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Coach Simone Hengartner: «Achtsames Atmen gleicht keine ungesunde Arbeitskultur aus»

Autorenbild: Marcel Baumgartner
Marcel Baumgartner
vor 5 Tagen
6 Min. Lesezeit

Simone Hengartner Thurnheer, Inhaberin und Geschäftsführerin der KONSENSE GmbH in Mosnang, beschäftigt sich mit mentaler Gesundheit, Selbstführung und Kommunikation. In ihrer Arbeit zeigt sie auf, wie Menschen auch unter Druck handlungsfähig bleiben, Warnsignale frühzeitig erkennen und schwierige Gespräche besser bewältigen können. Dabei verbindet sie wissenschaftliche Erkenntnisse mit einem ressourcenorientierten Ansatz – und einer guten Portion Humor.


Simone Hengartner verbindet in ihrer Arbeit mentale Gesundheit, Selbstführung und Kommunikation. Ihr Ansatz richtet den Blick darauf, wie Menschen auch unter Druck ihre eigenen Ressourcen wahrnehmen und handlungsfähig bleiben können.
Simone Hengartner verbindet in ihrer Arbeit mentale Gesundheit, Selbstführung und Kommunikation. Ihr Ansatz richtet den Blick darauf, wie Menschen auch unter Druck ihre eigenen Ressourcen wahrnehmen und handlungsfähig bleiben können.

Simone Hengartner, Sie beschäftigen sich mit mentaler Gesundheit, Selbstführung und Kommunikation. Wo erleben Sie heute den grössten Unterstützungsbedarf?

Den grössten Unterstützungsbedarf sehe ich bei Menschen, die viel Verantwortung tragen und ihre eigenen Bedürfnisse dabei immer leiser hören. Sie fühlen sich oft an ihrer Belastungsgrenze und können sich kaum vorstellen, wann sie ihre Batterien wieder aufladen dürfen. Sie organisieren, entscheiden, kümmern sich und funktionieren nach aussen oft erstaunlich gut – beruflich wie privat. In meiner Arbeit geht es deshalb stark um Kohärenz: um einen Zustand, in dem Verstand, Gefühle, Körper und unbewusste Bedürfnisse nicht gegeneinander arbeiten, sondern sich wieder miteinander verständigen. Das beginnt mit der ehrlichen Frage: Was brauche ich gerade wirklich? Nicht irgendwann, wenn alles erledigt ist – dieser sagenumwobene Zeitpunkt kommt erfahrungsgemäss eher selten –, sondern mitten im Alltag.


Ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit ist der Umgang mit Druck. Haben Belastung und Stress in der Arbeitswelt tatsächlich zugenommen – oder nehmen wir sie heute einfach bewusster wahr?

Beides. Wir sprechen heute offener über psychische Belastungen, und das ist ein grosser Fortschritt. Gleichzeitig gibt es Hinweise darauf, dass die Erschöpfung tatsächlich zugenommen hat. Das Monitoring des Bundesamtes für Gesundheit weist für 2022 bei 30,3 Prozent der Erwerbstätigen emotionale Erschöpfung aus – den höchsten Wert seit Beginn dieser Messreihe 2014. Gesundheitsförderung Schweiz zeigt zudem: Bei 28,2 Prozent waren die Belastungen bei der Arbeit deutlich höher als die vorhandenen Ressourcen. Unsere Arbeitswelt ist schneller, verdichteter und digitaler geworden. Trotzdem wäre es zu einfach, nur «die Arbeitswelt» verantwortlich zu machen. Menschen können eine Zeit lang sehr viel leisten, wenn sie Sinn, Einfluss, Verbundenheit und Erholung erleben. Kritisch wird es, wenn hohe Anforderungen und dauerhafte Fremdsteuerung zusammentreffen und wir nur noch funktionieren.


Sie sprechen von «klarer Selbstführung». Was bedeutet das konkret?

Klare Selbstführung heisst für mich, bei Unsicherheit den nächsten stimmigen Schritt zu finden, statt sich zu einer schnellen Antwort zu drängen. Dass Selbstführung verloren geht, merke ich daran, dass jemand nur noch entscheidet, damit das unangenehme Gefühl der Unsicherheit verschwindet. Manchmal fehlen wichtige Informationen von aussen. Manchmal ist zwar spürbar, dass es kein klares Ja gibt – aber das stimmige Stattdessen ist noch nicht sichtbar. Der Verstand darf Informationen sammeln und Möglichkeiten prüfen. Gleichzeitig lohnt es sich, die Signale von Körper, Gefühlen und unbewussten Bedürfnissen ernst zu nehmen. Klarheit darf manchmal auch reifen.


«Kritisch wird es, wenn hohe Anforderungen und dauerhafte Fremdsteuerung zusammentreffen und wir nur noch funktionieren.»

