ASTAG-Präsident René Steiner: «Ostschweizer Betriebe leisten Pionierarbeit»
Aktualisiert: vor 5 Tagen
Steigende Kosten, Fachkräftemangel, geopolitische Unsicherheiten und die Energiewende stellen das Transportgewerbe vor grosse Herausforderungen. Gleichzeitig investiert die Branche in neue Technologien und nachhaltige Lösungen. René Steiner, Präsident der ASTAG Sektion Ostschweiz/Fürstentum Liechtenstein, spricht im Interview über die aktuelle Situation, den politischen Handlungsbedarf und die Zukunft des Transportwesens.

René Steiner, wie beurteilen Sie die aktuelle Lage des Transportgewerbes in der Ostschweiz? Welche Themen beschäftigen Ihre Mitglieder derzeit am meisten?
Die Auslastung ist derzeit zufriedenstellend. Die angespannte Weltlage führt jedoch zu grossen Unsicherheiten und starken Volumenschwankungen. Dadurch entstehen sowohl Spitzen als auch Phasen mit tiefer Auslastung. Ebenfalls eng mit der geopolitischen Situation verbunden sind die hohen und stark schwankenden Dieselpreise, die nicht immer vollständig an die Kundschaft weitergegeben werden können.
Der Güterverkehr ist das Rückgrat der Wirtschaft. Wird diese Bedeutung in der Öffentlichkeit und der Politik Ihrer Ansicht nach genügend wahrgenommen?
Die Wahrnehmung unserer Branche in der Politik wird zunehmend besser. Die Strategie unseres Verbandes, als kompetenter und verlässlicher Ansprechpartner aufzutreten statt laut zu poltern, zeigt Wirkung. Gerade die Weiterentwicklung der leistungsabhängigen Schwerverkehrsabgabe (LSVA) zeigt, dass die Branche Gehör findet und Einfluss nehmen kann.
Dennoch wird der Bedeutung der Strasseninfrastruktur für die Ver- und Entsorgungssicherheit nach wie vor zu wenig Beachtung geschenkt. Der politische Diskurs verharrt häufig noch im überholten Gegensatz «Eisenbahn gegen Lastwagen».
Der Fahrermangel ist seit Jahren ein Thema. Wie präsentiert sich die Situation aktuell, und welche Lösungen sehen Sie?
Der Fahrermangel in der Schweiz hat sich etwas entschärft. Aufgrund der demografischen Entwicklung und der bevorstehenden Pensionierungswellen sind jedoch auch künftig Engpässe zu erwarten. Viele Unternehmen setzen erfolgreich auf Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger sowie auf die Ausbildung von Lernenden und können ihren Personalbedarf damit teilweise decken.
Die Transportbranche steht unter hohem Kostendruck. Welche Faktoren belasten die Unternehmen derzeit am stärksten?
Die grössten Kostenfaktoren sind Personal, LSVA und Treibstoffe. Vor allem die Personalkosten sind in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen – unter anderem aufgrund höherer Abwesenheits- und Versicherungskosten.
Bei der LSVA zeichnet sich ab 2029 ein weiterer Kostenschub ab: Euro-6-Fahrzeuge, die heute den grössten Teil der Schweizer Lastwagenflotte ausmachen, werden dann in eine teurere Abgabekategorie eingestuft. Hinzu kommen die stark schwankenden Energiekosten, die nicht immer an die Kundschaft weitergegeben werden können.
Wie verändert die Energiewende das Transportgewerbe? Welche Rolle spielen Elektro-, Wasserstoff- oder andere alternative Antriebe?
Alternative Antriebe werden künftig eine zentrale Rolle spielen. Dies wird zwar in der Weiterentwicklung der LSVA berücksichtigt, allerdings aus unserer Sicht nicht vollständig technologieneutral. So werden beispielsweise HVO-Diesel, Biodiesel, Biogas oder Wasserstoffverbrennungsmotoren nicht gleich behandelt.
Auch von Kundenseite wächst der Druck, in Elektrofahrzeuge zu investieren. Ich gehe davon aus, dass bei Ausschreibungen künftig teilweise nur noch mit emissionsarmen Fahrzeugen Offerten eingereicht werden können.
Bemerkenswert ist, dass viele Schweizer – insbesondere auch Ostschweizer – Unternehmen bei der Elektrifizierung echte Pionierarbeit leisten. Die Branche geht die Dekarbonisierung insgesamt sehr engagiert an. Die ASTAG hat beispielsweise ein Programm geschaffen, das Mitgliedsunternehmen ermöglicht, ihre Ladeinfrastruktur gegenseitig zu nutzen.
