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Wie sich der CSIO St.Gallen stetig weiterentwickelt

  • Autorenbild: Marcel Baumgartner
    Marcel Baumgartner
  • 21. Mai
  • 4 Min. Lesezeit

Grossanlässe stehen zunehmend unter Rechtfertigungsdruck. Auch der CSIO St.Gallen bleibt davon nicht verschont. Diskussionen über Kosten, Nachhaltigkeit, gesellschaftliche Relevanz und Tierwohl begleiten heute fast jede grosse Veranstaltung. OK-Präsidentin Nayla Stössel stellt sich dieser Debatte offensiv – und sieht gerade darin eine Chance.


OK-Präsidentin Nayla Stössel will den CSIO St.Gallen zwischen Tradition, Spitzensport und gesellschaftlicher Relevanz weiterentwickeln.
OK-Präsidentin Nayla Stössel will den CSIO St.Gallen zwischen Tradition, Spitzensport und gesellschaftlicher Relevanz weiterentwickeln.

Der Longines CSIO St.Gallen findet dieses Jahr vom 4. bis 7. Juni 2026 im Gründenmoos in St.Gallen statt. Erwartet werden erneut internationale Spitzenreiterinnen und Spitzenreiter, tausende Besucherinnen und Besucher sowie zahlreiche Gäste aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft.


«Ein Anlass muss heute mehr leisten»

«Wir nehmen die Kritik ernst und nutzen sie als Grundlage für Weiterentwicklung», sagt Nayla Stössel gleich zu Beginn des Gesprächs. Gerade Grossveranstaltungen müssten heute ihren Nutzen deutlich machen. Unterhaltung allein genüge nicht mehr.

Für die Präsidentin des Organisationskomitees ist klar: Der CSIO müsse gesellschaftliche Legitimation schaffen. Dabei verweist sie auf die besondere Rolle des Pferdes. Dieses schaffe Mehrwert weit über den Sport hinaus – etwa in Therapie, Rehabilitation, persönlicher Entwicklung oder Integrationsarbeit. «Die Verbindung zwischen Mensch und Tier ist einzigartig und gesellschaftlich hoch relevant», sagt Stössel.

Gleichzeitig beobachte sie einen gegenläufigen Trend zur immer digitaleren Welt. Physische Begegnungen würden wichtiger statt unwichtiger. Die Pandemie habe gezeigt, wie gross das Bedürfnis nach gemeinsamen Erlebnissen sei. «Der Mensch braucht das Physische, das Soziale, das Gemeinsame», sagt sie. Genau dort sehe sie die Aufgabe des CSIO: als Ort der Begegnung und des Austauschs.


Nayla Stössel: «Ein Anlass wie der CSIO muss heute mehr leisten als Unterhaltung – er muss einen echten Beitrag für Gesellschaft und Region erbringen.»
Nayla Stössel: «Ein Anlass wie der CSIO muss heute mehr leisten als Unterhaltung – er muss einen echten Beitrag für Gesellschaft und Region erbringen.»

Zwischen Weltklasse und wachsendem Druck

Der CSIO St.Gallen ist das bedeutendste Outdoor-Springreitturnier der Schweiz. Doch die Rahmenbedingungen hätten sich stark verändert. Der internationale Pferdesport sei heute deutlich kompetitiver als noch vor wenigen Jahren. Weltweit entstehen immer mehr hochdotierte Turniere, gleichzeitig steigen die Anforderungen an Infrastruktur, Sicherheit und Organisation kontinuierlich.

«Die grösste Herausforderung ist die steigende Komplexität», sagt Stössel. Kosten würden zunehmen, Anspruchsgruppen hätten immer höhere Erwartungen, und gleichzeitig wolle man den eigenen Qualitätsanspruch weiter ausbauen.

Diese Entwicklung spürt auch das Publikum. Wer heute ein grosses Sportevent besucht, erwartet mehr als nur Wettkämpfe. Hospitality-Angebote, Gastronomie, Unterhaltung und familienfreundliche Erlebnisse gehören längst zum Gesamtpaket.

Der CSIO reagiert darauf mit einer bewussten Öffnung. Spitzensport bleibe zwar das Herzstück, doch rundherum entstehe ein vielseitiges Erlebnis für unterschiedliche Zielgruppen.


Live-Musik, Chalet-Restaurant und Hundepark

Besonders sichtbar wird dieser Wandel im Rahmenprogramm. Von Donnerstag bis Samstag gibt es nach den Wettkämpfen jeweils Live-Musik bei freiem Eintritt. «Wir möchten einen offenen Ort schaffen, an dem man den Tag gemeinsam ausklingen lassen kann», erklärt Stössel.

Neu ist zudem das öffentliche Restaurant «Panorama-Alp», das im Stil eines Schweizer Chalets gestaltet wurde und bewusst auf Swissness setzt. Dazu kommt eine weitere Neuerung mit Augenzwinkern: «Wir sind dieses Jahr auch ein bisschen auf den Hund gekommen», sagt Stössel. Mit dem neuen CSIO Hundepark wolle man den Outdoor- und Lifestyle-Charakter des Anlasses zusätzlich stärken.

Der CSIO versucht damit, sich breiter aufzustellen – ohne den sportlichen Kern zu verlieren.


