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Bischof Beat Grögli: «Man braucht die Kirche nicht, um ein guter Mensch zu sein»

Autorenbild: Marcel Baumgartner
Marcel Baumgartner
vor 5 Tagen
8 Min. Lesezeit

Seit gut einem Jahr ist Beat Grögli Bischof von St. Gallen. Im Gespräch spricht er über das schönste Kompliment, Frauen in kirchlichen Führungspositionen, den Pflichtzölibat und die weitere Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs. Er erklärt, weshalb ihn künstliche Intelligenz fasziniert, warum die Kirche nicht auf jede Frage eine Antwort haben muss – und weshalb für ihn gerade die Begegnung mit jungen Menschen entscheidend für die Zukunft der Kirche ist.


Seit gut einem Jahr steht Beat Grögli als Bischof an der Spitze des Bistums St. Gallen. Sein Anspruch: Trotz Amt und Verantwortung für die Menschen zugänglich zu bleiben.
Seit gut einem Jahr steht Beat Grögli als Bischof an der Spitze des Bistums St. Gallen. Sein Anspruch: Trotz Amt und Verantwortung für die Menschen zugänglich zu bleiben.

Bischof Beat Grögli, Sie sind seit gut einem Jahr Bischof von St. Gallen. Was hat dieses Amt mit Beat Grögli als Mensch gemacht?

Ein schönes Kompliment von Menschen, die mich gut kennen, ist, wenn sie sagen: «Beat, du bist der Beat geblieben.» Das ist auch mein eigener Anspruch. Ich habe eine neue Aufgabe, aber ich bin Beat Grögli in dieser Aufgabe. Das erste Jahr war sehr intensiv und brachte viel Neues. Gleichzeitig bin ich gesund geblieben, habe meine Kraft behalten und bin dankbar, dass dieses erste Jahr für mich so gut verlaufen ist.


Gab es etwas, das Sie trotz Ihrer Erfahrung überrascht hat?

Von den Aufgaben her hatte ich bereits einen guten Einblick. Als Dompfarrer und Mitglied der Bistumsleitung war ich nahe bei meinem Vorgänger Markus Büchel und wusste recht gut, was ein Bischof macht. Positiv überrascht hat mich die Fülle und Vielfalt der Begegnungen. Gleichzeitig gilt wohl auch hier, was man von Unternehmensspitzen kennt: Je weiter oben man ist, desto eher kann man abheben . Umso wichtiger sind für mich die Begegnungen in den Pfarreien und Institutionen, in denen die eigentliche Basisarbeit geleistet wird.


Sie haben Ihren Freunden einmal gesagt, sie sollten sich melden, falls Sie als Bischof «komisch» würden. Gab es schon Rückmeldungen?

Ja. Mir ist wichtig zu signalisieren, dass man mir etwas sagen darf. Ein Kollege sagte mir beispielsweise nach einem Anlass, wie ich dort vielleicht besser hätte auftreten können. Oder ein Freund las ein Interview und gab mir eine Rückmeldung. Darüber bin ich froh. Ich kann immer etwas lernen.


«Wir wollen, dass die Dinge auf den Tisch kommen – auch wenn es schmerzhaft ist.»

Hat sich der Umgang der Menschen mit Ihnen verändert?

Menschen, die mich noch nicht kennen, haben anfangs vielleicht etwas mehr Distanz. Wer mich schon lange kennt, fragt manchmal: «Wie soll ich dir jetzt sagen?» Dann antworte ich: Wir ändern nichts. Respekt vor dem Amt ist gut. Aber niemand sollte so viel Respekt haben, dass er sich nicht mehr traut, etwas anzusprechen.


Und wie spricht man einen Bischof korrekt an?

Wenn ich wählen darf: in einer offiziellen Situation «Bischof Beat». Darin sind das Amt und gleichzeitig die Person enthalten. «Herr Bischof» geht natürlich ebenfalls. «Ihre Exzellenz» finde ich auf Deutsch übertrieben.


Können Sie das Amt überhaupt einmal ablegen?

Nein. Ich bin immer Bischof. Man muss einen Umgang damit finden. Deshalb muss ich Zeiten einplanen, in denen ich für mich sein und einen Ausgleich finden kann – durch Sport, Ferien oder Gespräche mit guten Freunden.


