«Wir müssen wieder mehr ermöglichen statt verhindern»
- Marcel Baumgartner
- 20. Nov. 2024
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 22. Apr.
Andrea Berlinger Schwyter, die erste Präsidentin der IHK St. Gallen-Appenzell, bringt frischen Wind und neue Ambitionen in ihre Rolle. Seit Juni 2024 setzt sie sich für eine wirtschaftsfreundliche Ostschweiz ein, die Unternehmen die bestmöglichen Rahmenbedingungen bietet.

Andrea Berlinger Schwyter, im Juni 2024 wurden Sie zur neuen Präsidentin der IHK St. Gallen-Appenzell gewählt. Wie sind für Sie die ersten Monate in dieser neuen Funktion verlaufen?
Die ersten Monate als Präsidentin der IHK St. Gallen-Appenzell waren für mich sehr spannend und voller Tatendrang. Die Arbeit mit dem neuen, sehr engagierten Vorstand der IHK macht Mut für die Zukunft. Es ist eine grosse Ehre und Verantwortung zugleich, als erste Frau in der Geschichte die IHK präsidieren zu dürfen. Ich sehe es als Chance, uns als Brückenbauerin zwischen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft weiter zu stärken. Wir möchten mit der IHK eine verlässliche und faktenbasierte Stimme für die Wirtschaft sein, auf die man zählen kann.
Was betrachten Sie als die Haupttätigkeit einer IHK-Präsidentin?
Ich sehe meine Hauptaufgaben darin, mich mit dem Vorstand und der Direktion der IHK für bestmögliche Rahmenbedingungen für die Wirtschaft in der Ostschweiz einzusetzen und mit verschiedensten Netzwerken den Dialog zu pflegen. Wichtig ist mir, dass die IHK in öffentlichen Debatten eine klare, verlässliche und auch pointierte Stimme bleibt, die sich auf sachliche Argumente und einen liberalen Wertekompass stützt. Was uns heute jedoch immer mehr fehlt, ist die pragmatische, gut schweizerische Kompromissbereitschaft. Ein Umfeld für dieses kostbare Gut zu schaffen, erfordert viel Präsenz, Dialog und Meinungsaustausch auf Augenhöhe. Wir stehen gegenüber Gesellschaft und Politik für unternehmerische und persönliche Freiheit sowie für eine wettbewerbsfähige Marktwirtschaft – national und international. Diese können wir nur erfolgreich vertreten, wenn wir als Unternehmerinnen und Unternehmer glaubwürdig und verlässlich handeln. Dafür setzen wir uns in unseren eigenen Reihen ein.
Was möchten Sie bewirken? Wo sehen Sie die grössten Baustellen oder Herausforderungen?
Die Ostschweiz zeichnet sich durch eine überdurchschnittlich breit diversifizierte Unternehmenslandschaft in Produktion, Dienstleistung und Handel aus. Familienunternehmen in Klein-, Mittel- aber auch Grossunternehmen prägen die Eigentümerstruktur. Produktions- und Exportanteil sind im schweizweiten Vergleich überdurchschnittlich hoch. Aber: Marktzugänge für die Exportindustrie geraten zusehends unter Druck – denken wir an die Bilateralen oder die stockende Erweiterung von Freihandelsverträgen. Die Staatsquote steigt ungebrochen, getrieben durch Um- und vor allem Mehrverteilungen. Das Abstimmungsergebnis der 13. AHV-Rente oder der öffentliche Diskurs zu den Gesundheitskosten sind Beispiele dafür. Der Arbeits- und Fachkräftemangel verschärft sich zusehends, unsere Gesellschaft altert, gleichzeitig verkürzt sich die durchschnittliche Lebensarbeitszeit, und Teilzeitjobs werden immer beliebter.
Was kann hierbei die Aufgabe der IHK sein?
Es ist unsere Aufgabe, der Gesellschaft und der Politik zu zeigen, wie bedeutend und chancenreich die Unternehmen sind und was sie für die Gesellschaft leisten: Sie bieten Möglichkeiten zur persönlichen Entfaltung und Einkommen, versorgen, produzieren und erbringen Dienstleistungen zum Nutzen und Wohl aller. Und damit gleichzeitig dafür zu werben, dass die Ostschweiz für unternehmerisches Handeln, Innovation und Erneuerung attraktiv bleibt. Die Welt verändert sich rascher, als viele es sich wünschen. Dieses Tempo gilt es mitzuhalten, ob wir wollen oder nicht.