Viele Menschen funktionieren lange weiter, obwohl ihre Energiereserven schwinden. Welche Warnsignale werden häufig übersehen?

Oft sind es nicht die dramatischen Signale, sondern kleine Verschiebungen. Man schläft, ist aber morgens nicht erholt. Man wird dünnhäutiger, zieht sich zurück, vergisst Dinge oder braucht für einfache Entscheidungen plötzlich unverhältnismässig viel Kraft. Auch der Humor verschwindet oft früh. Dinge, über die man sonst schmunzeln konnte, werden nur noch mühsam. Manche Menschen sagen: «Eigentlich ist alles gut», und ihr Körper führt gleichzeitig eine ziemlich engagierte Gegenrede – mit Verspannungen, Herzklopfen, Magenbeschwerden oder innerer Unruhe. Ein weiteres Warnsignal ist, wenn Erholung nur noch Betäubung bedeutet: endlos scrollen, essen, arbeiten oder Serien schauen, ohne sich danach wirklich erholt zu fühlen.


In Ihrem methodenintegrativen Ansatz WirkWise nutzen Sie unter anderem HRV-Biofeedback. Was lässt sich damit erkennen?

Man erhält Hinweise darauf, wie der Organismus auf Anforderungen und Erholung reagiert. Bei einer Herzratenvariabilitätsmessung werden Schwankungen der Abstände zwischen den Herzschlägen erfasst. Für mich ist das Biofeedback ein Beobachtungsfenster in unser Nervensystem und damit auch in Prozesse, die unserem bewussten Denken nur teilweise zugänglich sind. Wir spüren nicht immer zuverlässig, wie stark unser Organismus belastet ist oder ob Anspannung chronisch geworden ist. Die Technologie, die ich als Forschungspartnerin des Internationalen Instituts für Wirkungs- und Therapieforschung einsetze, macht Regulationsmuster sichtbar. Wichtig ist: Eine HRV-Messung ist kein Urteil und keine Diagnose. Sie ergänzt die eigene Wahrnehmung. Im besten Fall lernen Menschen dadurch, feine Signale ihres Körpers früher und verlässlicher zu erkennen.


Kann es überraschend sein zu sehen, was den eigenen Körper tatsächlich stresst?

Ja, sehr. Wir Menschen können uns an erstaunlich viel gewöhnen – leider auch an dauernde Anspannung. Der Kopf sagt dann: «Das macht mir nichts aus», während der Organismus längst Mehrarbeit leistet. Wenn diese Reaktion sichtbar wird, sind in kurzer Zeit weitreichende Selbsterkenntnisse möglich. Ebenso eindrücklich ist es, wenn ein persönliches inneres Bild oder ein stimmiger Gedanke den Körper messbar beruhigt. Dann wird erfahrbar, dass Ressourcen physiologisch etwas verändern können. Trotzdem entscheidet nie das Messgerät über den nächsten Schritt. Die Bedeutung der Beobachtung, die Entscheidung und ihre Umsetzung bleiben immer bei der betreffenden Person. HRV-Biofeedback soll Selbstführung stärken – nicht eine neue Instanz schaffen, der man gehorchen muss.



Ein weiteres Angebot ist Jobcoaching. Mit welchen beruflichen Fragen kommen Menschen häufig zu Ihnen?

Oft kommen Menschen mit belastenden Situationen aus dem Beruf, die längst auch ins Privatleben hineinwirken – oder umgekehrt. Viele Unsicherheiten und Belastungen entstehen in zwischenmenschlichen Beziehungen: mit Vorgesetzten, Mitarbeitenden, Kolleginnen und Kollegen oder nahestehenden Menschen. Dann geht es nicht nur um die Frage «Soll ich bleiben oder gehen?», sondern auch darum: Wie spreche ich an, was mich belastet? Wie setze ich eine Grenze, ohne die Beziehung unnötig zu gefährden? Wie bleibe ich klar, wenn mein Gegenüber emotional reagiert? Deshalb spielt Kommunikation unter Druck und in Konflikten eine tragende Rolle in meiner Arbeit. Berufliche Klärung und Beziehungsdynamik lassen sich oft gar nicht sauber voneinander trennen – wir geben unsere Gefühle schliesslich nicht morgens an der Bürotür ab.


Können ungelöste Konflikte oder schwierige Gespräche tatsächlich dauerhaft Energie kosten?

Ja. Problematische zwischenmenschliche Beziehungen gehören zu den stärksten Belastungsfaktoren, besonders wenn ein Konflikt mit einer direkten Vorgesetzten oder einem direkten Vorgesetzten im Raum steht. Nach aussen ist ein Gespräch vielleicht längst vorbei, innerlich führen wir es beim Zähneputzen, Autofahren und nachts weiter. Aber auch innere Konflikte kosten Kraft: etwa wenn verstandesorientierte Ziele und unbewusste Motive in unterschiedliche Richtungen ziehen. Dann versuchen wir vielleicht mit grosser Disziplin etwas zu erreichen, während ein anderer Teil in uns kräftig auf die Bremse tritt. Beides kann dauerhaften Stress auslösen, ohne dass uns die Ursache sofort bewusst ist.


