Strom statt Diesel: Wie die Ostschweiz den Busverkehr neu erfindet
- Marcel Baumgartner
- 23. Apr.
- 5 Min. Lesezeit
Der öffentliche Verkehr steht vor einem der grössten Umbrüche seiner Geschichte. In der Ostschweiz wird dieser Wandel bereits sichtbar – und hörbar: leiser, sauberer, effizienter. Verkehrsbetriebe wie die Verkehrsbetriebe St.Gallen (VBSG) und BUS Ostschweiz treiben die Elektrifizierung ihrer Flotten mit hohem Tempo voran. Was heute noch als Transformation gilt, soll in wenigen Jahren zur neuen Normalität werden.

Wer heute in St.Gallen an einer Bushaltestelle steht, erlebt den Wandel bereits unmittelbar. Rund drei Viertel der Fahrleistung werden bei den VBSG schon elektrisch erbracht – ein Wert, der schweizweit beachtlich ist. «Wir sind weit fortgeschritten», sagt Urs Studerus, Leiter Technik. 55 Trolleybusse prägen das Stadtbild, ergänzt durch Dieselbusse und erste batterieelektrische Fahrzeuge.
Dass St.Gallen heute wieder stark auf elektrische Antriebe setzt, ist kein Zufall, sondern politisch gewollt. Grundlage bildet das Energiekonzept 2050 der Stadt St.Gallen, das eine vollständige Umstellung vorsieht. Die Bevölkerung hat diesen Weg in mehreren Abstimmungen bestätigt – zuletzt 2021. Eine weitere Etappe soll im November 2026 folgen.
Interessant ist dabei der historische Bezug: Bereits zwischen 1897 und 1930 war der öffentliche Verkehr in St.Gallen elektrisch unterwegs. Die aktuelle Transformation ist somit weniger eine Revolution als vielmehr eine Rückkehr zu den Wurzeln – allerdings auf technologisch völlig neuem Niveau.
Zwischen Vision und Umsetzung
Während die VBSG im urbanen Raum vorangehen, verfolgt BUS Ostschweiz im Regionalverkehr eine ebenso ambitionierte, wenn auch anders strukturierte Strategie. Die Grundlage bildet die kantonale E-Bus-Strategie, die eine vollständige Elektrifizierung bis etwa 2038 vorsieht.
Aktuell sind 22 Elektrobusse im Einsatz, weitere Fahrzeuge sind bereits bestellt. Neue Busse werden konsequent elektrisch beschafft – Dieselbusse bleiben nur noch so lange im Betrieb, bis sie wirtschaftlich abgeschrieben sind. «Es ist ein schrittweiser Übergang», sagt Ruedi Burger, Leiter Markt. «Aber die Richtung ist klar.»
Die Beweggründe sind vielfältig: Umwelt, Wirtschaftlichkeit und Betrieb greifen ineinander. So lässt sich laut Branchenanalysen der Primärenergieverbrauch um bis zu 40 Prozent senken, die Treibhausgasemissionen sogar um bis zu 90 Prozent. Gleichzeitig verbessert sich die Wirtschaftlichkeit – nicht zuletzt durch steigende Dieselpreise und politische Rahmenbedingungen.
Infrastruktur als Schlüssel zum Erfolg
So überzeugend die Vorteile der Elektromobilität sind – der Weg dorthin ist technisch anspruchsvoll. Besonders im städtischen Raum stellt die Infrastruktur eine zentrale Herausforderung dar. In St.Gallen werden für neue Linien zusätzliche Fahrleitungen installiert, Trafostationen gebaut und komplexe Ladeinfrastrukturen geschaffen.
«Wir mussten rund neun Kilometer neue Fahrleitungen bauen», erklärt Studerus. Gleichzeitig müsse die Stromversorgung so ausgelegt sein, dass auch im Winter genügend Leistung zur Verfügung steht. Redundanzen sind entscheidend: Fällt ein System aus, muss der Betrieb dennoch stabil weiterlaufen.
Im Regionalverkehr setzt BUS Ostschweiz dagegen konsequent auf Depotladung. Die Busse werden über Nacht geladen und stehen am Morgen voll einsatzbereit zur Verfügung. Dieses System gilt als besonders planbar und zuverlässig, erfordert jedoch ebenfalls erhebliche Investitionen in die Infrastruktur der Betriebshöfe.
Der Aufbau dieser Infrastruktur ist komplex: Neben Ladeeinrichtungen müssen Energieversorgung, Netzanschlüsse und betriebliche Abläufe angepasst werden. Entsprechend erfolgt die Umsetzung schrittweise und in enger Abstimmung mit Energieversorgern und Kantonen.

Technologie im Alltag
Für Fahrgäste ist der Unterschied sofort spürbar. Elektrobusse fahren leiser, vibrationsärmer und ohne Abgase. Gerade in dicht besiedelten Gebieten oder Begegnungszonen wird dies als deutlicher Gewinn wahrgenommen.
