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Sagen, was geht – und schweigen, wenn es nötig ist

  • Autorenbild: Marcel Baumgartner
    Marcel Baumgartner
  • 21. Apr.
  • 4 Min. Lesezeit
Seit Anfang November leitet Martina Brassel die Kommunikation der Kantonspolizei St. Gallen. Im Interview spricht sie über ihren Wechsel vom Journalismus zur Polizei, über den Spagat zwischen Offenheit und Zurückhaltung – und darüber, warum Vertrauen die wichtigste Währung ist.

Martina Brassel, Leiterin Kommunikation der Kantonspolizei St. Gallen: «Wenn wir erklären, was wir tun und warum wir es tun, schaffen wir Verständnis und Vertrauen.»
Martina Brassel, Leiterin Kommunikation der Kantonspolizei St. Gallen: «Wenn wir erklären, was wir tun und warum wir es tun, schaffen wir Verständnis und Vertrauen.»

Martina Brassel, Sie haben Anfang November die Leitung der Kommunikation der Kantonspolizei übernommen. Wie haben Sie die ersten Monate in Ihrer neuen Rolle erlebt?

Die ersten Monate waren für mich sehr spannend, eindrücklich, aber auch herausfordernd. Das hat sicherlich auch mit der Grösse der Organisation und den verschiedenen Themenfeldern zu tun. Die Kantonspolizei St. Gallen ist eine Organisation mit rund 1000 Mitarbeitenden und sechs verschiedenen Hauptabteilungen.


Was hat Sie persönlich an dieser Aufgabe besonders gereizt?

Nach über 20 Jahren im Journalismus war es für mich an der Zeit, mich aus meiner Komfortzone herauszubegeben und eine neue Herausforderung anzunehmen, die mich fordert. Gereizt hat mich insbesondere das Dynamische an der Polizeiorganisation. Aus dem Journalismus war ich es gewohnt, dass immer etwas läuft und ich nie weiss, was mich an einem Tag erwartet – das ist bei der Polizei ähnlich. Gleichzeitig wollte ich mich stärker in strategische Fragestellungen einbringen. Dies ist nun mit dem Einsitz in der Geschäftsleitung möglich.


Polizeikommunikation unterscheidet sich von klassischer Unternehmenskommunikation – und auch von der Medienbranche. Was war für Sie die grösste Umstellung?

Die grösste Umstellung war wohl, dass ich heute zwar auf alle meine Fragen, die ich früher als Journalistin gestellt habe, Antworten erhalte – diese aber aus nachvollziehbaren Gründen oft nicht weitergeben darf. Früher hielt ich das «Ich kann aus ermittlungstaktischen Gründen nichts sagen» manchmal für eine Floskel. Heute weiss ich, warum das tatsächlich so ist.


Die Öffentlichkeit erwartet schnelle und transparente Informationen. Wie gelingt dieser Balanceakt zwischen Informationspflicht und laufenden Ermittlungen?

Das ist unsere tägliche Herausforderung. Einerseits wollen wir schnell und transparent informieren – das ist uns in der Kommunikation sehr wichtig. Andererseits dürfen wir Ermittlungen nicht gefährden, indem wir zu viel preisgeben. Ich glaube, dieser Balanceakt gelingt uns in den meisten Fällen gut.


Welche Bedeutung hat Kommunikation heute für die Arbeit einer Polizei?

Schnelle und transparente Kommunikation hilft auch, Gerüchte oder Falschinformationen zu verhindern. Fake News verbreiten sich rasch, Bilder tauchen in sozialen Medien auf, und sogenannte Lesereporter sind oft früh vor Ort. Umso wichtiger ist es, dass wir im Lead bleiben und möglichst schnell sowie korrekt informieren.


«Transparenz ist wichtig – aber nie auf Kosten von Ermittlungen oder Persönlichkeitsschutz.»

Sie erwähnen es: In sozialen Medien verbreiten sich Nachrichten und Gerüchte sehr schnell. Wie geht die Polizei damit um, wenn sich falsche Informationen rasch verbreiten?

Hier gilt das gleiche Prinzip: Wir versuchen, so rasch wie möglich verlässliche Informationen bereitzustellen, um Gerüchte einzuordnen oder zu korrigieren.


Bei schweren Ereignissen – etwa Unfällen oder Gewaltverbrechen – stehen Polizei und Medien unter grossem Zeitdruck. Wie organisiert Ihr Team in solchen Situationen die Kommunikation?

Wir sind mit vier vollamtlichen Mediensprechern und mehreren Milizsprechern sehr gut aufgestellt. So müssen grosse Ereignisse nie von einer Person allein bewältigt werden. Der Pikettsprecher oder die Pikettsprecherin kann jederzeit Unterstützung hinzuziehen. Im Idealfall arbeitet jemand an der Front und jemand im Hintergrund.


Immer wieder wird diskutiert, wie offen Polizeibehörden kommunizieren sollen. Wo ziehen Sie persönlich die Grenze zwischen Transparenz und Zurückhaltung?

Ich bin klar für Transparenz – solange der Persönlichkeitsschutz gewahrt bleibt und Ermittlungen nicht gefährdet werden.


Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit Journalistinnen und Journalisten im Kanton St. Gallen?

Die Zusammenarbeit funktioniert sehr gut und ist von gegenseitigem Respekt geprägt. Viele Journalistinnen und Journalisten kenne ich noch aus meiner früheren Tätigkeit persönlich.


Die Polizei steht oft im Fokus der öffentlichen Meinung. Wie wichtig ist das Vertrauen der Bevölkerung – und wie kann Kommunikation dazu beitragen?

Das Vertrauen der Bevölkerung in unsere Organisation und unsere Arbeit steht an oberster Stelle. Kommunikation kann dazu beitragen, indem sie offen und transparent erfolgt. Mir ist zudem wichtig, dass wir nicht nur über Unfälle und Verbrechen berichten, sondern auch zeigen, was die Polizei täglich Gutes leistet. Wenn wir erklären, was wir tun und warum wir es tun, schaffen wir Verständnis und Vertrauen.


Kommunikationsarbeit bei der Polizei kann auch emotional belastend sein, etwa nach tragischen Ereignissen. Wie gehen Sie persönlich mit solchen Situationen um?

Seit ich vor sieben Monaten bei der Kantonspolizei St. Gallen arbeite, habe ich persönlich noch keine Situation erlebt, die mich stark belastet hat. Ich habe jedoch grossen Respekt vor solchen Momenten und frage mich, wie ich damit umgehen werde. Gleichzeitig weiss ich, dass ich auf ein sehr unterstützendes Team zählen kann. Zudem gibt es innerhalb der Kantonspolizei die Möglichkeit, Hilfe von sogenannten Peers in Anspruch zu nehmen – also speziell geschulten Mitarbeitenden, die in anspruchsvollen Situationen unterstützen.


Was hat Sie in den ersten Monaten im Amt am meisten überrascht?

Mich beeindruckt bis heute, mit wie viel Herzblut jede und jeder seine Arbeit verrichtet. Und wie stolz die Mitarbeitenden darauf sind, für die Kantonspolizei St. Gallen zu arbeiten – und mit wie viel Freude sie darüber sprechen.


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