Regierungsrätin Denise Neuweiler: «Die Schule muss Kinder stärken»
Aktualisiert: vor 6 Tagen
Lehrpersonenmangel, künstliche Intelligenz und finanzielle Engpässe stellen das Bildungswesen vor grosse Herausforderungen. Im Interview spricht die Thurgauer Regierungsrätin und EDK-Ost-Präsidentin Denise Neuweiler über aktuelle Prioritäten, die Schule der Zukunft und die Bedeutung von Kultur und Bildung.

Denise Neuweiler, Sie führen das Departement für Erziehung und Kultur in einer Zeit grosser Herausforderungen – von Sparprogrammen über Lehrpersonenmangel bis hin zur Digitalisierung. Wo setzen Sie derzeit die wichtigsten Prioritäten?
Das Gesetz gibt uns grundsätzlich unseren Auftrag vor. Dort, wo in der Umsetzung Spielraum besteht, gilt es genau zu prüfen, welche Projekte aufgrund des Spardrucks verschoben oder gestrichen werden können. Dabei müssen die möglichen Auswirkungen stets sorgfältig abgewogen werden.
Ein Schwerpunkt liegt sicher bei der Ausbildung von Lehrpersonen an der Pädagogischen Hochschule Thurgau. Bis 2034 rechnet der Kanton jährlich mit einem Wachstum von 300 bis 350 Schülerinnen und Schülern. Das bedeutet, dass jedes Jahr rund 30 bis 35 zusätzliche Lehrpersonen benötigt werden. Verschärft wird die Situation durch die zunehmende Teilzeitarbeit und die anstehenden Pensionierungen.
Gleichzeitig laufen wichtige Projekte im Bereich der kantonalen Schulbauten, um ausreichend Unterrichtsräume sicherzustellen. Auch die Präventionsarbeit bleibt zentral. So haben wir am 15. Juni 2026 die Gemeinschaftsaktion «Go offline – keine digitalen Medien bis 4 Jahre» lanciert. Die negativen Auswirkungen eines übermässigen und nicht altersgerechten Medienkonsums müssen öffentlich thematisiert werden, da sie einen direkten Einfluss auf Bildungs- und Gesundheitssysteme haben. Dabei geht es auch darum, den eigenen Umgang mit digitalen Medien als Bezugsperson kritisch zu reflektieren.
Schulen kämpfen zunehmend mit Fachkräftemangel und steigenden Anforderungen im Unterricht. Wie gross ist die Belastung im Thurgauer Bildungssystem aktuell tatsächlich?
Die Belastung zeigt sich vor allem durch die steigenden Anforderungen im Schulalltag. Lehrpersonen, Schulleitungen und Schulbehörden weisen regelmässig darauf hin. Besonders herausfordernd sind auffälliges Schülerverhalten, zunehmende psychische Diagnosen sowie gesellschaftliche Aufgaben, die zunehmend an die Schule delegiert werden.
Gleichzeitig fehlen Fachpersonen wie schulische Heilpädagoginnen und Heilpädagogen, Logopädinnen und Logopäden oder Schulleitungen. Weitere Belastungsfaktoren sind unzureichende Deutschkenntnisse und Erziehungskompetenzen in einzelnen Familienkonstellationen sowie eine anspruchsvoller gewordene Elternarbeit. Belastbare Zahlen zur Gesamtbelastung liegen allerdings kaum vor.
Künstliche Intelligenz verändert auch den Schulalltag rasant. Wie sollen Schulen und Lehrpersonen mit Entwicklungen wie ChatGPT oder KI-gestützten Lernhilfen umgehen?
Schulen und Lehrpersonen sollten KI-Anwendungen weder ignorieren noch unkritisch übernehmen. Es gilt, die Chancen für Unterricht und individuelle Förderung zu nutzen und gleichzeitig Herausforderungen wie Datenschutz, Eigenleistungen oder fehlerhafte Ergebnisse ernst zu nehmen.