Sportliche Höhepunkte mit WM-Charakter

Sportlich stehen auch dieses Jahr zwei Prüfungen besonders im Fokus: der Range Rover Nationenpreis der Schweiz sowie der Longines Grand Prix der Schweiz. Beide sind seit Jahren die prestigeträchtigsten Prüfungen des Turniers.

2026 erhält der Anlass zusätzliche Bedeutung, weil im August die Weltmeisterschaften in Aachen stattfinden. Die internationale Reitsport-Szene befinde sich deshalb bereits früh in Hochform. «Die Community ist besonders auf Zack», sagt Stössel.

Von grosser Bedeutung bleibt dabei die Schweizer Equipe. Wenn heimische Reiter erfolgreich sind, entstehe eine besondere Verbindung zwischen Publikum und Anlass. «Das schafft Identifikation», sagt sie.


«Der Mensch braucht das Physische, das Soziale, das Gemeinsame.»

Nachwuchs als Investition in die Zukunft

Neben der Weltelite setzt der CSIO seit Jahren bewusst auf Nachwuchsförderung. Gerade im Pferdesport brauche Entwicklung Zeit – sowohl für Reiterinnen und Reiter als auch für Pferde.

Deshalb organisiert der Anlass Prüfungen für sieben- und achtjährige Pferde sowie eine internationale U25-Serie für junge Talente. Der Übergang in den Spitzensport könne manchmal überraschend schnell erfolgen, betont Stössel. Namen wie Steve Guerdat, Martin Fuchs oder Edouard Schmitz zeigten, wie Karrieren aus dem Nachwuchsbereich bis an die Weltspitze führen können.

Wichtig sei dabei auch die Zusammenarbeit mit dem Verband Swiss Equestrian. Mit den «Swiss Equestrian Talents» begleite dieser junge Athletinnen und Athleten nicht nur sportlich, sondern ganzheitlich.


Die Ostschweiz als tragende Kraft

Trotz internationaler Ausstrahlung bleibt der CSIO tief in der Region verwurzelt. Für Stössel ist die Einbindung der Ostschweizer Bevölkerung essenziell. Die Region sei traditionell stark mit dem Pferdesport verbunden, gleichzeitig habe sich der Anlass längst auch als gesellschaftlicher Treffpunkt etabliert.

«Wir wollen dieses kulturelle Gut bewahren und gleichzeitig in die Zukunft führen», sagt sie. Der CSIO sei offen, zugänglich und nah an den Menschen.

Gerade diese Verbindung zwischen Weltklasse-Sport und regionaler Identität mache den Charakter des Turniers aus. Während im Gründenmoos internationale Gäste zusammentreffen, trage der Anlass gleichzeitig den Namen St.Gallen weit über die Landesgrenzen hinaus.

«Diese Sichtbarkeit stärkt das Selbstverständnis – nach innen wie nach aussen», sagt Stössel.


Nayla Stössel: «Der CSIO ist ein Gemeinschaftswerk par excellence – getragen von vielen Menschen, Engagement und Leidenschaft.»
Nayla Stössel: «Der CSIO ist ein Gemeinschaftswerk par excellence – getragen von vielen Menschen, Engagement und Leidenschaft.»

Emotionen im Morgengrauen

Was den CSIO letztlich ausmacht, zeigt sich für die OK-Präsidentin oft in den stillen Momenten. Etwa frühmorgens, wenn das Gelände langsam erwacht.

«Bei Sonnenaufgang im Gründenmoos entsteht eine besondere Stimmung», erzählt sie. Noch sei alles ruhig, gleichzeitig liege bereits eine gewisse Spannung in der Luft. Menschen bereiten sich vor, Abläufe greifen ineinander, überall werde gearbeitet.

«Es ist dieses stille Schaffen im Hintergrund – fast vibrierend, voller Vorfreude auf das, was kommt.»

Überhaupt seien die Tage des CSIO von einer besonderen Intensität geprägt. Während vier bis fünf Tagen werde sichtbar, woran ein ganzes Jahr gearbeitet worden sei.

Einen einzelnen bewegendsten Moment könne sie deshalb gar nicht benennen. «Es ist dieses Gesamtgefühl, wenn alles zusammenkommt.»


Ein Gemeinschaftswerk mit Zukunftsanspruch

Für Nayla Stössel ist der CSIO weit mehr als ein Sportevent oder ein Organisationsprojekt. Sie beschreibt ihn als «Gemeinschaftswerk par excellence» – getragen von Freiwilligen, Partnern, Helferinnen, Sponsoren und Mitarbeitenden.

Die grosse Herausforderung der kommenden Jahre werde darin bestehen, Tradition und Weiterentwicklung miteinander zu verbinden. Der Anlass soll sportlich relevant bleiben, wirtschaftlich stabil funktionieren und gleichzeitig gesellschaftlich anschlussfähig sein.

Die Diskussionen rund um Grossanlässe dürften deshalb nicht verschwinden. Doch genau darin sieht Stössel auch eine Chance: sich ständig weiterzuentwickeln und den eigenen Beitrag immer wieder neu zu definieren.

Der CSIO St.Gallen will nicht einfach an vergangenen Erfolgen festhalten. Er will zeigen, weshalb ein traditionsreicher Anlass auch in einer veränderten Gesellschaft weiterhin seinen Platz haben kann.


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