DGS-CEO Alexander Ziehr: «Im Aluminium-Druckguss ist die Schweiz nicht mehr konkurrenzfähig»
Die Hiobsbotschaften aus der Ostschweizer Zulieferindustrie häufen sich. Die Wagner AG in Waldstatt steht vor der Schliessung, über die Aluwag AG in Niederbüren wurde der Konkurs eröffnet. Alexander Ziehr, CEO der international tätigen DGS Druckguss Systeme AG mit Hauptsitz in St.Gallen?, überrascht diese Entwicklung nicht. Er spricht über sinkende Stückzahlen, den starken Franken, den Produktionsstandort Schweiz und den Vormarsch chinesischer Autobauer. Für das eigene Unternehmen zeigt er sich trotz grosser Herausforderungen zuversichtlich.

Es sind Nachrichten, die in der Ostschweizer Industrie aufhorchen lassen. Die Wagner AG in Waldstatt will nach mehr als 80 Jahren ihre Geschäftstätigkeit einstellen. 71 Arbeitsplätze sind betroffen. Wenige Tage später folgte die nächste Hiobsbotschaft: Über die Aluwag AG in Niederbüren wurde Ende September der Konkurs eröffnet. Das Unternehmen beschäftigte über 100 Mitarbeitende. Zwei Fälle innerhalb weniger Tage – und beide in einer Branche, die ohnehin erheblich unter Druck steht.
Einer, der diesen Markt sehr genau kennt, ist Alexander Ziehr. Er ist CEO der DGS Group mit Hauptsitz in St.Gallen. Das Unternehmen beschäftigt weltweit knapp 1300 Mitarbeitende und ist nahezu vollständig für die Automobilindustrie tätig. Zu den wichtigsten Kunden gehören unter anderem Volkswagen und Porsche, BMW und Mercedes.
Dass es nun auch Ostschweizer Unternehmen trifft, hat Ziehr nicht überrascht. «Wir bekommen natürlich noch deutlich mehr mit, was auch ausserhalb der Schweiz stattfindet. Und da ist fast wöchentlich irgendeine Inzidenz zu vermelden.»
Zehn Prozent weniger Volumen
Die zentrale Herausforderung ist nach Einschätzung des DGS-Chefs derzeit nicht die Materialbeschaffung. Es fehlt vielmehr an Stückzahlen.
«Wir verzeichnen auch in diesem Jahr circa zehn Prozent weniger Volumen als prognostiziert», sagt Ziehr. Genau darin sieht er momentan das Hauptproblem für die gesamte Zulieferkette. Fehlen zehn Prozent der erwarteten Menge, geraten die Kalkulationen unter Druck. Anlagen müssen ausgelastet, Personal beschäftigt und hohe Fixkosten getragen werden. Für die Unternehmen bedeutet dies, ihre Kostenstrukturen laufend zu überprüfen. «Man muss kompakt aufgestellt sein und maximal kostengünstig produzieren können.» Für Schweizer Unternehmen kommt ein weiteres Problem hinzu: der Wechselkurs. Der starke Franken belaste DGS bereits seit Jahren und sei auch mit ein Grund dafür gewesen, einen Teil der Produktion zu verlagern.
Bereits im vergangenen Jahr hatte DGS einen Stellenabbau und eine Verlagerung angekündigt. Rund 80 Stellen waren davon betroffen. Der Aluminium-Druckguss wird von St.Gallen in die tschechischen Werke verlagert. Ziehr begründet diesen Schritt unmissverständlich: «Im Aluminium-Druckguss sind wir in der Schweiz nicht mehr wirklich konkurrenzfähig.»
St.Gallen setzt auf Magnesium
Das bedeutet allerdings nicht das Ende des Produktionsstandorts St.Gallen. DGS konzentriert sich hier stärker auf Magnesium. Dafür gebe es deutlich weniger Giessereien, welche die entsprechenden Verfahren beherrschten. Parallel dazu hat DGS ein internes Programm gestartet, um die operative Leistungsfähigkeit zu verbessern. Genau darin lag ursprünglich eine der zentralen Aufgaben Ziehrs, als er Mitte 2024 zunächst als Geschäftsführer in St.Gallen zum Unternehmen kam.
«Im Aluminium-Druckguss sind wir in der Schweiz nicht mehr wirklich konkurrenzfähig.»