Auch für das Fahrpersonal verändert sich der Alltag. In St.Gallen etwa müssen Chauffeure bei Batterietrolleybussen häufiger die Stromabnehmer bedienen, da die Fahrzeuge auch Abschnitte ohne Fahrleitung zurücklegen. Gleichzeitig gewinnt das Monitoring an Bedeutung: Ladezustände und Reichweiten werden laufend überwacht, bei Bedarf werden Fahrzeuge ausgetauscht.
Im Hintergrund gewinnt die Digitalisierung an Bedeutung. Systeme für Last- und Lademanagement, Depotsteuerung und Wartung werden immer komplexer – und gleichzeitig effizienter. «Predictive Maintenance wird ein Schlüsselthema», sagt Studerus. Wartungen sollen künftig vorausschauend erfolgen, bevor überhaupt ein Problem entsteht.
Welche Technologie setzt sich durch?
Ein zentrales Thema der Branche ist die Frage nach der richtigen Technologie. In St.Gallen spielen Batterietrolleybusse eine wichtige Rolle. Sie kombinieren die Vorteile klassischer Oberleitungsbusse mit zusätzlicher Flexibilität durch Batterien.
Diese Fahrzeuge eignen sich besonders für lange Umläufe und den 24-Stunden-Betrieb, da sie während der Fahrt geladen werden. Gleichzeitig können sie Strecken ohne Fahrleitung überbrücken – ein entscheidender Vorteil im urbanen Netz.
BUS Ostschweiz hingegen setzt primär auf batterieelektrische Busse mit Depotladung. Die Technologie hat in den letzten Jahren grosse Fortschritte gemacht, insbesondere bei Reichweite, Ladezeit und Zuverlässigkeit. «Heute können praktisch alle Linien elektrisch betrieben werden», sagt Burger.
Die Zukunft dürfte keine Entweder-oder-Lösung bringen, sondern eine Koexistenz verschiedener Systeme – je nach Einsatzgebiet, Topografie und Netzstruktur.
Kosten: Noch Fragezeichen, aber klare Tendenz
Lange galten Elektrobusse als deutlich teurer als Dieselmodelle. Dieses Bild differenziert sich zunehmend. Zwar sind die Anschaffungskosten weiterhin höher, doch über den gesamten Lebenszyklus relativieren sich die Unterschiede.
Bei BUS Ostschweiz geht man inzwischen davon aus, dass E-Busse langfristig nicht mehr teurer sind als konventionelle Fahrzeuge. Entscheidende Faktoren sind dabei Energiepreise, Wartungskosten und politische Rahmenbedingungen.
Auch bei den VBSG zeigt sich ein ähnliches Bild – allerdings mit gewissen Unsicherheiten. «Die Entwicklung der Batterien ist ein entscheidender Faktor», sagt Studerus. Gleichzeitig könnten längere Nutzungsdauern die Wirtschaftlichkeit verbessern. So erreichen modernisierte Trolleybusse bereits heute Laufzeiten von bis zu 25 Jahren.
Politik als Taktgeber
Ohne politische Unterstützung wäre die Transformation kaum denkbar. In St.Gallen ist die Elektrifizierung klar im Energiekonzept verankert und wird durch Volksentscheide legitimiert. Fördergelder unterstützen die Umsetzung.
Im Regionalverkehr erfolgt die Transformation im Rahmen der öffentlichen Bestellung. Kantone spielen eine zentrale Rolle bei Planung und Finanzierung. Nationale Entscheide – etwa im Bereich Treibstoffbesteuerung – beeinflussen zusätzlich die Wirtschaftlichkeit.
Die Elektrifizierung des öffentlichen Verkehrs ist damit nicht nur ein technologisches, sondern auch ein politisches Projekt.
Blick in die Zukunft
Wie sieht der Busverkehr in der Ostschweiz in zehn bis fünfzehn Jahren aus? Die Antworten fallen erstaunlich klar aus. In St.Gallen sollen bis 2032 sämtliche Linien wieder elektrisch betrieben werden. BUS Ostschweiz peilt die vollständige Elektrifizierung bis etwa 2038 an.
Parallel dazu entstehen neue Infrastrukturen, etwa ein geplantes E-Mobilitätszentrum in Sargans. Auch die Sichtbarkeit der Elektromobilität wird zunehmen – etwa durch einheitliche Kennzeichnungen der Fahrzeuge.
Innovation bleibt dabei ein zentrales Thema. Neue Batterietechnologien, autonomes Fahren oder intelligente Energiespeicher könnten den nächsten Entwicklungsschub bringen. Projekte wie der experimentelle Bus «Artus» der Technischen Gesellschaft Arbon zeigen, wie dynamisch sich die Branche entwickelt.
Mehr als ein technischer Wandel
Was in der Ostschweiz derzeit passiert, ist mehr als ein technischer Umbau. Es ist ein grundlegender Wandel der Mobilität – hin zu einem System, das leiser, sauberer und langfristig effizienter ist.
Für die Verkehrsbetriebe bedeutet dies neue Herausforderungen: komplexere Planung, höhere Investitionen, neue Kompetenzen. Für die Fahrgäste hingegen vor allem eines: mehr Komfort und ein gutes Gefühl, Teil einer nachhaltigeren Mobilität zu sein.
Der Bus der Zukunft fährt elektrisch. In der Ostschweiz ist er längst unterwegs.