Entscheidend ist, dass Lehrpersonen sowie Schülerinnen und Schüler befähigt werden, solche Anwendungen einzuordnen, ihre Grenzen zu erkennen und sie verantwortungsvoll einzusetzen. Das Amt für Volksschule unterstützt die Schulen dabei mit verschiedenen Umsetzungshilfen im Rahmen der Richtlinie «Schule und Digitalität».
«Der Thurgau braucht jedes Jahr rund 30 bis 35 zusätzliche Lehrpersonen.»
Viele Eltern und Lehrpersonen beklagen eine zunehmende Überforderung von Kindern und Jugendlichen – psychisch, sozial und schulisch. Beobachten Sie diese Entwicklung ebenfalls?
Auch hier fehlen verlässliche Zahlen. Dennoch wird eine zunehmende Überforderung von Kindern und Jugendlichen wahrgenommen. Die Ursachen liegen unter anderem im familiären und gesellschaftlichen Umfeld, etwa im steigenden Leistungsdruck.
Viele Eltern sind selbst stark belastet, und Kinder werden oft vor Schwierigkeiten geschützt. Hinzu kommt, dass digitale Medien direkte soziale Beziehungen erschweren können. Lange Wartelisten bei unterstützenden Institutionen wie dem Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst belasten zusätzlich die Tragfähigkeit des Schul- und Familiensystems.
Sie betonen immer wieder den Praxisbezug in der Bildung. Wo sehen Sie heute zu viel Theorie – und zu wenig Lebensnähe?
Meiner Wahrnehmung nach hat der handlungsorientierte Unterricht auf allen Schulstufen in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Damit ist auch der Praxisbezug stärker geworden. Die theoretischen Grundlagen bleiben wichtig. Insgesamt sind wir auf dem richtigen Weg.
Der Kanton Thurgau steht finanziell unter Druck. Wie schwierig ist es, im Bildungs- und Kulturbereich Prioritäten zu setzen, ohne langfristig Schaden anzurichten?
Die finanzielle Situation des Kantons ist anspruchsvoll. Kostentreiber im Bildungsbereich sind insbesondere die steigenden Sonderschulquoten sowie die Leistungen an die tertiäre Bildung.
Im Kulturbereich beschäftigen uns seit längerem notwendige bauliche Sanierungen am Historischen Museum und am Kunstmuseum. Zudem wurde im Zuge der Sparmassnahmen der vergangenen Jahre die Sammlungspflege zurückgestellt. Nun gilt es, mit den vorhandenen Mitteln sorgfältig Prioritäten zu setzen. Sparen ist jedoch immer mit gewissen Verlusten verbunden.
«Kultur ist Teil unserer Identität – sie verbindet Menschen und schafft Lebensqualität.»
Kulturförderung gerät in Sparzeiten oft schnell unter Druck. Weshalb ist Kultur aus Ihrer Sicht trotzdem mehr als bloss ein «Nice-to-have»?
Kultur ist Teil unserer Identität. Sie verbindet Menschen, regt Diskussionen an, bildet weiter und ermöglicht einen Ausbruch aus dem Alltag. Kultur umfasst weit mehr als Museen.
Dank des Lotteriefonds können wir auch in finanziell schwierigen Zeiten viele kulturelle Projekte unterstützen. Besonders betroffen vom Spardruck sind allerdings jene Kultureinrichtungen, die direkt mit Staatsgeldern finanziert werden – insbesondere die kantonalen Museen und die damit verbundenen Aufgaben.
Sie haben kürzlich betont, gute Kulturangebote seien auch ein Standortvorteil. Welche Rolle spielen Kultur und Bildung für die Attraktivität des Thurgaus?
Der Thurgau ist ein ländlich geprägter Kanton. Kultur wird hier oft breiter gelebt und erreicht viele Bevölkerungsschichten. Gleichzeitig führen Wachstum und innere Verdichtung zu einer zunehmenden Anonymität. Deshalb braucht es Orte der Begegnung und des Austauschs.
