«Viele Menschen funktionieren nur noch – und verlieren sich dabei selbst»
- Marcel Baumgartner
- 2. Juli
- 5 Min. Lesezeit
Seit über 28 Jahren gehen Diana und Rico Stämpfli gemeinsam durchs Leben. Heute begleiten sie in ihrer Praxis «Raum für Selbstwirksamkeit» in St.Gallen Paare, Familien und Einzelpersonen durch Krisen, Konflikte und persönliche Veränderungen. Im Interview sprechen sie über Beziehungsmuster, Überforderung im Familienalltag, den Boom der Coaching-Szene – und darüber, weshalb echte Veränderung immer bei einem selbst beginnt.

Sie arbeiten als Paar zusammen – was ist schwieriger: eine Beziehung führen oder gemeinsam andere Beziehungen coachen?
Diana Stämpfli: Beides fordert uns auf unterschiedliche Weise. Wenn man als Paar zusammenarbeitet, kann man die eigenen blinden Flecken kaum verstecken. Das, was wir unseren Klientinnen und Klienten empfehlen – ehrlich hinschauen, Muster erkennen und offen kommunizieren – gilt genauso für uns selbst. Das ist manchmal unbequem, macht uns aber authentischer. Wir sprechen nicht nur aus der Theorie, sondern aus gelebter Erfahrung.
Sie sind seit über 28 Jahren ein Paar und haben drei Kinder. Wie stark fliesst Ihre eigene Lebensrealität in Ihre Arbeit ein?
Rico Stämpfli: Sehr stark – und ganz bewusst. Einerseits verfügen wir über viele fachliche Werkzeuge, andererseits über jahrelange eigene Erfahrungen als Paar und Familie. Das schafft Nähe und Augenhöhe. Wir leben selbst, was wir vermitteln. Dadurch entsteht keine klassische Distanz zwischen «Professionellen» und Coachees, sondern eine Begleitung von Mensch zu Mensch.
Gab es einen Moment, in dem Sie wussten: Wir wollen Menschen begleiten?
Diana Stämpfli: Dieser Wunsch war eigentlich schon immer da. Ich arbeitete als Heilpädagogin und Früherzieherin, Rico als Sozialpädagoge und systemischer Berater. Mit den Jahren wurde uns immer klarer, wie viel ungenutztes Potenzial in vielen Menschen steckt. Besonders die Arbeit mit Familien zeigte uns: Hinter jedem Kind stehen Eltern, die ihr Bestes geben und sich oft selbst nicht gesehen fühlen. Deshalb gründeten wir 2016 unsere Praxis «Raum für Selbstwirksamkeit».
«Viele Menschen funktionieren nur noch – und verlieren dabei die Verbindung zu sich selbst.»
Ihr zentrales Thema ist Selbstwirksamkeit. Was bedeutet das konkret für jemanden in einer Krise?
Diana Stämpfli: Selbstwirksamkeit bedeutet: Ich bin nicht ausgeliefert. Auch wenn sich das Leben gerade chaotisch anfühlt, habe ich die Möglichkeit, anders mit mir selbst und mit Situationen umzugehen. Es geht nicht zuerst darum, die Umstände zu verändern, sondern die eigene Haltung dazu. Nachhaltige Veränderung beginnt immer innen – und wirkt dann nach aussen.
Vieles laufe unbewusst ab, sagen Sie. Ist Coaching letztlich ein Prozess, sich selbst ehrlich zu begegnen?
Rico Stämpfli: Ja – wobei wir lieber von einer wohlwollenden Ehrlichkeit sprechen. Es geht nicht darum, sich selbst zu verurteilen oder zu zerlegen. Sondern darum, sich wirklich zu begegnen: mit den eigenen Mustern, Ängsten und Geschichten. Coaching soll keine Selbstoptimierung sein, sondern eine ehrliche Begegnung mit sich selbst.
Warum schaffen es so viele Menschen nicht, ihr eigenes Potenzial zu leben?
Rico Stämpfli: Weil Veränderung zunächst Sicherheit kostet. Viele Menschen wissen eigentlich, was ihnen guttun würde – aber das Vertraute fühlt sich oft sicherer an als das Unbekannte. Zudem lernen wir in Schule und Gesellschaft vieles, aber kaum jemand lernt, sich selbst wirklich zu verstehen oder eigene Muster zu erkennen.
Sie kombinieren Gespräch, Hypnose und Körperarbeit. Was unterscheidet Ihren Ansatz von klassischem Coaching?
Diana Stämpfli: Viele klassische Ansätze arbeiten vor allem über den Verstand: analysieren, planen, Ziele definieren. Das ist wertvoll, greift aber oft zu kurz. Viele tief sitzende Muster sind im Körper und in emotionalen Erfahrungen gespeichert. Hypnose und Körperarbeit helfen, diese Ebenen direkt anzusprechen. Veränderung passiert dadurch nicht nur im Kopf, sondern ganzheitlich.
