Vereinscoach Hanu Fehr: «Viele machen wenig, statt wenige machen alles»
Viele Vereine kämpfen mit Nachwuchssorgen und überlasteten Vorständen. Vereinscoach Hanu Fehr aus Frauenfeld sagt, warum nicht fehlendes Engagement das Problem ist – sondern oft die Art, wie Vereine dieses organisieren.

Hanu Fehr, wie wird man eigentlich Vereinscoach?
Bei mir gab es dafür keinen klassischen Ausbildungsweg. Ich bin seit über 35 Jahren selbst im Vereinsleben unterwegs und habe unterschiedlichste Funktionen erlebt. Irgendwann merkte ich: Viele Vereine stehen vor ähnlichen Herausforderungen. Es fehlen Menschen, die Verantwortung übernehmen, Vorstände sind überlastet und manche Strukturen funktionieren noch wie vor 30 Jahren.
Und dann kommen Sie und sagen dem Vorstand, was er falsch macht?
Nein. Ich komme nicht mit einem fertigen Rezept. Ich schaue zuerst hin: Wo drückt der Schuh wirklich? Manchmal braucht es einen Impuls von aussen, manchmal einen Workshop oder eine neue Struktur. Und manchmal muss ein Vorstand einfach wieder den Mut bekommen, Dinge anders zu machen.
Sie sagen, die Jungen wollten sich nicht weniger, sondern anders engagieren. Was verstehen viele Vereinsvorstände falsch?
Wir sagen sehr schnell: «Die Jungen wollen sich nicht mehr engagieren.» Das halte ich für falsch. Viele wollen sich durchaus engagieren, aber nicht zwingend gleich für vier Jahre in ein Amt wählen lassen. Ausbildung, Beruf, Familie, Reisen und andere Möglichkeiten machen langfristige Verpflichtungen schwieriger. Deshalb müssen wir Engagement neu denken.
Wie könnte das aussehen?
Ich spreche gerne von Engagement-Paketen. Statt zu fragen: «Willst du in den Vorstand?», könnte man sagen: «Wir organisieren im September unser Vereinsfest. Könntest du für drei Monate die Kommunikation übernehmen?» Die Aufgabe ist konkret, zeitlich begrenzt und überschaubar. Mein Grundsatz lautet: Viele machen wenig, statt wenige machen alles.
Aber irgendwann braucht es trotzdem Menschen, die Verantwortung übernehmen.
Natürlich. Wir müssen jungen Menschen aber auch tatsächlich Verantwortung geben. Wer Junge gewinnen will, ihnen dann aber bei jeder neuen Idee erklärt, weshalb das nicht funktioniert, muss sich über fehlenden Nachwuchs nicht wundern.

Was hat sich in Ihren 35 Jahren im Vereinsleben am stärksten verändert?
Vor allem die Verbindlichkeit. Früher trat man einem Verein bei, blieb häufig lange dabei und übernahm irgendwann selbstverständlich eine Aufgabe. Heute entscheiden Menschen kurzfristiger und individueller, wofür sie ihre Freizeit einsetzen.
Was ist gleich geblieben?
Menschen wollen dazugehören. Sie wollen gemeinsam etwas erleben, Anerkennung bekommen, Freunde treffen und etwas Sinnvolles beitragen. Die Gesellschaft hat sich verändert, aber das Bedürfnis nach Gemeinschaft ist geblieben. Vielleicht müssen sich deshalb nicht die Menschen wieder den Vereinen anpassen, sondern die Vereine stärker den Menschen von heute.
«Das haben wir schon immer so gemacht» bezeichnen Sie als einen der gefährlichsten Sätze im Vereinsleben. Ist Tradition etwas Schlechtes?
Nein. Tradition gibt einem Verein Identität. Problematisch wird es, wenn wir etwas nur noch machen, weil wir es immer gemacht haben. Ich stelle dann gerne die Frage: Wenn wir unseren Verein heute neu gründen würden, würden wir das wieder genau so machen? Wenn die Antwort Nein lautet, sollte man zumindest darüber reden dürfen.
Das kann eine Veranstaltung sein, die jedes Jahr enorm viel Energie verschlingt, eine Vorstandsfunktion, die niemand mehr braucht, oder eine Generalversammlung, die drei Stunden dauert, weil sie schon immer drei Stunden gedauert hat. Tradition darf Heimat sein. Sie darf aber nicht zum Gefängnis werden.
Viele Vereine klagen über sinkende Mitgliederzahlen. Sie empfehlen, nicht sofort Werbung zu machen. Warum?
Die erste Frage sollte lauten: Würde ich heute selber Mitglied in diesem Verein werden? Danach muss man sich überlegen, wie der Verein auf Aussenstehende wirkt. Findet man schnell heraus, wann man vorbeikommen kann? Wird man persönlich willkommen geheissen? Kann man unkompliziert ausprobieren? Erzählen die Mitglieder gerne von ihrem Verein?
Eine schöne Website oder ein Instagram-Kanal können helfen. Aber Kommunikation löst kein Angebotsproblem. Wenn mein Angebot nicht mehr zu den Bedürfnissen der Menschen passt, erzeuge ich mit Werbung höchstens mehr Aufmerksamkeit für mein eigentliches Problem.