Wie würden Sie den aktuellen Zustand der wirtschaftlichen Lage in der Ostschweiz beschreiben? Wo drückt der Schuh?
Je nach Branche zeigt sich ein sehr unterschiedliches Bild.Die Industrie berichtet von einer zähen Entwicklung. Der vorsichtige Optimismus der vergangenen Monate erweist sich als wenig nachhaltig. Der Auftragsbestand hat sich sogar weiter verschlechtert. Besonders ausgeprägt ist die Auftragsflaute in der Metall- sowie in der Elektronik- und Optikindustrie. Eine spürbare Erholung dürfte weiter auf sich warten lassen. Nachhaltige Impulse aus dem relevanten Ausland sind nicht absehbar. Die Unternehmen gehen davon aus, dass die Bestellungseingänge und die Geschäftslage auch in den kommenden Monaten nicht wesentlich Auftrieb erhalten. Wenn Europa, unser Hauptexportkunde, kriselt, wird es besonders auch für die exportorientierten Unternehmen ungemütlich. Zudem bleibt der Schweizer Franken hoch, was im internationalen Wettbewerb ebenfalls negativ zu Buche schlägt.Positive Signale gibt es demgegenüber weiterhin aus dem Baunebengewerbe sowie aus der Finanz- und Versicherungsbranche. Stützend wirkt zudem der private Konsum, begünstigt durch eine hohe Arbeitsplatzsicherheit und steigende Reallöhne.
Gewisse Entwicklungen können wir nicht selbst steuern. Dann wird immer wieder gesagt, die Ostschweiz verkaufe sich zu schlecht.
Womit könnte sie denn noch stärker glänzen?
Die Ostschweiz kann ihre Sichtbarkeit verbessern, indem sie ihre Stärken in der Hightech und ihre Innovationskraft hervorhebt. Die Schweiz als Wirtschaftsstandort steht für Qualität, die ihresgleichen sucht. Die grundsätzliche Bodenständigkeit der Ostschweizer ist dabei aber Fluch und Segen zugleich. Mehr Mut, aufzuzeigen, was für spannende Unternehmen mit Weltmarktführerschaft wir haben, stünde uns gut zu Gesicht.Rund um den Innovationspark, der nun im dritten Jahr aktiv ist, hat die Ostschweiz ein neues Instrument, wie sie sich im Verbund mit den anderen Schweizer Innovationsparks mehr Sichtbarkeit auch international verschaffen kann. Hier gilt es, noch weiter zuzulegen und die Zusammenarbeit mit allen Ostschweizer Unternehmens-, Bildungs- und Start-up-Institutionen zu stärken. Ein interessantes Ökosystem für Unternehmer zu schaffen, ist dabei unser Ziel. Durch Erfolgsgeschichten können wir gemeinsam die Visibilität steigern.

Zurück zur IHK: Wie stark ist sie auch ein Partner für die kleinen Unternehmen?
Die IHK St. Gallen-Appenzell versteht sich als Partnerin aller Unternehmen. Gerade für kleine und mittlere Unternehmen von Produktion über Handel und Dienstleistung sind wir eine wichtige Partnerin – das zeigt auch die Mitgliederbasis: Rund die Hälfte unserer Mitglieder beschäftigt weniger als 30 Mitarbeitende. Wir widerspiegeln die gesamtwirtschaftliche Realität der Ostschweiz bezüglich Grösse der Unternehmen, Branchen und Regionen.Von unserem breiten Einsatz für optimale Rahmenbedingungen profitieren alle Mitglieder gleichermassen.Aktuell bauen wir unser sehr bewährtes und erfolgreiches, bislang auf Exportkompetenzen fokussiertes Seminarangebot stark aus. Neu bieten wir ein attraktives, breites Themenspektrum – von Führung, Kommunikation und Arbeitsrecht über Digitalisierung und Innovation bis hin zu Aussenhandel und Zoll. So werden wir noch gehaltvoller und decken mit den neuen Inhalten die wichtigsten branchenunabhängigen Schlüsselkompetenzen ab. Unser Anspruch an die Halb- und Ganztagsseminare ist es, praxisnah, in bereichernden Seminargruppen die wesentlichen Werkzeuge für den KMU-Arbeitsalltag zu vermitteln. Unsere Mitglieder erhalten zu Vorzugskonditionen Zugang zu höchst aktuellem Wissen von ausgewiesenen Experten.
