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SVP-Nationalrätin Diana Gutjahr: «Man kann im Leben nicht alles gleichzeitig haben»

Autorenbild: Marcel Baumgartner
Marcel Baumgartner
vor 5 Tagen
4 Min. Lesezeit

Diana Gutjahr wird 2027 nach zehn Jahren nicht mehr für den Nationalrat kandidieren. Auch auf eine mögliche Ständeratskandidatur verzichtet die Thurgauer SVP-Politikerin. Nicht aus Frust über Bern und auch nicht, weil ihr die Politik verleidet wäre. Im Gegenteil: Der Abschied fällt ihr schwer. Doch die Unternehmerin und Mutter eines fünfjährigen Sohnes hat beschlossen, die Gewichte in ihrem Leben neu zu verteilen. Ein Gespräch über Koffer, Kinder, Kommas, Unternehmertum – und die Kunst, im richtigen Moment aufzuhören.


Nach zehn Jahren ist Schluss in Bundesbern: Die Thurgauer SVP-Nationalrätin und Unternehmerin Diana Gutjahr tritt 2027 nicht mehr an.
Nach zehn Jahren ist Schluss in Bundesbern: Die Thurgauer SVP-Nationalrätin und Unternehmerin Diana Gutjahr tritt 2027 nicht mehr an.

Wer von einer Politikerin wissen will, weshalb sie aufhört, stellt fast zwangsläufig die Frage: «Hast du genug?» Diana Gutjahrs Antwort kommt schnell: «Genug habe ich eigentlich nicht.» Das Problem liegt anderswo. Als sie Ende 2017 für Hansjörg Walter in den Nationalrat nachrückte, bestand ihr Leben vor allem aus zwei Welten: Unternehmen und Politik. 2022 kam ihr Sohn zur Welt. Seither sind es drei – und jede davon hätte gerne ziemlich viel Diana Gutjahr für sich.

Im August gab die 42-Jährige bekannt, dass sie bei den eidgenössischen Wahlen 2027 nicht mehr antritt. Auch eine Kandidatur für den Ständerat kommt für sie nicht infrage. Ihre Partei bedauerte den Entscheid; Gutjahr selbst schrieb, sie wolle künftig wieder mehr Zeit ihrer Familie, dem Familienunternehmen und weiteren Engagements widmen.

Dabei ginge sie politisch keineswegs geschwächt. Bei den Nationalratswahlen 2023 erzielte Gutjahr mit 42'993 Stimmen das beste Resultat aller Thurgauer Kandidierenden.


Zwölf Wochen Koffer packen

Über eine Kandidatur für den Ständerat hat sie durchaus nachgedacht. Die Ausgangslage schien interessant. Aber irgendwann kam die nüchterne Frage, die Unternehmerinnen vermutlich leichter stellen als Berufspolitiker: Passt dieses Projekt noch zum Leben, das ich in den nächsten zehn Jahren führen möchte?

Die Antwort lautete Nein.

Gutjahr rechnet nicht mit Sitzungsstunden, sondern mit Abwesenheit. Rund 80 Tage pro Jahr wäre sie für ein Ständeratsmandat ausser Haus. Von Romanshorn nach Bern dauert es von Tür zu Tür rund zweieinhalb Stunden. «Wenn ich gehe, bin ich nicht da.» Ihr Sohn ist fünf, bald beginnt die Schule. Sie möchte ihn dabei begleiten, bei seinen Hobbys präsent sein und nicht für alles Dritte organisieren müssen.

Bemerkenswert ist, wie wenig Gutjahr daraus eine gesellschaftspolitische Grundsatzrede machen möchte. Sie sagt nicht: Familie und nationale Politik seien unvereinbar. Im Gegenteil. Organisieren könne man fast alles. «Wir hätten das können, aber ich will das nicht.»

Das ist ein kleiner, aber entscheidender Unterschied.

Gutjahr wehrt sich gegen die Vorstellung, Erfolg bestehe darin, jede zusätzliche Aufgabe auch noch irgendwie in den Kalender zu quetschen. Man könne im Leben nicht alles gleichzeitig haben, sagt sie sinngemäss. Entscheidend sei deshalb die Frage: Worauf will ich verzichten?


Wenn im Bundeshaus über Kommas diskutiert wird

Hinzu kommt ihr Unternehmen. Gutjahr ist Mitinhaberin der Ernst Fischer AG in Romanshorn, eines Familienunternehmens im Stahl- und Metallbau. Sie hat eine kaufmännische Ausbildung absolviert und Betriebswirtschaft studiert. Seit 2017 sitzt sie im Nationalrat, seit 2020 im Vorstand des Schweizerischen Gewerbeverbandes; heute präsidiert sie zudem den Thurgauer Gewerbeverband.

