«Andere reden. Wir arbeiten»
- Marcel Baumgartner
- 23. Apr.
- 4 Min. Lesezeit
Die FDP versteht sich als Wirtschaftspartei mit klaren liberalen Werten. Der St.Galler Kantonalpräsident Oskar Seger erklärt im Interview, wie sichtbar dieses Profil heute noch ist, wo seine Partei steht – und was sie besser machen muss. Seger steht seit Mitte November 2025 an der Spitze des St.Galler Freisinns.

Oskar Seger, die FDP versteht sich als Wirtschaftspartei – wie klar ist dieses Profil im Kanton St.Gallen heute noch erkennbar?Die FDP steht für alle, die Tag für Tag den Wecker stellen, sich engagieren und ihren Beitrag leisten – bei der Arbeit, in der Familie, unternehmerisch oder ehrenamtlich. Dafür braucht es wirtschaftliche Rahmenbedingungen, die Innovationen fördern und Arbeitsplätze mit weltweit besten Löhnen in allen Berufen ermöglichen. Gerade in unsicheren Zeiten ist unser vernünftiger und lösungsorientierter Einsatz wichtiger denn je, damit wir unser Erfolgsmodell Schweiz schützen können.
Wo steht die FDP St.Gallen aktuell politisch: auf Kurs oder in einer Phase der Neuorientierung?Wir sind klar auf Kurs. Gleichzeitig steht die Welt nicht still, und es ist unsere stetige Aufgabe, uns weiterzuentwickeln. Unsere Überzeugungen bleiben unverändert: Freiheit, Gemeinsinn und Fortschritt. Entscheidend ist, aktuelle Herausforderungen konstruktiv anzugehen und Lösungen für die Bevölkerung zu erarbeiten, statt Probleme zu bewirtschaften. Andere reden. Wir arbeiten. Das ist seit jeher eine Stärke der FDP.
Welche Bilanz ziehen Sie nach Ihrer bisherigen Zeit als Parteipräsident?Ich bin sehr zufrieden mit dem Start. Die St.Galler FDP ist gut aufgestellt und hat klare Ziele. Besonders erfreulich ist der Mitgliederzuwachs: Im März durften wir jeden Tag ein Neumitglied begrüssen. Das zeigt, dass unsere Partei anzieht und dass unser Kurs überzeugt. Es ist eine anspruchsvolle, aber vor allem auch sehr schöne Aufgabe, diese Partei führen zu dürfen. Darauf bauen wir jetzt weiter auf.

Wie stark prägen Sie persönlich die inhaltliche Ausrichtung der Kantonalpartei?Ich gebe Impulse und setze Schwerpunkte, aber unsere Partei funktioniert nur gemeinsam. Die FDP ist basisdemokratisch organisiert und lebt vom Austausch mit den Mitgliedern und der Bevölkerung. Täglich werden Anliegen und Sorgen an uns herangetragen. Diese nehmen wir ernst und setzen uns für konkrete, bestmögliche Lösungen ein. Mir ist wichtig, dass wir dabei klar, pointiert und konstruktiv auftreten.
Die FDP hat in den letzten Jahren auch im Kanton St.Gallen teilweise Stimmenanteile verloren – woran liegt das aus Ihrer Sicht?Die politische Landschaft ist polarisierter geworden. Viele orientieren sich stärker an Schlagzeilen als an Lösungen. Als lösungsorientierte Partei müssen wir unsere Kommunikation verbessern: näher bei den Menschen, verständlicher und mit klarer Haltung. In den Gemeinden und in der Regierung, wo Arbeit und Lösungen zählen, sind wir stark aufgestellt. In den Parlamenten hingegen sind wir untervertreten. Das müssen wir ändern.
Gelingt es der FDP noch ausreichend, jüngere Wählerinnen und Wähler anzusprechen?Mit den Jungfreisinnigen haben wir wohl die aktivste Jungpartei, die nicht durch Provokation oder Sachbeschädigung, sondern mit Lösungen auf sich aufmerksam macht. Gleichzeitig gibt es noch Potenzial. Denn mit ihrer Politik für Perspektiven, Zukunft und Fortschritt müsste die FDP gerade für die jüngere Generation die erste Adresse sein. Junge Menschen erwarten Antworten bei Arbeit, Bildung und Zukunftssicherheit. Genau dort haben wir überzeugende Lösungen – und diese müssen wir noch sichtbarer machen.
Ist die FDP im Kanton nicht zu sehr Verwaltungspartei geworden statt gestaltende Kraft?Nein. Wir sind die Partei, die konsequent für Fortschritt einsteht. Die FDP gestaltet – im Kantonsrat, in den Gemeinden und in der Regierung. Wir bringen Lösungen und verwalten keine Probleme.
Wo sehen Sie aktuell die grössten politischen Konkurrenten – eher links oder in der politischen Mitte?Unsere grösste Herausforderung ist die zunehmende Polarisierung. Wir positionieren uns bewusst als lösungsorientierte, vernünftige, bürgerliche Partei.
Die FDP betont Eigenverantwortung und Freiheit – wo sehen Sie Grenzen dieser Prinzipien in der heutigen Politik realistisch gesetzt?Freiheit braucht Sicherheit. Dort, wo Sicherheit, Rechtsstaatlichkeit oder Chancengerechtigkeit gefährdet sind, braucht es klare Regeln. Es gilt: so viel Freiheit wie möglich, so viel Staat wie nötig.
Wie positioniert sich die FDP St.Gallen konkret bei Themen wie Klimapolitik, Verkehr und Raumplanung – oder fehlt es hier teilweise an klaren Kanten?Nein. Wir setzen konsequent auf Lösungen statt auf Verbote. In der Klimapolitik stehen wir – wohl als einzige Partei – für einen konsequenten Ausbau der Stromproduktion, um eine sichere, bezahlbare und nachhaltige Versorgung zu gewährleisten. Dazu gehören der Ausbau der erneuerbaren Energien, der Erhalt bestehender Kernkraftwerke sowie die Planung neuer Grosskraftwerke. Beim Verkehr braucht es sowohl Optimierungen im öffentlichen Verkehr als auch beim Individualverkehr, damit Wartezeiten und Wege verkürzt werden. Und in der Raumplanung braucht es eine ausgewogene Entwicklung, die Wohnen und Gewerbe ermöglicht und Investitionen lohnenswert macht. Ideologische Blockaden helfen nicht weiter – wir brauchen umsetzbare und wirtschaftlich tragfähige Lösungen.