Gibt es Situationen, in denen Sie einem Verein zur Auflösung raten würden?
Ja. Einen Verein um jeden Preis am Leben zu erhalten, ist für mich kein Erfolg. Zuerst würde ich andere Möglichkeiten anschauen: Können wir mit einem Nachbarverein zusammenarbeiten? Angebote gemeinsam organisieren? Ist eine Fusion sinnvoll? Braucht es wirklich zwei oder drei Organisationen mit praktisch demselben Zweck?
Aber manchmal kann eine Auflösung der richtige Entscheid sein. Ein Verein darf eine grossartige Geschichte gehabt haben und trotzdem an einen Punkt kommen, an dem diese endet. Schlimmer finde ich, wenn drei völlig erschöpfte Menschen einen Verein jahrelang künstlich am Leben erhalten, weil niemand den Mut für eine Grundsatzdiskussion hat.
Vorstandsämter gelten als zeitintensiv und wenig attraktiv. Wie lässt sich das ändern?
Indem wir zuerst dafür sorgen, dass dieses Image nicht stimmt. Wenn jemand hört: «Wir suchen dringend einen Präsidenten», denkt er wahrscheinlich an endlose Sitzungen, Verantwortung und viele Abende. Das würde mich auch nicht begeistern.
Ein moderner Vorstand muss deshalb seine Arbeit hinterfragen: Welche Aufgaben gehören wirklich in den Vorstand? Was können Mitglieder projektbezogen übernehmen? Welche Sitzungen braucht es? Was lässt sich digital erledigen? Müssen wirklich alle Vorstandsmitglieder bei jedem Thema dabei sein?
Wie sähe Ihr idealer Vereinsvorstand aus?
Klein, beweglich und gut organisiert. Nicht jede Aufgabe braucht ein Vorstandsamt. Ich würde einen kleinen Kern schaffen, der die strategische Verantwortung trägt. Rundherum können Menschen einzelne Bereiche oder Projekte übernehmen. Die entscheidende Frage lautet nicht: Wie besetzen wir alle bisherigen Ämter wieder? Sondern: Welche Aufgaben haben wir und wie verteilen wir sie heute sinnvoll?
Und wie findet man Menschen dafür?
Persönlich und konkret. Nicht an der Generalversammlung in den Saal fragen: «Möchte vielleicht noch jemand in den Vorstand?» Da schauen plötzlich 80 Menschen sehr interessiert auf ihre Schuhe.
Ich würde jemanden direkt ansprechen: «Du kannst gut mit Menschen umgehen. Genau das könnten wir bei uns brauchen. Könntest du dir vorstellen, diesen Bereich für ein Jahr auszuprobieren?» Damit sage ich der Person auch, weshalb gerade sie gefragt wird. Und man sollte den Aufwand nicht kleinreden. «Das gibt fast keine Arbeit» ist selten glaubwürdig. Lieber transparent sagen, was erwartet wird.
«Tradition darf Heimat sein. Sie darf aber nicht zum Gefängnis werden.»
Sie halten ein persönliches Dankeschön teilweise für wertvoller als ein Geschenk.
Ein ehrliches «Danke, ohne dich hätten wir das heute nicht geschafft» kann unglaublich viel bewirken. Wir machen in Vereinen manchmal einen merkwürdigen Fehler: Wenn jemand zuverlässig arbeitet, sagen wir irgendwann gar nichts mehr. Es funktioniert ja. Aufmerksamkeit bekommt häufig erst jemand, wenn etwas nicht funktioniert.
Wertschätzung muss Teil der Vereinskultur sein und darf nicht nur einmal im Jahr an der Generalversammlung stattfinden. Sie bedeutet auch, Menschen ernst zu nehmen, ihnen zuzuhören und Gestaltungsspielraum zu geben. Das ist häufig wertvoller als die obligate Flasche Wein.
Vereine konkurrieren mit unzähligen Freizeitangeboten. Was können sie bieten, das Fitnesscenter oder Netflix nicht können?
Zugehörigkeit. Im Fitnesscenter kann ich trainieren. Netflix kann mich hervorragend unterhalten. Aber beide fragen mich wahrscheinlich nicht, wie es mir geht, wenn ich drei Wochen nicht mehr auftauche.
Ein guter Verein kennt mich. Ich werde gebraucht, kann etwas beitragen, Verantwortung übernehmen und gemeinsam mit anderen etwas schaffen. Vereine dürfen deshalb nicht versuchen, einfach ein weiterer Freizeitdienstleister zu werden. Ein Verein bietet nicht nur Sport, Musik, Kultur oder ein Hobby. Er schafft Gemeinschaft. Gerade in einer immer individuelleren und digitaleren Gesellschaft könnte das sogar wichtiger werden.
Wenn Sie einem Verein mit Nachwuchsproblemen und einem erschöpften Vorstand drei Ratschläge für die nächsten zwölf Monate geben dürften – welche wären es?
Erstens würde ich für einen Moment aufhören, neue Leute zu suchen. Vorstand und Mitglieder sollten ehrlich anschauen: Was machen wir alles? Was brauchen wir wirklich noch? Was können wir streichen, vereinfachen oder anders verteilen? Ein erschöpfter Vorstand braucht nicht als Erstes ein zusätzliches Mitglied. Er braucht weniger Last.
Zweitens würde ich die Arbeiten in kleine Engagement-Pakete zerlegen. Nicht fünf Menschen suchen, die alles machen, sondern vielleicht 20, die jeweils eine überschaubare Aufgabe übernehmen.
Drittens würde ich Menschen persönlich ansprechen: junge Mitglieder, Eltern, ehemalige Mitglieder, Neuzuzüger oder Menschen kurz vor und nach der Pensionierung. Nicht mit der Frage «Willst du ein Amt?», sondern mit einer konkreten Aufgabe, die zu ihren Fähigkeiten passt.
Und woran erkennt der Verein nach einem Jahr, ob das funktioniert hat?
Ich würde nicht nur zählen, wie viele neue Mitglieder gewonnen wurden. Ich würde schauen, auf wie viele Schultern die Vereinsarbeit inzwischen verteilt ist. Wir haben nicht zwingend zu wenige Menschen, die etwas beitragen würden. Wir müssen Engagement so organisieren, dass es wieder in ihr Leben passt.


