Wirtschaftswachstum und Dekarbonisierung vereinbaren lassen, werde kontrovers diskutiert, sagt Zahner. Im Vordergrund stünden derzeit vor allem Massnahmen zur Effizienzsteigerung und der verstärkte Einsatz erneuerbarer Energien. Zudem stehe man im Dialog mit Energieversorgungsunternehmen, insbesondere im Hinblick auf kommende Effizienzverpflichtungen des Bundes.
Der Blick in die Zukunft
Wie der Kanton in zehn Jahren dastehen wird, lässt sich heute nur teilweise abschätzen. Zahner zeichnet jedoch ein klares Bild: Intelligente Energiesysteme könnten künftig miteinander kommunizieren, Neubauten erneuerbar und kreislauffähig erstellt werden. Bestehende Gebäude in Siedlungsgebieten würden dank Wärmeplänen weitgehend fossilfrei über Wärmenetze versorgt oder mit eigener erneuerbarer Energie betrieben. «So ist es im St.Galler Energiekonzept vorgesehen», sagt Zahner.
Was Privatpersonen tun können
Auch Privatpersonen können dazu beitragen. Hauseigentümer können ihre Gebäudehülle dämmen, auf erneuerbare Heizsysteme umsteigen oder Photovoltaikanlagen installieren. Mieter wiederum können ihren Stromverbrauch reduzieren oder sich an Solarprojekten beteiligen, auch ohne eigenes Dach.
«In unserer täglichen Routine liegt ein enormes Potenzial», betont Zahner. «Die Energiewende gelingt nur, wenn viele Menschen im Kleinen konkrete Schritte umsetzen.»