Und wie hoch schätzen Sie das Gewicht der IHK ein? Kann sie entscheidend zu einer Bewegung beitragen?
Die IHK ist unbestritten die bedeutendste wirtschaftspolitische Stimme der Ostschweiz – die auch schweizweit Gehör findet. Die IHK positioniert sich klar in den wirtschaftspolitisch relevanten Themen für die Ostschweiz: für einen attraktiven und wettbewerbsfähigen Werk-, Export- und Innovationsstandort, für Freihandel und offene Marktzugänge sowie für unternehmerische Freiheit mit konkreten Forderungen zur Bildungspolitik, Energie- und Verkehrsinfrastruktur, aber auch zu den Handelsverträgen. Dabei polarisieren wir nicht, wir arbeiten faktenbasiert und verstehen uns als Brückenbauerin und Impulsgeberin. Schauen Sie sich unseren Vorstand an: Er ist hervorragend durchmischt und hochkarätig. Die Geschäftsstelle sowie der Vorstand sind hoch motiviert und engagiert, und ich spüre bei allen Beteiligten einen starken Willen, etwas zu bewegen. Das stimmt mich sehr positiv für die Zukunft.
Sie selbst sind noch als Unternehmerin tätig. Werden Sie die IHK teilweise «umkrempeln», neu strukturieren?
Grundsätzlich ist jeder Wandel als Chance zu verstehen, und ich bin offen für Veränderungen. Unter meinem Vorgänger, Roland Ledergerber, hat die IHK aber vorbildliche Arbeit geleistet, welche es nun weiterzutragen gilt. Mein Ansatz ist daher, die Kontinuität zu wahren und bestehende Strukturen nicht über den Haufen zu werfen, sondern die IHK dann zu formen und Akzente zu setzen, wenn es die Rahmenbedingungen erfordern. Wir sind, wie zuvor erwähnt, ein Gremium von gestandenen Unternehmerinnen und Unternehmern. Sollten wir Handlungsbedarf erkennen, werden wir anpacken und handeln, so wie es jeder Unternehmer täglich tut.
In früheren Jahren überraschte die IHK immer auch wieder mit scharfen Forderungen, mit Visionen. Die Kammer ist inzwischen etwas ruhiger geworden. Darf die IHK unter Ihnen als Präsidentin wieder etwas mehr anecken?
Überraschung ist ein wichtiges taktisches Instrument, eine Vorstellung und Idee der Zukunft zu entwickeln, bereichert die Debatte und ebnet den Weg für Veränderung. Der von meinem Vorgänger Roland Ledergerber und Direktor Markus Bänziger eingeschlagene Weg, die IHK als kritisch-konstruktive Impulsgeberin und Brückenbauerin zugleich zu positionieren, hat sich sehr bewährt – ich habe diesen Weg als bisheriges Vorstandsmitglied mitgestaltet und mitgetragen. Die Zukunft der Ostschweiz als attraktiven Wirtschafts- und Lebensraum zu denken, ist unverändert unsere Hauptmotivation. Wir tun dies für unsere Mitglieder – auch, um ihnen den Alltag zu erleichtern, indem wir Zahlen und Fakten sachlich, hochprofessionell und kompetent aufarbeiten. Was von uns kommt, ist geprüft. Auf Aussagen der IHK ist Verlass.Zudem sollen unsere Impulse, z. B. zur Vereinbarkeit von Privatleben und Familie sowie zur Energieversorgungssicherheit, Orientierungshilfen bieten. In Ton und Form wird weiterhin Respekt dominieren, Anecken per se ist nicht das Ziel unserer Arbeit – Interesse wecken, ein positives Bild des heutigen Unternehmertums vermitteln, deren Sorgen und Nöte klar aufzeigen hingegen schon!


