Abschied mit einem Augenzwinkern
- Marcel Baumgartner
- 19. Mai
- 4 Min. Lesezeit
Nach 33 Jahren auf der Bühne sagt der Bündner Kabarettist Rolf Schmid langsam leise Servus. Im Rahmen seiner Abschiedstournee tritt er am 28. Mai auch in Altstätten auf. Im Interview spricht er über sein definitives – oder vielleicht doch nicht ganz definitives – Bühnenende, die Kulturszene, gesellschaftliche Veränderungen und darüber, weshalb das Publikum im Rheintal für ihn etwas Besonderes ist.

Rolf Schmid, Sie sind seit Jahrzehnten auf der Bühne. Warum genau jetzt die Abschiedstournee?
Ich wurde letztes Jahr 66, stand 33 Jahre auf der Bühne. Soll ich mit 99 auf 66 Jahre Karriere zurückblicken? Nanei, das machemer nid. Mein Gefühl sagt mir, dass es jetzt reicht, und auf mein Gefühl konnte ich mich mein ganzes Leben lang verlassen.
Fällt Ihnen das Loslassen leicht – oder steckt hinter dem Entscheid auch eine gewisse Müdigkeit gegenüber der heutigen Kulturszene?
Ach, die Kulturszene. Als Kabarettist wird man von der Kultur nicht wirklich akzeptiert. Volle Häuser und kommerzieller Erfolg nützen da gar nichts, ganz im Gegenteil. Um zu dieser Szene zu gehören, muss man ernst und erfolglos sein, den Kommerz und die Massen verachten und von öffentlichen Steuergeldern subventioniert Produktionen für eine kleine Minderheit machen. Je leerer das Theater, desto gehaltvoller das Stück. So, jetzt hanis gsait – jetzt isch mr wohler.
Viele Künstler kündigen ihren Abschied an und kehren später doch zurück. Wie definitiv ist Ihr Bühnenende wirklich?
Ja genau, Fake News sind angesagt. Heute ist mein Abschied definitiv. Und in vier oder fünf Jahren? Ich kann jetzt beim besten Willen nicht sagen, was ich dann denken oder machen werde. Geplant habe ich das grosse Comeback jedenfalls noch nicht.
«Mein Gefühl sagt mir, dass es jetzt reicht – und auf mein Gefühl konnte ich mich mein ganzes Leben lang verlassen.»
Sie wurden über Jahre als bodenständig und volksnah wahrgenommen. Hat sich das Publikum in den letzten Jahren verändert?
Mein Publikum ist sehr heterogen: Büezer und Bauern, aber auch Staatsanwältinnen, Architekten, Ärzte und Lehrerinnen. Mein Publikum ist mit mir zusammen älter geworden. Eine Weile. Jetzt zeichnet sich der Trend ab, dass mein Publikum wieder jünger wird. Ich selber aber nicht. Ein wirklich sehr interessantes Phänomen.
Humor scheint heute schneller anzuecken als früher. Haben Sie manchmal das Gefühl, dass Kabarettisten heute vorsichtiger sein müssen?
Nein. Comedians gehen heute viel weiter als noch vor 20 oder 30 Jahren. Es stört kaum noch jemanden. Im Zuge der Woke-Welle gibt es hin und wieder mediale Aufreger, natürlich immer mit dem obligaten Tucholsky-Zitat: Was darf Satire? Ich sage dazu: Wen interessierts. Gut, es gibt jemanden: angstgesteuerte Sponsoren von Comedy-Events, die inzwischen denken, Kabarett müsse ausgewogen, politisch korrekt und biologisch abbaubar sein, damit sie nicht in einem Shitstorm untergehen.
Gibt es Pointen oder Figuren aus früheren Programmen, die Sie heute nicht mehr bringen würden?