«Kinder brauchen keine perfekten Eltern, sondern ehrliche und präsente Menschen.»
Mit welchen Problemen kommen Paare oder Familien am häufigsten zu Ihnen?
Rico Stämpfli: Bei Paaren erleben wir oft, dass zwar noch gesprochen wird, aber kaum mehr echtes Zuhören stattfindet. Dahinter liegen häufig alte Verletzungen, unerfüllte Erwartungen oder das Gefühl, nicht mehr gesehen zu werden. Im Familienbereich beobachten wir vor allem Überforderung. Viele Eltern versuchen allem gerecht zu werden – Kindern, Beruf, Partnerschaft – und verlieren sich dabei selbst.
Gibt es Grenzen Ihrer Arbeit?
Diana Stämpfli: Natürlich. Wenn tiefere psychische Verletzungen oder medizinische Themen im Vordergrund stehen, braucht es therapeutische oder ärztliche Begleitung. Das kommunizieren wir offen. Eine Weiterempfehlung ist für uns kein Scheitern, sondern Teil verantwortungsvoller Arbeit.
Wie gehen Sie mit Menschen um, die Veränderung wollen – aber nichts verändern?
Rico Stämpfli: Mit Respekt, aber auch mit Ehrlichkeit. Wir stellen manchmal die Frage: «Was passiert, wenn sich nichts verändert?» Widerstand hat oft einen guten Grund und dient zunächst als Schutz. Coaching funktioniert nur gemeinsam. Es braucht die Bereitschaft, sich auf den Prozess einzulassen.
Hat sich das Verständnis von Familie in den letzten Jahren verändert?
Diana Stämpfli: Sehr stark. Familien stehen heute unter enormem Druck. Eltern sollen präsent sein, fördern, bindungsorientiert erziehen, beruflich erfolgreich sein und gleichzeitig als Paar funktionieren. Das führt häufig zu Überforderung. Was sich aber nicht verändert hat: Kinder brauchen keine perfekten Eltern, sondern ehrliche und präsente Menschen.
Warum geraten heute so viele Beziehungen unter Druck?
Diana Stämpfli: Weil Beziehungen heute enorm viele Erwartungen erfüllen sollen. Partnerinnen und Partner sollen Sicherheit, Leidenschaft, Freundschaft und persönliche Entwicklung zugleich bieten. Gleichzeitig bleibt im Alltag oft kaum Energie für echte Nähe übrig. Viele Paare funktionieren irgendwann nur noch nebeneinander her.
«Selbstwirksamkeit bedeutet: Ich bin meinem Leben nicht ausgeliefert.»
Welche Rolle spielt Kommunikation?
Rico Stämpfli: Kommunikation scheitert selten an Worten, sondern an dem, was darunter liegt. Menschen fühlen sich oft nicht wirklich gehört. Dann ziehen sie sich zurück oder reagieren mit Angriffen. Im Coaching versuchen wir, hinter diese Schutzmechanismen zu schauen und wieder echte Verbindung möglich zu machen.
Gibt es Fälle, die Sie emotional besonders gefordert haben?
Diana Stämpfli: Natürlich berühren uns manche Geschichten sehr. Entscheidend ist aber, den Unterschied zu kennen zwischen Mitgefühl und dem Sich-selbst-Verlieren. Dabei helfen uns Supervision, Selbstreflexion und die klare Haltung: Wir begleiten Menschen, aber wir retten sie nicht.
Wo arbeiten Sie selbst noch an Ihrer eigenen Selbstwirksamkeit?
Rico Stämpfli: Selbstwirksamkeit ist kein Zustand, den man irgendwann erreicht und dann besitzt. Auch wir erleben schwierige Situationen und Zweifel. Wichtig ist für uns das Vertrauen, gemeinsam wieder aufzustehen und weiterzugehen. Genau darin liegt oft die eigentliche Stärke.
Coaching boomt derzeit. Ist es teilweise auch zu einem Lifestyle-Produkt geworden?
Diana Stämpfli: Vielleicht teilweise. Für uns steht aber weniger der Trend im Vordergrund als die Frage: Was hilft Menschen wirklich? Gute Begleitung braucht fundierte Ausbildung, Lebenserfahrung und die Bereitschaft zur Selbstreflexion. Coaching darf keine Abhängigkeit schaffen, sondern soll Menschen stärken.
Wie unterscheidet man seriöses Coaching von Beliebigkeit?
Rico Stämpfli: Ein gutes Zeichen ist, wenn Menschen nach einem Coaching verstehen, warum etwas geholfen hat – und die Werkzeuge selbst anwenden können. Problematisch wird es dort, wo Abhängigkeiten entstehen oder einfache Wahrheiten verkauft werden. Unser Ziel ist immer, Menschen in ihre eigene Stärke und Freiheit zu begleiten.