Gerade Führungskräfte sollen entscheiden, kommunizieren, motivieren und gleichzeitig empathisch sein. Wie gelingt das, ohne sich selbst aufzureiben?

Mit Ruhe, Raum für Erholung und Selbstregulation. Führungskräfte können nicht dauerhaft entscheiden, kommunizieren, motivieren und empathisch sein, wenn ihr Nervensystem pausenlos im roten Bereich arbeitet. Dafür habe ich mit WirkWise ein Trainingsprogramm für Gruppen von Führungs- und Fachkräften sowie ganze Teams entwickelt: Selbstführung und Kommunikation lassen sich gemeinsam üben und im Alltag verankern. In einer Krise braucht es eine klare Entscheidung, in einem Entwicklungsgespräch vor allem Zuhören – und manchmal den ehrlichen Satz: «Ich weiss es noch nicht.» Selbstregulation ist Teil professioneller Verantwortung. Aber Organisationen dürfen Gesundheit nicht einfach an Einzelne delegieren. Achtsames Atmen gleicht keine dauerhaft ungesunde Arbeitskultur aus. Gute Führung stärkt Ressourcen, schafft Klarheit und ermöglicht Erholung, bevor aus hoher Beanspruchung Erschöpfung wird.


«HRV-Biofeedback soll Selbstführung stärken – nicht eine neue Instanz schaffen, der man gehorchen muss.»

Sie verbinden wissenschaftlich fundiertes Wissen bewusst mit Leichtigkeit und Humor. Weshalb ist Humor auch in schwierigen Situationen wichtig?

Humor entspannt. Und Entspannung ist aus meiner Sicht eine der wichtigsten Voraussetzungen für gelingende Kommunikation. Ein guter Humor schafft einen kleinen Spalt zwischen uns und dem Problem. Wir sind dann nicht mehr vollständig darin eingeklemmt und können wieder atmen, denken und vielleicht eine neue Möglichkeit sehen. Ich meine damit nicht, Leid wegzulachen oder mit einem flotten Spruch zuzudecken. Humor kann Hierarchien weicher machen, Scham lösen und Verbindung schaffen. Ausserdem ist er ein wunderbarer Realitätscheck. Wenn ich zum dritten Mal versuche, das Unkontrollierbare noch etwas gründlicher zu kontrollieren, hilft ein inneres Schmunzeln manchmal mehr als die nächste Strategie. Das Leben braucht zum Glück keinen lückenlosen Leistungsnachweis.


Gibt es Denkweisen oder Verhaltensmuster, die uns besonders häufig im Weg stehen?

Besonders häufig steht uns der Glaube im Weg, wir könnten andere Menschen nach unseren Vorstellungen verändern – oder es sei sogar unsere Aufgabe, dies zu tun. Das liegt ausserhalb unseres Einflussbereichs. Wir können ein Gespräch sorgfältig vorbereiten, unsere Bedürfnisse verständlich ausdrücken, Grenzen setzen und unser eigenes Verhalten verändern. Wir können aber nicht bestimmen, wie ein anderer Mensch denkt, fühlt oder reagiert. Je schneller wir diese Grenze unseres Einflusses akzeptieren, desto besser ist das meist für unsere eigene Gesundheit und auch für die unseres Gegenübers. Das bedeutet nicht Gleichgültigkeit. Es bedeutet, Verantwortung dort zu übernehmen, wo sie tatsächlich liegt, und die Verantwortung des anderen bei ihm zu lassen. Das klingt einfach. Im echten Leben ist es eine ziemlich fortgeschrittene Übung.


Wenn jemand merkt, dass Stress und schwierige Gespräche immer mehr Energie kosten: Was wäre ein sinnvoller erster Schritt?

Ein sinnvoller erster Schritt ist eine kleine Strategie zur Emotionsregulation – bevor innerlich alles brennt. Ganz konkret: Beide Füsse auf den Boden stellen, länger ausatmen und wahrnehmen, was im Körper geschieht. Dann nicht sofort fragen: «Wie bekomme ich das weg?», sondern: «Was wäre jetzt einen Millimeter hilfreicher?» Vielleicht kurz an die frische Luft gehen, das Anliegen für ein Gespräch aufschreiben oder jemanden anrufen. Entscheidend ist, etwas zu finden, das wirkt und im Alltag verfügbar ist. So erfährt das Nervensystem wieder: Ich habe Einfluss. Wenn Erschöpfung, Schlafprobleme oder Freudlosigkeit anhalten, gehört professionelle Hilfe dazu. Selbstführung heisst nicht, alles allein schaffen zu müssen.


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