Wird die FDP in sozialen Fragen manchmal als zu wirtschaftslastig wahrgenommen? Wie begegnen Sie dieser Kritik?Ich sehe das anders. Soziale Verantwortung setzt wirtschaftliche Stärke voraus. Denn Erwirtschaften kommt immer vor Verteilen. Ohne starke KMU und ohne Wertschöpfung fehlen die Mittel für Bildung, Sicherheit, Gesundheit und soziale Leistungen. Wer den Sozialstaat erhalten will, muss zuerst seine Grundlage stärken.
Wie geschlossen ist die FDP im Kanton St.Gallen wirklich – oder gibt es erkennbare Spannungen zwischen Stadt und Land?Die FDP ist geschlossen und vertritt – im Gegensatz zu anderen Parteien – überall die gleichen Werte. Vielleicht ist bei uns gerade darum kein Stadt-Land-Graben zu beobachten.
Wie gehen Sie mit unterschiedlichen Strömungen innerhalb der Partei um, insbesondere zwischen wirtschaftsliberalen und liberal-sozialeren Kräften?Wissen Sie, warum viele Personen keiner Partei angehören? Weil sie mit den Positionen einer Partei nicht zu 100 Prozent einverstanden sind. Diese Begründung greift aber zu kurz. Unterschiedliche Ansichten gehören überall dazu – in einer Partnerschaft, im Freundeskreis oder im Verein. Entscheidend sind die gemeinsamen Grundüberzeugungen und ein respektvoller Umgang. So können tragfähige Lösungen entstehen, die dann von allen unterstützt werden. Das ist wahrer Gemeinsinn.
Was muss die FDP St.Gallen konkret besser machen, um bei den nächsten Wahlen zuzulegen?Wir müssen noch klarer, näher und präsenter sein. Klar in der Haltung, nahe bei den Menschen und präsent dort, wo die Herausforderungen des Alltags spürbar sind. Die FDP hat sehr gute Lösungen für einen starken Standort, sichere Arbeitsplätze und verlässliche Perspektiven. Jetzt geht es darum, diese Stärke mit voller Geschlossenheit auf die Strasse und zu den Leuten zu bringen.
Wenn Sie in vier Jahren zurückblicken: Woran messen Sie persönlich Ihren Erfolg als Parteipräsident?Am Vertrauen der Bevölkerung, an Wahlergebnissen – und daran, ob wir unsere Inhalte politisch umsetzen können. Mein Ziel ist eine starke, sichtbare und lösungsorientierte FDP.


