top of page
  • Facebook
  • Instagram

Zwischen Wachstum und Verantwortung: Wie St.Gallen seine Zukunft gestaltet

  • Autorenbild: Marcel Baumgartner
    Marcel Baumgartner
  • 21. Apr.
  • 4 Min. Lesezeit
Wohnraum, Energieversorgung, Klimawandel: Die Herausforderungen für den Kanton St.Gallen sind komplex – und eng miteinander verknüpft. Regierungsrätin Susanne Hartmann spricht über Zielkonflikte, notwendige Balance und darüber, warum gute Lösungen immer auch Zeit, Dialog und Weitsicht brauchen.

Regierungsrätin Susanne Hartmann: Sie gestaltet im Bau- und Umweltdepartement die Zukunft des Kantons St.Gallen zwischen Wachstum, Klimaschutz und Lebensqualität.
Regierungsrätin Susanne Hartmann: Sie gestaltet im Bau- und Umweltdepartement die Zukunft des Kantons St.Gallen zwischen Wachstum, Klimaschutz und Lebensqualität.

Susanne Hartmann, wenn Sie morgens Ihr Büro betreten: Was beschäftigt Sie derzeit als Erstes – ein politisches Dossier oder ein Gedanke an die Zukunft des Kantons?

Meistens beides zugleich. Oft stehen komplexe Dossiers an – etwa im Hochwasserschutz, in der Energieplanung oder in der Siedlungsentwicklung. Vordergründig geht es um Gesetze oder Bauprojekte, dahinter steht jedoch immer die zentrale Frage: Wie wollen wir im Kanton St.Gallen künftig leben? Unsere Entscheide prägen die Lebensqualität und die Widerstandsfähigkeit für kommende Generationen.


Sie stehen an der Spitze des Bau- und Umweltdepartements. Was hat Sie ursprünglich an diesem Politikbereich besonders gereizt?

In meinem beruflichen Werdegang – als Primarlehrerin, Rechtsanwältin und später während sieben Jahren als Stadtpräsidentin von Wil – habe ich es stets geschätzt, wenn meine Arbeit konkrete und sichtbare Resultate hervorbringt. Das Bau- und Umweltdepartement prägt unseren Alltag unmittelbar und gestaltet gleichzeitig die Zukunft. Strassen, Natur und Landschaft, Kantons- und Berufsschulen: Dieses Departement verbindet strategische Planung mit greifbaren Ergebnissen – das finde ich besonders reizvoll.


Sie erwähnen es, Ihr Departement vereint zwei grosse Themenfelder: Bauen und Umwelt. Wo sehen Sie persönlich die grösste Verantwortung Ihres Amtes?

Es geht nicht um ein Entweder-oder, sondern um die richtige Balance: wirtschaftliche Entwicklung ermöglichen und gleichzeitig unsere Lebensgrundlagen bewahren. Ein Beispiel ist «WilWest». Mit gezielten raumplanerischen Entscheiden bündeln wir die künftige Entwicklung an einem gut erschlossenen Standort und schaffen so Perspektiven für Bevölkerung und Wirtschaft.


«Es geht nicht um ein Entweder-oder, sondern um die richtige Balance zwischen Entwicklung und Verantwortung.»

Viele Regionen kämpfen mit steigenden Mieten und knapperem Wohnraum. Wie kann der Kanton St.Gallen genügend Wohnraum schaffen, ohne immer mehr Landschaft zu verbauen?

Der Schlüssel liegt in der besseren Nutzung bestehender Siedlungsflächen. Die Raumplanung in der Schweiz setzt klar auf Innenentwicklung. Wir wollen mehr Wohnraum schaffen, ohne neue Bauzonen auszuscheiden und Kulturland zu verlieren. Das bedeutet: bestehende Areale gezielt verdichten, brachliegende Flächen nutzen und ehemalige Gewerbeareale umnutzen. Entscheidend ist dabei die Qualität – Verdichtung funktioniert nur, wenn attraktive Lebensräume entstehen.


Klimawandel, Energieversorgung und Naturschutz sind eng miteinander verbunden. Welche Massnahmen haben für Sie derzeit Priorität?

Erstens der Ausbau erneuerbarer Energien – für mehr Unabhängigkeit und Versorgungssicherheit. Zweitens der Schutz vor Naturgefahren, da der Klimawandel zu intensiveren Wetterereignissen führt. Drittens der Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen, insbesondere von Landschaft, Wasser und Biodiversität. Diese Themen gehören zusammen und dürfen politisch nicht gegeneinander ausgespielt werden.