Dieser Rucksack aus der Wirtschaft war für sie in Bern nie Nebensache. Im Gegenteil: Sie verstand sich stets als Praktikerin, die irgendwann fragt, was ein politischer Entscheid draussen in einem Betrieb eigentlich bedeutet.

Und da klingt dann doch etwas Ernüchterung durch.


«Wir hätten das alles organisieren können. Aber ich will das nicht. Ich möchte in den nächsten Jahren mehr Zeit für meine Familie und unser Unternehmen haben.»

Wenn in Kommissionen um Formulierungen, Kommas und immer neue Präzisierungen gerungen werde, stelle sie sich regelmässig die Frage: Wer setzt das nachher eigentlich um? Politik müsse helfen und dürfe nicht zur Behinderung werden.

Manchmal, erzählt sie, sitze sie in Diskussionen und merke, dass über die Realität von Unternehmen gesprochen werde, ohne dass die Beteiligten diese Realität aus eigener Anschauung kennen. Gerade deshalb hält sie Unternehmerinnen und Unternehmer in der Politik für wichtig. Je höher die politische Ebene, desto schwieriger werde es allerdings, gleichzeitig im eigenen Betrieb präsent zu bleiben.

Ein Berufsparlament ist für Gutjahr deswegen trotzdem keine Lösung.


Politik ist kein Einzelsport

Was also bleibt nach zehn Jahren Bundesbern?

Gutjahr macht sich nicht grösser, als sie ist. Wer in die Politik gehe, um später sagen zu können «Das war ich», sei am falschen Ort, findet sie. Im Parlament sei man Teil eines Systems. Man könne Diskussionen anstossen, Mehrheiten suchen, Dinge beschleunigen – oder manchmal verhindern, dass etwas in die falsche Richtung gehe.

Als konkretes Beispiel nennt sie unter anderem die Bekämpfung von Schwarzarbeit und Kettenkonkursen. Auch bei anderen wirtschaftspolitischen Geschäften habe sie Entwicklungen mitanstossen können, ohne dass später zwingend ihr Name darüberstand. Das stört sie nicht. Entscheidend sei, zu wissen, dass man seinen Teil beigetragen habe.

Das passt zu einer Frau, die einst Leistungstennis spielte. Schon Jahre vor ihrer Wahl wurde sie mit dem Satz porträtiert, sie habe sich erst geschlagen gegeben, wenn der letzte Ball gespielt sei.

Nun geht sie freiwillig vom Platz.

Und genau das fällt ihr schwerer, als sie erwartet hatte.


Dann kamen die Tränen

Als Gutjahr ihren Entscheid öffentlich machte, wurde aus der rationalen Unternehmerin plötzlich eine sehr emotionale Politikerin. Bei einem Radiointerview musste sie abbrechen. Die Tränen liefen.

Sie habe in diesem Moment realisiert, dass sie etwas aufgebe, das sie ausgesprochen gerne gemacht habe – obwohl sie gleichzeitig überzeugt sei, dass die Entscheidung richtig ist.

Vielleicht ist genau das der interessanteste Teil ihres Rücktritts. Es gibt keinen Skandal. Keine Abwahl. Keine verlorene parteiinterne Schlacht. Gutjahr steigt nicht aus, weil sie muss, sondern weil sie ihr Leben neu sortieren will.


«Man muss auch die nötige Ruhe haben, nicht zu jedem Thema seine Meinung öffentlich kundzutun.»

Auch ihre Eltern spielen dabei eine Rolle. Sie hätten sie über Jahre massiv unterstützt. Sie werden älter, Gutjahr hat keine Geschwister. Auch deshalb will sie sich nicht heute für eine Aufgabe verpflichten, bei der sie vielleicht in wenigen Jahren feststellen müsste, dass die Belastung nicht mehr tragbar ist.

Die Politik verschwindet deswegen keineswegs aus ihrem Leben. Gutjahr bleibt Präsidentin des Thurgauer Gewerbeverbandes, Vorstandsmitglied des Schweizerischen Gewerbeverbandes und Präsidentin von metal.suisse, dem politischen Dachverband der Schweizer Stahl-, Metall- und Fassadenbauweise.

Auch weitere Mandate will sie behalten. Und eine spätere Rückkehr in die Politik schliesst sie im Gespräch ausdrücklich nicht aus.

Vorerst soll aber das Unternehmen wieder mehr Raum bekommen. Und die Familie.


Nicht zu allem etwas sagen

Bleibt noch die Frage nach dem guten Rat für jene Person, die dereinst ihren Platz einnimmt.

Gutjahr zögert. Ratschläge an Nachfolger findet sie schwierig. Jeder Mensch habe andere Stärken und Schwächen. Dann fällt ihr doch etwas ein – und es ist vermutlich einer der sympathischeren politischen Ratschläge unserer Zeit:

Man müsse die Ruhe haben, nicht zu jedem Thema öffentlich eine Meinung kundzutun.


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