Die katholische Kirche verliert Mitglieder und gesellschaftlichen Einfluss. Was kann sie Menschen heute noch bieten?

Die Kirche ist in sehr vielen gesellschaftlichen Bereichen engagiert, ohne dass dies immer direkt mit ihr in Verbindung gebracht wird: in der Spitalseelsorge, in Gefängnissen, in den Pfarreien oder in der Diakonie. Ich staune manchmal, wie wenig bekannt ist, was die Kirche alles tut. Und ich glaube weiterhin an die Bedeutung der Gemeinschaft. Ich kann nicht allein Christ sein. Allein besteht die Gefahr, dass ich den Glauben mit der Zeit vergesse und verliere. Kirche kann eine Gemeinschaft sein, in der Menschen im Glauben Bestärkung erfahren.


Frauen in der Kirche, Pflichtzölibat, Missbrauchsaufarbeitung und der Kontakt zur jungen Generation: Bischof Beat Grögli sieht Reformbedarf – es braucht aber einen langen Atem.
Frauen in der Kirche, Pflichtzölibat, Missbrauchsaufarbeitung und der Kontakt zur jungen Generation: Bischof Beat Grögli sieht Reformbedarf – es braucht aber einen langen Atem.

Braucht es häufig erst eine Krise, damit Menschen wieder nach Glauben und Kirche suchen?

Es braucht vielleicht einen Anstoss, aber dieser muss nicht negativ sein. Irgendwann im Leben kann plötzlich die Frage auftauchen: Was mache ich eigentlich mit meinem Leben? Was ist der Sinn? Daraus kann eine Suche nach Antworten im Glauben und in der Kirche entstehen.


Kann die Kirche diese Antworten überhaupt noch liefern?

Es ist nicht die Aufgabe der Kirche, auf alles eine fertige Antwort zu haben. Sie soll vielmehr einen Raum bieten, in dem Menschen mit ihren Fragen sein können und diese in einen Dialog bringen – mit dem Schatz des Glaubens, mit der Tradition und mit anderen Menschen. Kirche ist kein Stick, auf dem für jede Lebensfrage bereits eine Antwort gespeichert ist.


Sie sprechen davon, dass Kirche sich weiterentwickeln muss. Wie viel Wandel verträgt sie?

Darauf gibt es keine allgemeingültige Antwort. Aber weil sich in der Gesellschaft und im Leben der Menschen immer neue Fragen stellen, muss auch die Kirche ständig auf dem Weg bleiben. Ein aktuelles Beispiel ist die Auseinandersetzung von Papst Leo mit künstlicher Intelligenz und der Würde des Menschen. Ich finde diese Gedanken grossartig und unglaublich aktuell.


«KI ist ein wunderbares Hilfsmittel. Aber man muss wissen, wo ihr Einsatz sinnvoll ist und wo nicht.»

Was hat Sie daran besonders angesprochen?

Wir sagen heute beispielsweise, künstliche Intelligenz sei lernfähig. Aber menschliches Lernen ist etwas völlig anderes. Ein Mensch macht echte Erfahrungen. Er hat einen Leib, spürt Schmerz und Scham, kann Schuld empfinden, umkehren, sich entschuldigen, Entscheidungen treffen und deren Konsequenzen tragen. Das unterscheidet den Menschen fundamental von künstlicher Intelligenz.


Haben Sie KI schon einmal für eine Predigt eingesetzt?

Wenn ich für eine Predigt ein Zitat suche, kann ich KI als Hilfsmittel verwenden. Aber meine Predigten schreibe ich selber. Ich bin überzeugt, dass die Menschen merken würden, wenn eine Predigt nicht von mir stammt – insbesondere jene, die mich kennen. KI ist ein wunderbares Hilfsmittel. Aber man muss wissen, wo ihr Einsatz sinnvoll ist und wo nicht.


Ein wesentlich schwierigeres Reformthema ist die Stellung der Frauen in der katholischen Kirche. Wie erklären Sie einer jungen Katholikin, dass ihr bestimmte Ämter verschlossen bleiben?

