SP-Nationalrat Arbër Bullakaj: «Politik muss konkrete Verbesserungen bringen»
Seit Ende April 2026 sitzt der Wiler SP-Politiker Arbër Bullakaj im Nationalrat. Nach den ersten Monaten in Bundesbern spricht der 40-Jährige über die Realität hinter den Kulissen des Parlaments, den rauer werdenden politischen Ton, Migration und Bürgerrecht – aber auch darüber, weshalb seine Herkunft seinen Blick prägt, ohne seine Politik zu bestimmen. Und er erklärt, woran er sich am Ende seiner ersten Legislatur messen lassen will.

Arbër Bullakaj, Sie sind seit einigen Monaten Nationalrat. Wie haben Sie den Einstieg in Bundesbern erlebt?
Intensiv – und vor allem lehrreich. Von aussen sieht man im Bundeshaus oft die grossen Debatten und die Abstimmungen. Wenn man dann selbst dort arbeitet, merkt man schnell: Der grösste Teil passiert in der Vorbereitung, in Kommissionen, in Gesprächen und beim genauen Lesen der Dossiers. Ich habe die ersten Wochen bewusst genutzt, um zuzuhören, Fragen zu stellen und die Abläufe wirklich zu verstehen. Gleichzeitig habe ich gemerkt: Wer etwas bewirken will, muss rasch Prioritäten setzen und an seinen Themen dranbleiben.
Hat Sie etwas positiv überrascht?
Ja, wie viele Gespräche über Parteigrenzen hinweg möglich sind. Im Rat wird hart gestritten, das gehört zur Demokratie. Daneben sitzen aber Menschen zusammen, die einander zuhören, Argumente ernst nehmen und in konkreten Fragen nach Lösungen suchen. Die Schweiz funktioniert nicht, weil immer alle gleicher Meinung sind, sondern weil man im entscheidenden Moment miteinander arbeiten kann.
Und was hat Sie enttäuscht?
Mich beschäftigt, wie weit sich politische Debatten manchmal vom Alltag der Menschen entfernen können. Viele fragen sich, ob die Miete noch bezahlbar ist, ob ihr Lohn reicht, ob ihre Kinder gute Chancen haben und wie sie mit steigenden Kosten umgehen sollen. Im Bundeshaus braucht es manchmal viel Geduld, bis solche Fragen die Aufmerksamkeit erhalten, die sie verdienen. Politik darf nicht nur um Taktik kreisen. Sie muss konkrete Verbesserungen bringen.
Mit Ihnen sitzt nun auch wieder ein Politiker aus Wil im Nationalrat. Wie viel Wil nehmen Sie mit nach Bern?
Ich bin Nationalrat für den ganzen Kanton St. Gallen, aber Wil ist mein Zuhause. Ich weiss, was die Menschen hier beschäftigt: sichere Arbeitsplätze, starke KMU, gute Bildung, verlässliche öffentliche Dienstleistungen und bezahlbares Wohnen. Die Region Wil ist wirtschaftlich stark, hat gute Betriebe, engagierte Menschen und viel Potenzial. In Bern will ich dafür sorgen, dass die Interessen von Regionen wie unserer nicht untergehen – etwa bei Digitalisierung, Berufsbildung, Verkehrsanbindung, Service public und guten Rahmenbedingungen für Unternehmen und Arbeitnehmende.
«Ich will, dass Herkunft nicht darüber entscheidet, wie weit jemand kommen kann.»
Ein Thema begleitet Sie schon lange: die Einbürgerung und die politische Teilhabe. Warum ist Ihnen das so wichtig?
Weil Demokratie davon lebt, dass Menschen, die hier leben, Verantwortung übernehmen und mitbestimmen können. Wer hier arbeitet, Steuern zahlt, Kinder grosszieht, sich im Verein engagiert und den Alltag dieser Gesellschaft mitträgt, soll nicht dauerhaft nur zuschauen müssen. Ich habe selbst erlebt, was es bedeutet, den Schweizer Pass erst zu erhalten, nachdem man längst Teil dieses Landes geworden ist. Ein faires Bürgerrecht ist für mich deshalb keine Sonderforderung, sondern eine Frage der demokratischen Glaubwürdigkeit.
Sie kamen als Kind aus dem Kosovo in die Schweiz und wuchsen in Wil auf. Wie stark bestimmt diese Geschichte Ihre Politik?
Sie prägt meinen Blick, aber sie bestimmt nicht jede Antwort. Meine Geschichte hat mir gezeigt, wie wichtig Sicherheit, Bildung, Arbeit und Zugehörigkeit sind. Sie hat mir aber auch gezeigt, dass Chancen nicht einfach vom Himmel fallen. Man braucht Menschen, die einem etwas zutrauen, und Institutionen, die fair funktionieren. Das nehme ich in die Politik mit. Ich will, dass Herkunft nicht darüber entscheidet, wie weit jemand kommen kann.
Gleichzeitig hat sich die Migrationsdebatte in der Schweiz verschärft. Haben Sie Verständnis für Menschen, die eine härtere Migrationspolitik verlangen?
Ich verstehe, dass Menschen erwarten, dass Regeln gelten und Integration gelingt. Das sind berechtigte Erwartungen. Wer Schutz braucht, soll ihn erhalten. Wer hier lebt, soll die Regeln respektieren und sich um Teilhabe bemühen. Aber aus berechtigten Fragen dürfen keine pauschalen Verdächtigungen werden. Wenn man Menschen allein aufgrund ihrer Herkunft zu einem Problem erklärt, löst man kein einziges Problem. Gute Migrationspolitik ist konsequent, fair und realistisch – und sie behandelt Menschen nicht als Feindbilder.