Dass praktisch vor der eigenen Haustüre andere Unternehmen aus derselben Branche in Schwierigkeiten geraten, bleibt auch bei den Mitarbeitenden nicht ohne Wirkung. Ziehr spricht offen davon, dass die jüngsten Meldungen Unsicherheit auslösen. Wenn in der näheren Umgebung zwei Giessereien in grosse Probleme gerieten, stellten sich Beschäftigte zwangsläufig die Frage, wie es beim eigenen Arbeitgeber weitergehe. DGS versuche deshalb, regelmässig zu kommunizieren.
Gleichzeitig kann Ziehr auf neue Aufträge verweisen. Für den Standort St.Gallen habe DGS allein in diesem Jahr zwei attraktive Neuaufträge gewinnen können. Auch auf Gruppenebene sei die Akquise sowohl im vergangenen als auch im laufenden Jahr erfolgreich gewesen. Von «Bauchschmerzen» angesichts der Zukunft möchte Ziehr deshalb nicht sprechen. Wohl aber von grossen Herausforderungen.
Fast vollständig von der Autoindustrie abhängig
Eine davon ist die starke Abhängigkeit von einer einzigen Branche. DGS erzielt nahezu 100 Prozent des Geschäfts mit der Automobilindustrie. Damit hängt die Entwicklung unmittelbar davon ab, wie sich die internationalen Fahrzeugmärkte verändern.
Und dort verschieben sich derzeit die Kräfte.
Besonders deutlich zeigt sich dies in China. Die deutschen Automobilhersteller, jahrzehntelang ausgesprochen erfolgreich auf dem riesigen chinesischen Markt, stehen zunehmend unter Druck durch einheimische Hersteller. Das bekommt auch DGS zu spüren. Das Unternehmen betreibt zwei Werke in China. Dass die traditionellen deutschen Kunden dort Probleme haben, trifft damit grundsätzlich auch deren Zulieferer.
DGS habe diese Entwicklung jedoch teilweise auffangen können, sagt Ziehr. In den vergangenen Jahren sei in China ein eigenes lokales Kundennetz aufgebaut worden. Das Unternehmen versucht damit verstärkt, direkt mit chinesischen Autobauern ins Geschäft zu kommen. Was für die deutsche Autoindustrie zur Bedrohung wird, könnte für einen international aufgestellten Zulieferer gleichzeitig zur Chance werden.
Chinesische Hersteller als neue Kunden
Chinesische Hersteller drängen mit wachsender Geschwindigkeit nach Europa. Noch werden hauptsächlich fertige Fahrzeuge aus China exportiert. Doch verschiedene Hersteller prüfen auch Produktionsmöglichkeiten in Europa.
DGS will möglichst früh dabei sein. Das Unternehmen verfügt in China über eine eigene Vertriebsmannschaft, die mit chinesischen Automobilherstellern in Kontakt steht. Diese Beziehungen sollen auch genutzt werden, wenn die Hersteller ihre Präsenz in Europa ausbauen. Für DGS könnte sich damit die internationale Aufstellung auszahlen. Was auf der einen Seite Marktanteile der traditionellen europäischen Kunden kostet, eröffnet auf der anderen Seite Zugang zu neuen Auftraggebern.
Ziehr erwartet jedenfalls, dass sich der Wettbewerb in Europa weiter verschärfen wird. Chinesische Hersteller kämen mit hoher Geschwindigkeit und moderner Technologie auf den Markt. Er rechnet deshalb mit einem zunehmenden Preiskampf.
Bei der Elektromobilität fast zu früh
Auch beim zweiten grossen Umbruch der Branche hat DGS bereits Erfahrungen gesammelt: der Elektromobilität. Das Unternehmen gehörte laut Ziehr zu den frühen Zulieferern, die stark in diesen Bereich investierten – gerade auch am Standort St.Gallen. Im Rückblick sei man damit beinahe etwas zu früh gewesen. Die entsprechenden Elektrofahrzeuge erreichten zunächst nicht die erwarteten Stückzahlen. Ziehr formuliert es diplomatisch: Die damaligen Fahrzeuge seien «bedingt attraktiv» gewesen. Viele Konsumenten hätten sich damit noch nicht ausreichend identifizieren können.
«Wir verzeichnen auch in diesem Jahr circa zehn Prozent weniger Volumen als prognostiziert.»