Ich kann nicht alles erklären. Dass Frauen die Weihe verwehrt ist, ist schmerzhaft, und ich sehe, dass dies Frust auslöst. Gleichzeitig sind wir im Bistum St. Gallen wirklich gemeinsam unterwegs – Männer und Frauen, auch in verantwortungsvollen Positionen. Wir haben derzeit zwei Frauen im Ordinariatsrat und damit in der Bistumsleitung. Frauen übernehmen in wichtigen Themen und Projekten Verantwortung. Ihr Beitrag in der Kirche ist für mich unbestritten.


Aber die entscheidende Hürde bleibt bestehen.

Ja. Und diese Hürde werden wir nicht von heute auf morgen abschaffen können. Vielleicht werden wir das selbst nicht mehr erleben. Das Thema ist sehr präsent, und ich verstehe den Druck. Entscheidend ist für mich, dass das Miteinander von Frauen und Männern stimmt und Verantwortung gemeinsam getragen wird. Gleichzeitig braucht es einen langen Atem.



Ähnlich offen haben Sie sich beim Pflichtzölibat geäussert.

Wir müssen unterscheiden zwischen dem Zölibat als Lebensform und der verpflichtenden Verbindung von Zölibat und Priesteramt. Ich persönlich finde diese Lebensform sehr wertvoll. Sie hat mich als Priester geprägt und mir viel Freiraum gegeben. Gleichzeitig kann ich mir vorstellen, dass sie nicht zwingend mit dem Priesteramt verbunden sein muss und dass es andere Formen geben könnte.


Stossen Sie mit solchen Aussagen innerhalb der Kirche nicht zwangsläufig Menschen vor den Kopf?

Man findet immer jemanden, dem eine Position nicht passt. Grundsätzlich stosse ich aber auf offene Ohren und offene Herzen. Ich versuche, meine Positionen zu begründen und nicht plakativ zu argumentieren. Zudem bin ich im Austausch mit anderen Bischöfen, beispielsweise regelmässig im Bodenseeraum. Ich fühle mich mit diesen Fragen nicht allein.


Wo endet für Sie die Loyalität gegenüber Rom?

Zunächst bin ich Bischof von St. Gallen und trage Verantwortung für die Seelsorge und die Kirche hier. Gleichzeitig bin ich mit der Weltkirche und mit dem Papst verbunden. Diese Verbundenheit empfinde ich als inspirierend. Ich bekomme aus der Weltkirche viele wertvolle Impulse, beispielsweise zu Frieden, künstlicher Intelligenz oder internationaler Zusammenarbeit. Und wenn es Themen gibt, bei denen ich anders denke, dann gehen wir ins Gespräch.



Nach der Veröffentlichung der Missbrauchsstudie gehörten Sie zu den Initianten des St. Galler Aufrufs «So nicht!». Heute sind Sie selbst Bischof. Ist es schwieriger, Reformen zu fordern oder sie umzusetzen?

«So nicht!» hiess: Kirche ist nicht nur Missbrauch! Das unterschreibe ich heute noch. Reformen als Zuschauer zu fordern, war nie mein Stil. Ich war immer mittendrin und habe Verantwortung übernommen. Natürlich sehe ich heute bei gewissen Fragen noch deutlicher deren Komplexität. Ich habe jetzt eine andere Position und Rolle. Aber ich kann weiterhin an diesen Themen dranbleiben und sie beispielsweise in die Schweizer Bischofskonferenz, in Gespräche mit anderen Bischöfen oder bei Begegnungen in Rom einbringen.


Die Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs wird die katholische Kirche weiter beschäftigen. Müssen wir mit neuen Erkenntnissen rechnen, die auch das Bistum St. Gallen erschüttern könnten?

Das kann ich nicht beurteilen. Für uns ist entscheidend: Wir wollen, dass die Dinge auf den Tisch kommen – auch wenn es schmerzhaft ist. Wir wollen daraus lernen. Wir wollen, dass Kirche ein sicherer Ort ist und Betroffene Hilfe erhalten. Schutz und Prävention sind keine Aufgaben, die irgendwann abgeschlossen sind. Wir haben neue Strukturen und Anlaufstellen geschaffen und diese personell gut besetzt.


Kann man zumindest sagen, dass sexueller Missbrauch in der Kirche vor allem ein Problem der Vergangenheit ist?