Ja klar. Es gibt Figuren, die nicht mehr zu meinem Alter passen. Und natürlich auch Nummern, die dem Level und Stil des aktuellen Programms nicht mehr entsprechen. Aber vieles ist eigentlich zeitlos. Auch meinen Klassiker, den unsympathischen Patriarchen «I mag eifach nid», gibt es in der realen Welt leider immer noch.

Sie haben sich stets stark über Beobachtungen aus dem Alltag definiert. Was bereitet Ihnen heute gesellschaftlich am meisten Sorgen?
Ich mache mir generell wenig Sorgen und reflektiere in meinen Nummern und Programmen auch nicht gesellschaftliche oder soziodemografische Veränderungen. Das machen andere. Lassen wir sie machen. Alles fliesst. Schauen wir mal wohin.
Kritiker sagen, Schweizer Kabarett sei oft zu harmlos und konfliktarm. Teilen Sie diese Einschätzung?
Die Frage ist doch: Was ist das Ziel von Kabarett oder Comedy? Mein Ziel ist Unterhaltung: loslassen, lachen, entspannen, ein vergnüglicher Abend fürs Publikum. Keine Sozialanalyse oder Gesellschaftskritik. Was das klassische politische Kabarett angeht: Ich sehe da in der Schweiz nichts wirklich Relevantes. Kein Wunder – wem es so gut geht wie uns, der hat eben wenig Grund, sich zu beklagen. Und sich künstlich über Details aufzuregen, ergibt auch keinen Sinn.
Sie waren nicht nur Künstler, sondern auch Unternehmer. Gab es Momente, in denen wirtschaftliche Überlegungen wichtiger wurden als die Kunst?
Kunst ist ein grosses Wort. Sagen wir mal Job. Und mein Job, die Bühne, war immer die Nummer zwei oder drei hinter meinem Leben, meiner Familie und meinen Freunden. Work-Life-Balance heisst das heute. Ich habe es in den 90er-Jahren erfunden, aber leider nicht patentieren lassen. Umgesetzt habe ich es immer – und manchmal auch die unangenehmen wirtschaftlichen Konsequenzen getragen.
«Mein Ziel ist Unterhaltung: loslassen, lachen, entspannen, ein vergnüglicher Abend fürs Publikum.»
Was war Ihre grösste Enttäuschung im Kulturbetrieb?
Dass mir Politiker und Entscheidungsträger hinter den Kulissen auf die Schultern klopfen – lange war ich ja der einzige Bündner Kabarettist mit nationalem Erfolg – und wenn es dann einmal um eine offizielle Anerkennung geht, werde ich mit systematischer Regelmässigkeit übersehen und übergangen. Man könnte schon von einem konsequenten, aktiven Wegschauen sprechen. Aber wie hat Jerry Seinfeld sinngemäss gesagt: Comedians brauchen keine Awards. Sie sind gefragt, haben Arbeit und verdienen Geld.
Wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken: Haben Sie Chancen verpasst oder Entscheidungen getroffen, die Sie heute anders fällen würden?
Super. Diese Frage kommt immer, und meine Antwort ist stets dieselbe: Ich würde nichts anders machen – oder alles. Nein, im Ernst: Ich glaube nicht, dass ich irgendwo eine Weiche falsch gestellt habe. Und was würde es bringen, es jetzt erst zu realisieren?
Sie treten nun auch in Altstätten auf. Was verbinden Sie mit dem Rheintal – und wie unterscheidet sich das Publikum dort von anderen Regionen der Schweiz?
Natürlich könnte ich jetzt sagen, das Publikum ist in der Schweiz überall cool. Aber das stimmt so nicht. In der Ostschweiz und vor allem im Rheintal macht das Spielen wirklich noch mehr Spass. Das Publikum ist einfach näher oder wacher oder offener oder selber lustiger. Was weiss denn ich. Ausserdem muss ich nicht acht Stunden Autofahren wie bei Auftritten im Berner Oberland. Ich freue mich jedenfalls extrem auf meinen Auftritt in Altstätten.