Wo sehen Sie derzeit den grössten politischen Handlungsbedarf?
Darin, wirtschaftliche Stärke und gesellschaftlichen Zusammenhalt wieder stärker zusammenzudenken. Eine starke Wirtschaft braucht gute Fachkräfte, faire Löhne, verlässliche Regeln und Vertrauen. Eine stabile Gesellschaft wiederum braucht Menschen, die sich eine Wohnung, gute Betreuung für ihre Kinder und ein Leben in Würde leisten können. Dazu kommt die Digitalisierung: KI und neue Technologien dürfen nicht nur den grossen Plattformen nützen. Sie müssen auch KMU, Schulen, Verwaltungen und den Menschen zugutekommen.
«Demokratie braucht Streit. Sie braucht aber auch Respekt, sonst verliert sie ihre Grundlage.»
Sie waren selbst Unternehmer. Merken Sie im Bundeshaus manchmal, dass politische Ideen und unternehmerische Realität weit auseinanderliegen?
Meine unternehmerische Erfahrung hilft mir auf jeden Fall. Als Unternehmer trägt man Verantwortung für Mitarbeitende, Kundinnen und Kunden, Fristen und Entscheidungen. Man lernt, dass eine gute Idee allein nicht reicht: Sie muss umsetzbar sein, finanziert werden und im Alltag funktionieren. Wenn wir über Regulierung, Digitalisierung oder Wirtschaftspolitik sprechen, frage ich deshalb immer auch: Was bedeutet das konkret für einen kleinen Betrieb, für die Angestellten und für jemanden, der am Ende des Monats alle Kosten decken muss?
Der politische Ton wird rauer – nicht nur in den sozialen Medien. Erleben Sie das auch im Nationalrat?
Es gibt beides. Im Rat gibt es harte, manchmal auch unnötig zugespitzte Aussagen. Das beschäftigt mich, besonders wenn Menschen oder ganze Gruppen abgewertet werden. Gleichzeitig erlebe ich viele sachliche Gespräche, auch mit Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich politisch oft nicht einverstanden bin. Für mich ist entscheidend: klar in der Sache sein, aber Menschen nicht entwürdigen. Demokratie braucht Streit. Sie braucht aber auch Respekt, sonst verliert sie ihre Grundlage.
Menschen mit Migrationshintergrund sind gemessen an ihrem Anteil an der Bevölkerung in der Politik wenig sichtbar. Hat die Schweiz ein Repräsentationsproblem?
Ja, aber es geht um mehr als Namen, Herkunft oder Symbolik. Eine Demokratie wird besser, wenn unterschiedliche Lebensrealitäten in ihr vorkommen: Menschen mit und ohne Schweizer Pass, Menschen aus der Stadt und vom Land, Angestellte, Selbständige, junge und ältere Menschen. Wenn grosse Teile der Bevölkerung kaum Möglichkeiten haben, sich einzubringen, fehlen ihre Erfahrungen in den Entscheidungen. Mehr Repräsentation ist deshalb keine Frage von Etiketten. Sie verbessert die Qualität der Politik.
Gab es in Ihren ersten Monaten in Bern bereits einen Moment, in dem Sie dachten: Jetzt bin ich tatsächlich Nationalrat?
Der Moment meiner ersten Rede im Nationalrat ist mir besonders geblieben. Nicht, weil ich auf einer grossen Bühne stehen wollte, sondern weil ich dort für etwas sprechen konnte, das mich seit Jahren beschäftigt: das Bürgerrecht und die Frage, wer in unserer Demokratie mitreden darf. Danach kamen Menschen auf mich zu, die völlig unterschiedliche politische Hintergründe hatten. Einige waren einverstanden, andere nicht. Aber viele wollten ernsthaft darüber sprechen. Genau für solche Momente bin ich in die Politik gegangen.
Viele junge Menschen diskutieren intensiv über Klima, Wohnen, Gleichstellung oder KI, treten aber keiner Partei bei. Hat die klassische Politik ein Nachwuchsproblem?
Die Themen sind bei jungen Menschen längst vorhanden: Wohnen, Klima, Arbeit, Bildung, Diskriminierung, KI oder psychische Gesundheit. Wir müssen Politik weniger kompliziert machen und junge Menschen nicht nur dann ansprechen, wenn Wahlen anstehen. Entscheidend ist, ob sie merken, dass ihre Stimme etwas verändern kann. Politik muss transparenter werden und echte Mitgestaltung ermöglichen – in Schulen, Gemeinden, Vereinen und auch digital. Ich will zeigen, was Entscheide in Bern konkret mit dem Alltag zu tun haben. Denn Politik beginnt nicht erst im Bundeshaus.
Sie sind als Nachrückender mitten in die laufende Legislatur eingestiegen. Wenn diese zu Ende geht: Woran sollen die Menschen beurteilen können, ob Arbër Bullakaj in Bern etwas bewirkt hat?
Ich möchte für eine offene, selbstbewusste Schweiz stehen, die wirtschaftlich stark ist und niemanden zurücklässt. Und ich möchte für Verlässlichkeit stehen: zuhören, klar Stellung beziehen und an einem Thema dranbleiben, auch wenn es nicht sofort Mehrheiten gibt. Inhaltlich will ich Fortschritte bei der demokratischen Teilhabe, bei fairen Arbeitsbedingungen und bei einer Digitalisierung erreichen, die den Menschen dient. Und ich möchte, dass man in Wil und im ganzen Kanton sagen kann: Er war präsent, er hat Brücken gebaut und konkrete Arbeit geleistet.