Die meisten Fälle liegen weit zurück. Absolute Sicherheit wird es nie geben. Deshalb bleiben Prävention, Sensibilisierung und insbesondere der Blick auf die Betroffenen dauerhafte Aufgaben.


Sie haben den neuen Papst angesprochen. Waren Sie überrascht, dass mit Leo XIV. ein US-Amerikaner gewählt wurde?

Ja, ich war überrascht. Ich hatte ihn nicht auf dem Schirm. Aber ich habe mich sehr schnell mit ihm beschäftigt. Aus dem Glauben heraus, bin ich überzeugt, dass die Kirche jeweils den Papst bekommt, den sie in einer bestimmten Zeit braucht. Dass nun ein US-Amerikaner Papst ist, der nicht MAGA-amerikanisch geprägt ist, finde ich grossartig. Gerade in der heutigen Weltlage kann das eine grosse Bedeutung haben.


Bei einer Papstwahl ist das weltweite Interesse an der katholischen Kirche plötzlich riesig. Macht Ihnen das Hoffnung?

Ich freue mich über dieses Interesse. Aber entscheidend ist, dass daraus auch eine inhaltliche Auseinandersetzung entsteht. Das mediale Interesse am Spektakel kann schnell wieder verpuffen. Wenn daraus aber Aufmerksamkeit dafür entsteht, was der Papst etwa über Frieden, internationales Recht oder die Würde des Menschen sagt, dann freut mich das sehr.



Kommen wir zu den jungen Menschen. Wenn Ihnen ein 20-Jähriger sagt: «Ich brauche keine Kirche, um ein guter Mensch zu sein» – was antworten Sie?

Dann sage ich: Ja, man braucht die Kirche nicht, um ein guter Mensch zu sein. Aber sie kann einem helfen, ein guter Mensch zu sein. Sie kann Kraft und Orientierung geben. Und ich würde mit diesem jungen Menschen gerne darüber sprechen, was es für ihn überhaupt bedeutet, ein guter Mensch zu sein. Woher schöpft er seine Kraft? Welche Werte sind ihm wichtig? Das finde ich spannend.


Wie gelingt es der Kirche überhaupt noch, solche jungen Menschen zu erreichen?

Mir ist der Kontakt mit jungen Menschen sehr wichtig. Wir haben viele Firmgottesdienste, und davor gibt es jeweils persönliche Gespräche. Das sind Begegnungen mit jungen Menschen, die sehr unterschiedlich denken. Das löst etwas aus. Manchmal erzählen mir später Eltern, Grosseltern oder Lehrmeister, dass ein solches Gespräch bei einem jungen Menschen einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat.


Also weniger predigen und mehr begegnen?

Ich glaube sehr stark an die direkte Begegnung. Wir haben beispielsweise mit unserer Fachstelle für junge Erwachsene eine Reise nach Rom organisiert. Fünf Tage miteinander unterwegs zu sein, schafft ganz andere Möglichkeiten für Gespräche. Gerade für junge Menschen sind Gleichaltrige enorm wichtig. Andere junge Menschen zu erleben, die sich ebenfalls mit Glaubensfragen beschäftigen, ist sehr wertvoll. Es braucht Räume, in denen man über Glauben sprechen kann – und in denen man einander zuhört.


Bei all den Aufgaben: Was machen Sie persönlich, um Abstand zu gewinnen?

Ausgleich und Erholungszeiten sind für mich sehr wichtig. Ferien gehören dazu, Exerzitien, Gespräche mit guten Freunden und regelmässig Sport. Das muss ich bewusst einplanen, dann hat es auch Platz.


Irgendwann wird auch Ihre Amtszeit zu Ende gehen. Welchen Satz würden Sie dann gerne über die Ära Beat Grögli lesen?

Mein Bischofsmotto lautet «In concordiam Christi». Wenn es am Ende meines Bischofseins heissen würde, dass ich das nicht nur schön gepredigt, sondern auch gelebt und mich dafür eingesetzt habe – und dass dadurch etwas gewachsen ist –, dann wäre ich glücklich. In concordiam bedeutet für mich das Miteinander, gemeinsam unterwegs zu sein, mit einer klaren Mitte und Orientierung an Christus.


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