«Die Ostschweiz darf ihr Licht nicht unter den Scheffel stellen»
- Marcel Baumgartner
- vor 3 Tagen
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Der neue Leiter des Amts für Wirtschaft und Arbeit des Kantons St.Gallen, Daniel Müller, übernimmt sein Amt in wirtschaftlich anspruchsvollen Zeiten. Im Interview spricht er über Fachkräftemangel, die Herausforderungen der Industrie, den Wandel durch Künstliche Intelligenz – und darüber, weshalb die Ostschweiz selbstbewusster auftreten sollte.

Daniel Müller, Sie übernehmen das Amt für Wirtschaft und Arbeit in einer Phase zwischen Fachkräftemangel, Konjunkturabkühlung und steigenden Stellensuchendenzahlen. Was hat für Sie aktuell Priorität?
Die Arbeitslosenversicherung, die Gewährleistung fairer Arbeits- und Wettbewerbsbedingungen sowie die Standort- und Innovationsförderung gehören alle zum Kerngeschäft des AWA. Ich konzentriere mich auf Kontinuität, starke Zusammenarbeit zwischen den Bereichen und eine gemeinsame Ausrichtung auf unsere langfristigen Ziele. So gehen wir die Herausforderungen gemeinsam und fokussiert als Team an.
Der Kanton St.Gallen verzeichnet zwar weiterhin eine vergleichsweise tiefe Arbeitslosenquote von rund 2,2 Prozent, gleichzeitig steigt die Zahl der Stellensuchenden gegenüber dem Vorjahr deutlich an. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Der Verlust des Arbeitsplatzes ist für jede und jeden Betroffenen belastend. Entsprechend setzen wir alles daran, Stellensuchende bestmöglich zu unterstützen. Volkswirtschaftlich kann die Entwicklung in einen längeren Zeithorizont eingeordnet werden: Wir kommen unmittelbar aus einer Periode mit historisch tiefer Arbeitslosigkeit. Die derzeitige Quote bezeichnen Ökonominnen und Ökonomen immer noch als Vollbeschäftigung.
Besonders die Industrie und das verarbeitende Gewerbe spüren den Druck aus Europa und der schwächelnden deutschen Wirtschaft. Wie gross ist die Sorge um den Werkplatz Ostschweiz?
Strukturelle Anpassungen sind für den Industriesektor nichts Neues. Generell bewegt sich das Beschäftigungsvolumen seit Jahren auf einem sehr soliden Niveau. Das zeigt, dass die Betriebe trotz vielseitigen Herausforderungen flexibel und innovativ auf Veränderungen reagieren. Angst um den Werkplatz wäre daher nicht zielführend.
«Angst um den Werkplatz wäre nicht zielführend.»
Trotzdem: Im Kanton wurden zuletzt deutlich mehr offene Stellen gemeldet – unter anderem wegen der ausgeweiteten Meldepflicht. Ist das ein positives Signal oder verzerrt dies das Bild des Arbeitsmarktes?
Der Hauptgrund liegt tatsächlich bei der Stellenmeldepflicht: Berufsarten mit einer schweizweiten Arbeitslosenquote von mindestens 5 Prozent müssen offene Stellen beim RAV melden. Dieses Jahr betrifft das mehr Berufe als zuvor, beispielsweise Reinigungspersonal, Hilfskräfte und Köche. Der Arbeitsmarkt ist weiterhin intakt, auch wenn er konjunkturell unter Druck steht.
Sie waren seit 2018 Leiter der Standortförderung. Welche konkreten Ansiedlungen oder Projekte betrachten Sie rückblickend als besondere Erfolge?
Als Leiter der Standortförderung durfte ich mit meinem Team den Switzerland Innovation Park Ost aufbauen und die Innovations- und Startup-Förderung im Kanton St.Gallen ausbauen und neu ausrichten. Weiter waren die Errichtung einer ETH-Professur in St.Gallen sowie die Erneuerung und der Ausbau des Reinraums am Campus Buchs wichtige Meilensteine, die mich auch persönlich freuen.
Der Kanton positioniert sich neu mit dem Auftritt «Do it in St.Gallen». Was steckt strategisch hinter diesem neuen Auftritt – und wie will sich St.Gallen im Wettbewerb der Kantone profilieren?
Wir positionieren den Kanton St.Gallen stärker als eigenständigen Wirtschafts- und Innovationsstandort. «Do it in St.Gallen» ist eine Einladung und ein Aufruf, in St.Gallen zu gründen, zu innovieren, zu investieren und zu leben. Zentral ist dabei das Netzwerk aus Unternehmen, Hochschulen, Forschung, Förderinstitutionen und weiteren Partnern. Wir treten nicht allein auf, sondern machen das gesamte Ökosystem sichtbarer und bündeln konkrete Angebote klarer. Damit schaffen wir Orientierung und erleichtern den Zugang zu Unterstützung und Kooperation.
Viele Unternehmen klagen über fehlende Fachkräfte. Gleichzeitig finden gewisse Stellensuchende nur schwer wieder Anschluss an den Arbeitsmarkt. Wo liegt das Problem?
Das Phänomen wird als struktureller Arbeitsmarkt-Mismatch bezeichnet. Es tritt auf, wenn die Anforderungen der Unternehmen nicht passgenau mit den Qualifikationen der Bewerber übereinstimmen. Die Gründe sind vielfältig: Sie reichen von Qualifikationslücken über fehlende berufliche und räumliche Mobilität bis hin zur Transformation des Arbeitsmarkts.