Kulturorte können diese Funktion übernehmen. Zudem ist Kultur auch ein Wirtschaftsfaktor für Gewerbe, Gastronomie und Hotellerie. Gute Kulturangebote können im Wettbewerb um Zuzügerinnen und Zuzüger ein wichtiger Vorteil sein. Sie schaffen Lebensqualität – unabhängig davon, ob ein Kanton eher ländlich oder urban geprägt ist.
Der gesellschaftliche Ton wird rauer – auch gegenüber Behörden, Schulen und Politik. Wie erleben Sie den Umgangston in Ihrem politischen Alltag?
Grundsätzlich erlebe ich die Zusammenarbeit mit Bildungsverbänden und politischen Akteuren als respektvoll und konstruktiv. Dennoch ist nicht zu übersehen, dass der politische Diskurs – gerade in Zeiten des Sparens – rauer geworden ist. Dies gilt besonders dann, wenn Steuererhöhungen diskutiert werden.
Es ist Aufgabe der Legislative, die Regierung zu kontrollieren und bei Bedarf Korrekturen einzufordern. Gleichzeitig ist es wichtig aufzuzeigen, wo die eigentlichen Kostentreiber liegen und welche Massnahmen realistisch sind. Wer Forderungen stellt, muss letztlich auch die Konsequenzen der daraus resultierenden Entscheide mittragen.
«Die Schule der Zukunft muss technologische Chancen nutzen und gleichzeitig die persönliche Entwicklung der Kinder stärken.»
Sie kommen ursprünglich aus der Privatwirtschaft und waren unter anderem bei Stadler Rail tätig. Was nehmen Sie aus dieser Zeit heute in die Regierungsarbeit mit?
Meine Erfahrungen aus der Privatwirtschaft sind für die politische Arbeit sehr wertvoll. Ich kenne die Anliegen der Wirtschaft und der Wirtschaftsverbände und weiss, mit welchen Herausforderungen Unternehmen konfrontiert sind. Das hilft insbesondere im Bereich der Berufsbildung.
Ein grosser Unterschied liegt allerdings in der Handlungsfreiheit. Staatliches Handeln braucht immer eine gesetzliche Grundlage und unterliegt verschiedenen politischen Prozessen. Dadurch wird vieles langsamer und komplexer. Manchmal wünsche ich mir deshalb etwas mehr Handlungsspielraum, wie ich ihn aus der Privatwirtschaft kenne.
Seit Mai 2025 sind Sie zudem Präsidentin der EDK-Ost. Welche bildungspolitischen Themen beschäftigen die Ostschweiz derzeit besonders?
Zu den wichtigsten Themen zählen die steigenden Sonderschulquoten, die Auswirkungen des digitalen Medienkonsums, der zunehmende Schulabsentismus sowie der Sprachenunterricht.
Ein weiteres wichtiges Projekt sind die SwissSkills 2029, die in der Ostschweiz stattfinden werden. Die Zusammenarbeit innerhalb der EDK-Ost ist sehr wertvoll. Sie ermöglicht es, gemeinsame Positionen zu entwickeln und die Interessen der Ostschweiz auf nationaler Ebene einzubringen.
Wenn Sie am Ende Ihrer Amtszeit zurückblicken: Woran möchten Sie gemessen werden?
Mir sind ein sachlicher, fairer, transparenter und respektvoller Umgang wichtig. Es wird nie möglich sein, es allen recht zu machen. Entscheidend ist, tragfähige Lösungen zu finden.
Gemessen werden möchte ich daran, ob es gelingt, die Bildung gemeinsam mit Politik und Bildungspartnern so weiterzuentwickeln, dass sie den heutigen und künftigen Anforderungen gerecht wird. Die Frage, wie die Schule der Zukunft aussehen soll, wird mich dabei stets begleiten.
Mein Ziel ist es, die Chancen technologischer Entwicklungen zu nutzen und gleichzeitig die Grundlagen für eine gesunde persönliche und soziale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zu stärken. Ein besonderes Anliegen bleibt zudem die Berufslehre. Sie soll auch künftig ein Erfolgsmodell sein und sich konsequent an den Bedürfnissen der Wirtschaft und der Lernenden orientieren.