Der Ausbau erneuerbarer Energien führt häufig zu Konflikten – etwa bei Wind- oder Solaranlagen. Wie findet der Kanton eine Balance zwischen Energieproduktion und Landschaftsschutz?

Diese Balance ist anspruchsvoll – einfache Lösungen gibt es nicht. Für die Stromversorgung im Winter sehe ich in der Windenergie grosses Potenzial. Der Kanton hat im Richtplan 15 geeignete Gebiete festgelegt und damit klare Rahmenbedingungen geschaffen. Empfindliche und geschützte Gebiete bleiben ausgeschlossen. Wichtig ist mir zudem, die Bevölkerung früh einzubeziehen. Transparenz und Dialog fördern Verständnis und Akzeptanz.


Susanne Hartmann: «Kritik gehört dazu – gerade in meinem Departement.»
Susanne Hartmann: «Kritik gehört dazu – gerade in meinem Departement.»

Bauprojekte stossen oft auf Einsprachen und langwierige Verfahren. Brauchen wir schnellere Bewilligungsprozesse?

Ja – aber ohne die demokratische Mitsprache einzuschränken. Effizienz bedeutet für mich vor allem, Grundlagen, Zuständigkeiten und Rahmenbedingungen früh zu klären. Ein wichtiger Schritt ist die Digitalisierung des Baubewilligungsverfahrens im Projekt eBaubewilligungSG, das wir gemeinsam mit den Gemeinden vorantreiben.


Der Schutz der Biodiversität wird immer wichtiger. Wo sehen Sie aktuell die grössten Defizite?

Vor allem in der zunehmenden Zerschneidung von Lebensräumen und im schleichenden Verlust der landschaftlichen Eigenart. Der Druck auf unsere Landschaften wächst – durch Siedlungsentwicklung, Verkehr, Freizeitnutzung und den Klimawandel. Das Landschaftskonzept 2025 ist deshalb ein zentraler Baustein, um die Vielfalt zu erhalten und unberührte Räume zu sichern.


Gemeinden stehen oft unter Druck. Wie unterstützt der Kanton konkret?

Mit Grundlagen, Fachwissen, Koordination und klaren Verfahren. Wichtig ist mir, dass wir die Gemeinden nicht nur regulieren, sondern sie aktiv begleiten – etwa bei Projekten zur Windenergienutzung.


Als Regierungsrätin müssen Sie Entscheidungen treffen, die nicht allen gefallen. Wie gehen Sie mit Kritik um?

Kritik gehört dazu – gerade in meinem Departement, wo unterschiedliche Interessen aufeinandertreffen. Sachliche Kritik nehme ich ernst, sie hilft oft, Projekte zu verbessern. Gleichzeitig darf politischer Druck nicht dazu führen, den eigenen Kompass zu verlieren.


«Verdichtung gelingt nur, wenn daraus lebenswerte Räume entstehen – mit Qualität, Grünflächen und kurzen Wegen.»

Gab es eine Entscheidung, die Ihnen besonders schwergefallen ist?

Ja, etwa beim Projekt Platztor in St.Gallen. Nach intensiver Prüfung haben wir entschieden, das Projekt nicht weiterzuverfolgen und neu zu starten. Solche Entscheide sind anspruchsvoll, weil sie weitreichende Folgen haben. Aber es gehört zur Verantwortung, Projekte zu stoppen, wenn sie sich nicht in die gewünschte Richtung entwickeln.


Wenn Sie an das Jahr 2040 denken: Wie sieht ein erfolgreicher Kanton St.Gallen aus?

Ein Kanton, der wirtschaftlich dynamisch ist und gleichzeitig seine Identität bewahrt hat. Ein Kanton, der einen grossen Teil seiner Energie selbst produziert, seine Flächen sorgfältig nutzt und seine Landschaft schützt. Entscheidend ist, dass starke Zentren und ländliche Regionen gemeinsam vorankommen.


Und ganz persönlich: Was möchten Sie in Ihrer Amtszeit unbedingt noch erreichen?

Fortschritte in drei zentralen Bereichen: eine verlässliche und bezahlbare Energieversorgung, eine qualitätsvolle Siedlungsentwicklung und ein wirksamer Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen. Wenn wir hier tragfähige Grundlagen schaffen, profitieren auch kommende Generationen.

bottom of page