«‹Do it in St.Gallen› ist eine Einladung, hier zu gründen, zu innovieren und zu investieren.»
Welche Branchen sehen Sie im Kanton St.Gallen aktuell als Wachstumstreiber – und wo rechnen Sie eher mit schwierigen Jahren?
Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten. Tendenziell sind es jedoch technologieintensive Branchen und wissensbasierte Dienstleistungen, von denen wir ein erhöhtes Wachstumspotenzial erwarten. Der Kanton St.Gallen greift diese Trends auf und setzt seit Jahren stark auf Innovationsförderung, um den Strukturwandel zu bewältigen. Herausfordernd ist die Lage für klassische, energieintensive Industrien, aber auch für den Detailhandel.
Der Arbeitsmarkt verändert sich rasant durch KI, Digitalisierung und Automatisierung. Welche Berufe werden Ihrer Meinung nach in den nächsten fünf bis zehn Jahren besonders unter Druck geraten?
Soweit man dies heute bereits abschätzen kann, sind primär Berufe betroffen, die repetitive, regelbasierte oder datenintensive Tätigkeiten beinhalten. Dies bietet auch grosse Chancen zur Steigerung von Effizienz und Produktivität. KI treibt Innovationen in unterschiedlichsten Bereichen voran. Um mit den laufenden Entwicklungen Schritt halten zu können, ist auf Seiten der Arbeitnehmenden eine hohe Offenheit für Neues und Lernwille entscheidend. Andererseits sind auch die Unternehmen und das Bildungswesen gefordert, auf die laufenden Entwicklungen zu reagieren.
Die Zahl der Kurzarbeitsmeldungen in der Industrie hat zuletzt zugenommen. Rechnen Sie mit einer breiteren wirtschaftlichen Abkühlung in der Ostschweiz?
Unternehmen nutzen Kurzarbeit als Reaktion auf einen bereits eingetretenen Auftragsrückgang, insofern handelt es sich tendenziell um einen nachlaufenden Indikator der wirtschaftlichen Entwicklung. Anfangs Jahr deutete einiges auf eine zögerliche Belebung hin: Für Produktion, Exporte und Bestelleingänge rechneten die Unternehmen mit einer leichten Zunahme, wenn auch ausgehend von tiefem Niveau. Allerdings wurde der Aufwärtstrend bei den Geschäftserwartungen durch geopolitische Einflüsse wieder abgeflacht.
«Wir dürfen stolz sein auf unsere Region und ihre Stärken selbstbewusst präsentieren.»
Sie bringen einen ungewöhnlichen Hintergrund mit – vom Informatiktechniker über die Universität St.Gallen bis zur Standortförderung. Wie prägt dieser Mix Ihren Führungsstil?
Insbesondere in meinen Jahren in der Beratungstätigkeit hatte ich Einsicht in verschiedene Unternehmensstrategien und Firmenkulturen. Mir ist wichtig, Mitarbeitenden Verantwortung zu übertragen und sie zu befähigen, ihre Aufgaben selbstständig wahrzunehmen. Gleichzeitig sorgen klare Entscheidungen, transparente Vorgaben und gemeinsame Ziele dafür, dass Projekte effizient vorangebracht werden.
Was kann ein Kanton tun, um Unternehmen anzuziehen, wenn Themen wie Energiepreise, Bürokratie oder globale Krisen kaum beeinflussbar sind?
Die Kantone sind gefordert, jenen Teil der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu optimieren, die in ihrer Kompetenz liegen. Etwa die Ausbildung von Fachkräften, solide Finanzen, gute Erreichbarkeit oder die Verfügbarkeit von Wirtschaftsflächen und Arealen.
Die Ostschweiz gilt oft als wirtschaftlich stark, politisch aber eher zurückhaltend. Verkauft sich die Region unter Wert?
Die Ostschweiz hat nicht nur wirtschaftlich sehr viel zu bieten. Wir dürfen stolz sein auf unsere Region und ihre Stärken selbstbewusst präsentieren.
Ihre Vorgängerin Karin Jung führte das Amt seit 2018. Welche Akzente möchten Sie fortführen – und wo wollen Sie bewusst neue Schwerpunkte setzen?
Unsere Ziele leiten sich aus der Schwerpunktplanung der Regierung ab und sind klar. Die Regierung möchte unter anderem die Standortattraktivität und Innovationskraft erhöhen. Persönlich ist mir zudem eine gute, lösungsorientierte Zusammenarbeit mit Unternehmen und Partnern, aber auch mit Gemeinden, Departementen und Ämtern wichtig.
Wenn wir dieses Interview in vier Jahren nochmals führen: Woran möchten Sie gemessen werden? Was wäre für Sie ein Erfolg als Leiter des Amts für Wirtschaft und Arbeit?
Zentral bleibt eine gute Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft, Politik und Verwaltung, die attraktive Rahmenbedingungen und eine zukunftsorientierte Standortentwicklung ermöglicht. Durch gezielte Innovationsförderung ist der Wirtschaftsstandort gestärkt und seine Resilienz erhöht. Massnahmen aus der Innovations- und Startup-Strategie sind erfolgreich umgesetzt, und neue Projekte entfalten nachhaltig Wirkung. Eine effizient organisierte Arbeitslosenversicherung sowie faire Arbeits- und Wettbewerbsbedingungen schaffen Stabilität und Perspektiven für Unternehmen und Mitarbeitende. Wenn etablierte und neue Unternehmen in der Ostschweiz alles finden, um Ideen zu entwickeln, umzusetzen, zu innovieren und zu wachsen, dann bin ich zufrieden.