Viele Unternehmen investieren in Digitalisierung – von der Tourenplanung bis zur Fahrzeugtechnik. Welche Entwicklungen werden den Alltag der Transportunternehmen in den nächsten Jahren am stärksten verändern?
Die Digitalisierung wird das Transportgewerbe nachhaltig verändern. Viele Prozesse werden automatisiert, vereinfacht oder durch künstliche Intelligenz ergänzt. Mitarbeitende in der Disposition können dadurch effizienter arbeiten und mehr Aufgaben übernehmen.
Auch im Zusammenhang mit alternativen Antrieben entstehen neue digitale Möglichkeiten. Zudem werden die Fahrzeuge selbst immer intelligenter. Insgesamt erleben wir eine spannende Zeit mit tiefgreifenden Veränderungen.
Im Rheintal und in der Ostschweiz gibt es immer wieder Verkehrsengpässe. Wo sehen Sie den dringendsten Handlungsbedarf?
Viele Ostschweizer Transportunternehmen sind schweizweit unterwegs. Deshalb besteht der grösste Handlungsbedarf auf dem Nationalstrassennetz – insbesondere bei den geplanten Ausbauten im Entwicklungsprogramm der Nationalstrassen.
Regional sind vor allem die Schnellstrassenprojekte im Thurgau sowie die dritte Tunnelröhre mit dem Anschluss Güterbahnhof in St. Gallen von grosser Bedeutung.
Welche politischen Entscheide auf Bundes- oder Kantonsebene bereiten der Branche derzeit die grössten Sorgen?
Mit der Weiterentwicklung der LSVA wird eine wichtige Grundlage geschaffen, damit Unternehmen wieder verlässlicher planen und investieren können. Die bisherige Unsicherheit hat viele Investitionen gebremst.
Am Horizont zeichnet sich jedoch bereits die nächste Herausforderung ab: Die Mineralölsteuer beziehungsweise deren Ersatzfinanzierung wird künftig auch auf Elektro- und Wasserstofffahrzeuge ausgeweitet werden müssen, um die Strassenfinanzierung sicherzustellen. Hier dürfte für viele eine Ernüchterung folgen.
Wie entwickeln sich die Anforderungen der Kundschaft?
Schnelligkeit und Flexibilität gehören nach wie vor zu den wichtigsten Wettbewerbsvorteilen eines Transportunternehmens. Gleichzeitig gewinnt das Thema Nachhaltigkeit aufgrund der übergeordneten Unternehmensziele vieler Kunden laufend an Bedeutung und wird künftig unverzichtbar sein.
Wie gelingt es der Branche, junge Menschen für eine Ausbildung oder Karriere im Transportgewerbe zu begeistern?
Die Branche ist dynamisch und entwickelt sich laufend weiter. Moderne Technologien, Bewegung, Tempo und Teamarbeit faszinieren viele junge Menschen.
Zudem schaffen Logistik und Transport einen direkten Nutzen für Gesellschaft und Wirtschaft. Trotz zunehmender Automatisierung bleiben viele Berufe langfristig gefragt und sind deutlich weniger von künstlicher Intelligenz bedroht als Tätigkeiten in anderen Branchen.
Wenn Sie einen Wunsch an die Bevölkerung hätten: Was sollte jeder über das Transportgewerbe und den Alltag von Lastwagenchauffeurinnen und Lastwagenchauffeuren wissen?
Mir ist das gegenseitige Verständnis wichtig. Transporte entstehen nicht zum Selbstzweck, sondern weil Konsumentinnen, Konsumenten und Unternehmen Waren und Dienstleistungen nachfragen. Lastwagen und Busse sind deshalb unverzichtbar für die Versorgung, Entsorgung und den öffentlichen Verkehr. Ohne sie würde unsere Gesellschaft nicht funktionieren.
Wo sehen Sie die ASTAG Ostschweiz und ihre Mitglieder in zehn Jahren? Worauf müssen sich die Unternehmen schon heute vorbereiten?
Die ASTAG wird es in zehn Jahren hoffentlich weiterhin als starke und moderne Organisation geben. Ich gehe jedoch davon aus, dass aufgrund der demografischen Entwicklung sowie des technologischen und wirtschaftlichen Wandels weniger Unternehmen am Markt tätig sein werden und sich die Branche weiter konsolidiert.
Die zahlreichen Veränderungen müssen Unternehmen frühzeitig und aktiv angehen, um auch künftig wettbewerbsfähig zu bleiben. Aufgrund des grossen Pioniergeistes in vielen Betrieben bin ich aber überzeugt, dass die Branche auch in Zukunft stark, flexibel und unverzichtbar sein wird.


