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Wenn Maschinen mitdenken

  • Autorenbild: Marcel Baumgartner
    Marcel Baumgartner
  • 19. Apr.
  • 4 Min. Lesezeit
Künstliche Intelligenz ist längst kein Zukunftsthema mehr. Sie schreibt Texte, analysiert Daten, erstellt Bilder und optimiert Geschäftsprozesse – oft in Sekunden. Während die Technologie in vielen Unternehmen bereits Einzug gehalten hat, versuchen Politik, Bildung und Gesellschaft noch zu verstehen, welche Folgen diese Entwicklung haben wird. Für Marc-Pascal Faulhaber, Marketing- und Kommunikationsstratege aus Arbon, steht fest: Die Veränderung wird tiefgreifend sein.

Marc-Pascal Faulhaber aus Arbon ist Marketing- und Kommunikationsstratege und beschäftigt sich intensiv mit den Auswirkungen von künstlicher Intelligenz auf Medien, Wirtschaft und kreative Arbeitsprozesse.
Marc-Pascal Faulhaber aus Arbon ist Marketing- und Kommunikationsstratege und beschäftigt sich intensiv mit den Auswirkungen von künstlicher Intelligenz auf Medien, Wirtschaft und kreative Arbeitsprozesse.

«KI wird unsere Arbeitswelt sowohl schleichend verändern als auch revolutionieren», sagt Marc-Pascal Faulhaber. Kurzfristig automatisiert sie Prozesse, beschleunigt Abläufe und macht Entscheidungen stärker datenbasiert. Teams können kleiner werden, gleichzeitig aber deutlich schneller arbeiten.

Langfristig – in einem Zeitraum von drei bis fünf Jahren – erwartet er eine tiefere Verschiebung. «Nicht, weil Maschinen Menschen ersetzen, sondern weil sich Rollen verändern.» Wer früher ausführte, werde künftig Systeme steuern. Wer bisher steuerte, müsse lernen, neu zu denken.

Gerade in der Medien- und Kommunikationsbranche ist diese Entwicklung bereits sichtbar. Kampagnen, für die früher grosse Teams nötig waren, entstehen heute mit Unterstützung von KI in kleinen interdisziplinären Gruppen. Ideen werden innerhalb weniger Stunden umgesetzt, getestet und angepasst.

Für Faulhaber ist deshalb klar: «KI ist kein Trend. Sie ist Infrastruktur.» Und Infrastruktur verändere langfristig nahezu alle Wertschöpfungsprozesse.


Neue Chancen für kleine Unternehmen

Besonders für kleine und mittlere Unternehmen eröffnet diese Entwicklung neue Möglichkeiten. Während grosse Konzerne traditionell über mehr Ressourcen verfügen, profitieren KMU von ihrer Agilität – und genau diese verstärkt KI.

Faulhaber sieht derzeit vor allem drei Bereiche mit unmittelbarem Nutzen: Kommunikation, Automatisierung und datenbasierte Entscheidungen.

In der Kommunikation kann KI Texte, Audio- oder Videoinhalte in kurzer Zeit erstellen und optimieren. KMU können damit professioneller auftreten, ohne hohe externe Kosten tragen zu müssen.

Gleichzeitig lassen sich viele Routinetätigkeiten automatisieren. Kundenanfragen, Terminplanung oder Berichte folgen häufig klaren Mustern. «Hier arbeitet KI präzise und zuverlässig», sagt Faulhaber. Das schaffe Freiraum für Aufgaben mit höherer Wertschöpfung.

Auch Daten gewinnen an Bedeutung. Viele Unternehmen sammeln seit Jahren Informationen über Kunden oder Prozesse, nutzen diese jedoch kaum. KI kann diese Daten verständlich analysieren und daraus Prognosen ableiten – ohne dass ein eigenes Data-Science-Team nötig ist.


«KI ist kein Trend. Sie ist Infrastruktur – und Infrastruktur verändert langfristig nahezu alle Wertschöpfungsprozesse.»

Produktivitätsgewinn statt Arbeitsplatzverlust

Die Diskussion über KI wird häufig von der Angst vor Arbeitsplatzverlust geprägt. Faulhaber sieht die Entwicklung differenzierter.

Ein Beispiel aus der Praxis: Ein Unternehmen mit acht Mitarbeitenden erwirtschaftet rund eine Million Franken Umsatz bei einer Marge von acht bis zehn Prozent. Durch gezielten KI-Einsatz könnten administrative Aufgaben um 20 bis 30 Prozent reduziert werden.

«Rechnerisch entstehen dadurch ein bis zwei zusätzliche Vollzeitkapazitäten», erklärt Faulhaber. Diese könnten für Wachstum, Innovation oder intensivere Kundenbetreuung genutzt werden. KI werde so zum Produktivitätsmultiplikator – nicht zum Arbeitsplatzkiller.