Inzwischen beobachtet er eine Veränderung. Die Hersteller hätten ihre Strategie angepasst. Elektroautos müssten nicht mehr zwingend bereits auf den ersten Blick wie Elektroautos aussehen. Gefragt seien attraktive, moderne Fahrzeuge mit zeitgemässem Innenraum, guter Vernetzung und einem überzeugenden Gesamtpaket.
Für DGS ist die Frage Verbrenner oder Elektroauto ohnehin weniger existenziell, als man vermuten könnte. Ein grosser Teil der produzierten Komponenten sind Karosserie-Strukturbauteile. Diese werden sowohl in Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor als auch in Elektroautos benötigt. Hinzu kommen Batteriebauteile, für deren Produktion DGS grössere Investitionen getätigt hat.
Wenn andere ausfallen, entstehen neue Chancen
Die Krise der Branche eröffnet DGS teilweise sogar neue Geschäftsmöglichkeiten. Unter den in den vergangenen beiden Jahren gewonnenen Projekten befinden sich laut Ziehr auch Aufträge, die zuvor von anderen grossen Giessereien ausgeführt worden waren.
Geraten solche Produzenten in Schwierigkeiten, müssen die Autohersteller schnell Ersatz finden. Dann zählt nicht nur der Preis. Entscheidend sind auch Geschwindigkeit, Innovationsfähigkeit und die Möglichkeit, ein Projekt kurzfristig an einem geeigneten Standort umzusetzen.
Bei einzelnen Projekten seien grosse Automobilhersteller direkt auf DGS zugekommen. «Die Kunden haben gesagt: Wir wissen, ihr seid schnell, ihr seid innovativ, wir brauchen hier Hilfe.»
Für Mercedes habe DGS auf diese Weise ein Grossprojekt übernommen und gleichzeitig an zwei Standorten umgesetzt – in China und Tschechien.
«Wir haben frühzeitig gegengesteuert und waren bei der Akquise in den letzten zwei Jahren recht erfolgreich.»
Das wirft angesichts der aktuellen Situation eine naheliegende Frage auf: Könnte DGS Geschäftsbereiche oder Mitarbeitende von Unternehmen übernehmen, die derzeit in Schwierigkeiten stecken?
Ziehr schliesst dies nicht grundsätzlich aus. «Das ist durchaus denkbar.»
Konkrete Ankündigungen verbindet er damit allerdings nicht. DGS sei momentan selbst stark damit beschäftigt, die neu gewonnenen Projekte zu industrialisieren. Gleichzeitig läuft weiterhin die Verlagerung des Aluminium-Druckgusses von St.Gallen nach Tschechien.
«Wir sind gut aufgestellt»
Trotz Konkurrenz gibt es innerhalb der Branche einen Austausch. Ziehr berichtet von Gesprächen unter Geschäftsführern, bei denen man sich darüber unterhalte, welche Herausforderungen die einzelnen Unternehmen beschäftigen.
Direkt vergleichbar sei DGS mit anderen Ostschweizer Betrieben allerdings nur bedingt. Das Unternehmen unterscheide sich insbesondere durch seine internationale Aufstellung und Grösse. Knapp 1300 Mitarbeitende beschäftigt die Gruppe weltweit.
Diese internationale Struktur betrachtet Ziehr als wesentlichen Vorteil. DGS kann Projekte je nach Technologie, Kostenstruktur und Kundennähe an unterschiedlichen Standorten umsetzen und damit auf Verschiebungen im globalen Automobilmarkt reagieren.
Bleibt die Frage, die nach den jüngsten Nachrichten aus der Ostschweizer Zulieferindustrie besonders interessiert: Könnte DGS das nächste Unternehmen sein, das in ernsthafte Schwierigkeiten gerät?
Ziehrs Antwort fällt klar aus. Er sei überzeugt, dass dies nicht der Fall sei.
Das bedeutet nicht, dass der CEO die Lage der Branche kleinredet. Die Herausforderungen seien gross. Die Stückzahlen liegen unter den Erwartungen, der Franken belastet die Schweizer Produktion, deutsche Autohersteller verlieren in China Marktanteile und chinesische Konkurrenten drängen nach Europa.
DGS habe jedoch früh reagiert, Strukturen angepasst und gleichzeitig neue Aufträge gewonnen. «Wir haben frühzeitig gegengesteuert und waren bei der Akquise in den letzten zwei Jahren recht erfolgreich, sodass wir eigentlich ziemlich positiv in die Zukunft schauen.»