Unterschiedliche Auswirkungen je nach Branche

Alle Branchen werden von künstlicher Intelligenz beeinflusst, allerdings auf unterschiedliche Weise.

In der Industrie liegt das Potenzial vor allem in der Optimierung von Produktionsprozessen. KI kann Wartungsbedarf frühzeitig erkennen, Qualitätskontrollen automatisieren und Fehler schneller identifizieren.

Im Finanzwesen stehen Geschwindigkeit und Risikobewertung im Zentrum. Entscheidungen können auf umfangreicheren Daten basieren, während gleichzeitig regulatorische Prozesse automatisiert werden.

Im Gesundheitswesen sieht Faulhaber langfristig das grösste Veränderungspotenzial. KI kann Diagnosen unterstützen und administrative Aufgaben reduzieren – wodurch mehr Zeit für die Behandlung von Patienten bleibt.

Auch die öffentliche Verwaltung kann profitieren: Viele Verfahren folgen klaren Regeln und lassen sich digitalisieren oder automatisieren.


«Für KMU kann KI ein echter Wettbewerbsvorteil sein: Ein kleines Team kann plötzlich wie eine grosse Organisation auftreten.»

Die Schattenseite der Technologie

Mit den Chancen wachsen auch die Risiken. Besonders im Bereich der Information sieht Faulhaber eine neue Dimension von Herausforderungen.

Künstliche Intelligenz kann täuschend echte Inhalte erzeugen – Texte, Bilder oder Videos. Fehlinformationen lassen sich damit schneller und glaubwürdiger verbreiten als je zuvor.

Die Mechanismen dahinter sind nicht neu. Schon lange arbeiten Kommunikationsprofis daran, Botschaften emotional aufzuladen und gezielt zu verbreiten. Neu ist vor allem die technische Skalierung.

«Heute können sehr kleine Gruppen mit den richtigen digitalen Werkzeugen enorme Wirkung entfalten», sagt Faulhaber. Inhalte lassen sich automatisiert produzieren und millionenfach verbreiten.


Institutionen müssen Kompetenz aufbauen

Während viele Unternehmen KI bereits praktisch einsetzen, beobachtet Faulhaber bei Behörden, Polizei oder militärischen Organisationen teilweise grosse Unsicherheit.

Zentrale Fragen seien oft ungeklärt: Welche Inhalte sind authentisch? Welche manipuliert? Und wie funktionieren algorithmische Verstärkungsmechanismen?

«Diese Kompetenz muss schnell aufgebaut werden», sagt Faulhaber. Wer die Technologie nicht versteht, könne sie weder sinnvoll nutzen noch regulieren.


Regulierung zwischen Innovation und Kontrolle

Auch politisch stellt die Entwicklung neue Herausforderungen. Zu viel Regulierung kann Innovation bremsen, zu wenig Regulierung hingegen Vertrauen zerstören.

Für Faulhaber braucht es deshalb klare, aber flexible Regeln. Gute Regulierung schaffe Orientierung und ermögliche Entwicklung.

Europa stehe vor einer strategischen Entscheidung: sich technologisch abschotten – oder aktiv mitgestalten. «Offenheit bedeutet nicht Naivität», sagt Faulhaber. «Sie bedeutet Lernbereitschaft und Geschwindigkeit im Denken.»


«KI ist ein Werkzeug. Und Werkzeuge sind nur so gut oder so gefährlich wie die Menschen, die sie benutzen.»

Verantwortung bleibt beim Menschen

Wenn KI Entscheidungen vorbereitet oder Empfehlungen abgibt, stellt sich die Frage nach der Verantwortung. Für Faulhaber ist die Antwort klar: «KI ist ein Werkzeug.»

Entwickler seien verantwortlich für transparente und sichere Systeme, Unternehmen für den Einsatz und die Kontrolle. Die Politik wiederum müsse klare Rahmenbedingungen schaffen.

Am Ende müsse jedoch immer ein Mensch entscheiden. «Verantwortung braucht ein Gesicht, keinen Algorithmus.»


Ein Werkzeug – kein Schicksal

Trotz aller Unsicherheiten überwiegt für Faulhaber derzeit der Nutzen der Technologie. KI ermögliche kleinen Teams Projekte, die früher nur grossen Organisationen vorbehalten waren.

Gleichzeitig warnt er vor einem gesellschaftlichen Risiko: Die Technologie entwickle sich schneller, als sich Bildungssysteme, Institutionen und Regeln anpassen können.

Dennoch bleibt er optimistisch: «KI ist kein Schicksal, das über uns kommt. Sie ist ein Werkzeug.»

Und Werkzeuge seien immer nur so gut – oder so gefährlich – wie die Menschen, die sie benutzen.

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