Psychiatrie-Vizedirektor Karlheinz Pracher: «Wir sind überlastet»
Die Nachfrage nach psychiatrischen Behandlungen im Kanton St.Gallen nimmt zu. Besonders angespannt ist die Situation im ambulanten Bereich. Karlheinz Pracher, Direktor Zentren Süd und Stv. CEO der Psychiatrie St.Gallen, erklärt, weshalb Patientinnen und Patienten teilweise mehrere Monate warten müssen, welche Rolle der Fachkräftemangel spielt und wie die Versorgung weiterentwickelt werden soll.

Karlheinz Pracher, wie beurteilen Sie die aktuelle Auslastung Ihrer ambulanten psychiatrischen Angebote im Kanton St.Gallen?
Die Psychiatrie St.Gallen bietet an sieben Standorten im Kanton intermediäre Angebote in ihren Ambulatorien und Tageskliniken an. Die Auslastung war in den letzten Jahren kontinuierlich hoch und liegt aktuell über der Kapazitätsgrenze.
Wie lange müssen Patientinnen und Patienten derzeit durchschnittlich auf einen Ersttermin warten? Gibt es Unterschiede je nach Region oder Dringlichkeit?
Für reguläre Eintritte beträgt die Wartefrist in den Ambulatorien zwischen zwei und acht Monaten und in den Tageskliniken bis zu drei Monaten. Die Aufnahmekapazität der Ambulatorien hängt stark vom zur Verfügung stehenden Personal ab. Aufgrund des Fachkräftemangels kommt es hier zunehmend zu Einschränkungen. Selbstverständlich sind Notfallaufnahmen davon ausgeschlossen – die Aufnahme von Notfällen ist an allen Standorten der Psychiatrie St.Gallen jederzeit gewährleistet.
Trifft es also zu, dass einzelne Patientinnen und Patienten bis zu sechs Monate auf ein Erstgespräch warten müssen?
Ja, das kann bei regulären Eintritten durchaus vorkommen. Die Anzahl Patientinnen und Patienten, die wir aufnehmen können, ist durch die verfügbare Arbeitskapazität der Ärztinnen, Ärzte und Psychotherapeutinnen beziehungsweise Psychotherapeuten begrenzt. Aber wie bereits erwähnt, sind Notfallaufnahmen jederzeit gewährleistet.
«Die Auslastung war in den letzten Jahren kontinuierlich hoch und liegt aktuell über der Kapazitätsgrenze.»
Welche Hauptgründe führen zu diesen langen Wartezeiten? Ist der Fachkräftemangel der entscheidende Faktor?
Der Fachkräftemangel ist ein wesentlicher Grund für die langen Wartezeiten. Besonders schwierig ist es, offene Stellen für Assistenzärztinnen und -ärzte sowie für Fachärztinnen und -ärzte zu besetzen. In eher ländlichen Regionen fehlt es zunehmend auch an Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sowie an weiteren spezialisierten Fachpersonen.
Gleichzeitig nimmt die Zahl der niedergelassenen Psychiaterinnen und Psychiater ab, während der Bedarf an psychiatrischer und psychotherapeutischer Unterstützung tendenziell steigt. Das führt dazu, dass die vorhandenen Behandlungskapazitäten nicht immer ausreichen, um alle Anfragen zeitnah abzudecken.
Wie hat sich die Nachfrage nach psychiatrischen Behandlungen in den vergangenen fünf Jahren entwickelt?
Die Nachfrage nach psychiatrischen Behandlungen hat in den vergangenen fünf Jahren insgesamt zugenommen. Besonders stark zeigt sich diese Entwicklung in der ambulanten und tagesklinischen Versorgung. Allein zwischen 2023 und 2025 stieg die Zahl der ambulant behandelten Fälle um knapp zehn Prozent. Auch die tagesklinischen Behandlungstage nahmen im gleichen Zeitraum um rund neun Prozent zu.
Um der grossen Nachfrage entgegenzuwirken und die Ambulantisierung weiter voranzutreiben, bauen wir neue Angebote auf. Ein Beispiel dafür ist die neue alters- und neuropsychiatrische Tagesklinik, welche wir nächstes Jahr an der Teufenerstrasse in St.Gallen eröffnen werden.
Im stationären Bereich blieb die Nachfrage in den vergangenen Jahren auf einem konstant hohen Niveau stabil. Da die vorhandenen Betten jedoch bereits seit Jahren nahezu vollständig ausgelastet sind, lässt sich die steigende Nachfrage dort nicht uneingeschränkt durch höhere Fallzahlen abbilden.
«Der Fachkräftemangel ist ein wesentlicher Grund für die langen Wartezeiten.»
Wie stark spüren Sie bei der Rekrutierung von Fachärztinnen, Fachärzten und weiteren Fachpersonen die Konkurrenz anderer Kantone?
Der Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte ist deutlich spürbar. Auch die umliegenden Kantone und andere Gesundheitsinstitutionen bemühen sich intensiv um Fachärztinnen, Fachärzte sowie weitere spezialisierte Fachpersonen.
Die Psychiatrie St.Gallen arbeitet kontinuierlich daran, ihre Anstellungs- und Arbeitsbedingungen im Rahmen der kantonalen Vorgaben weiterzuentwickeln. Dazu gehören neben einer angemessenen Vergütung auch zeitgemässe Arbeitsmodelle, eine wertschätzende Führungskultur sowie attraktive Entwicklungs- und Karrieremöglichkeiten. Einen besonderen Stellenwert haben für uns die grosszügige Unterstützung von Weiter- und Fortbildungen und die gezielte Förderung der persönlichen und beruflichen Entwicklung unserer Mitarbeitenden.
Der Fachkräftemangel betrifft heute das gesamte Gesundheitswesen. Um als Arbeitgeberin attraktiv zu bleiben und den Bedarf an qualifizierten Mitarbeitenden langfristig zu sichern, müssen auch wir unsere Rahmenbedingungen laufend überprüfen und gezielt weiterentwickeln.
Welche konkreten Massnahmen ergreifen Sie, um neue Fachkräfte zu gewinnen und bestehende Mitarbeitende langfristig zu halten?
Unser besonderes Augenmerk gilt den Mitarbeitenden, die bereits bei uns tätig sind: Wir möchten sie fördern, ihnen gute Entwicklungsmöglichkeiten bieten und sie langfristig bei der Psychiatrie St.Gallen halten. Gleichzeitig wollen wir neue Fachkräfte für uns gewinnen.
Dazu gehören zeitgemässe Arbeitsbedingungen, die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, attraktive Aus-, Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten sowie Angebote im Bereich der betrieblichen Gesundheitsförderung. Als akademisches Lehrspital misst die Psychiatrie St.Gallen insbesondere der fachlichen und persönlichen Entwicklung ihrer Mitarbeitenden einen hohen Stellenwert bei.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf einer starken Führung und einer gemeinsamen Unternehmenskultur. Mit Führungsprogrammen, unserem neuen Leitbild und mehr Möglichkeiten zur Mitwirkung fördern wir ein wertschätzendes Miteinander und die aktive Beteiligung der Mitarbeitenden.
Unser Ziel ist es, ein Arbeitsumfeld zu schaffen, in dem sich Fachpersonen entwickeln, Verantwortung übernehmen und langfristig wohlfühlen können.
Was bedeuten längere Wartezeiten für Menschen mit psychischen Erkrankungen?
Längere Wartezeiten können für Menschen mit psychischen Erkrankungen im Alltag sehr belastend sein. Beschwerden wie Ängste, depressive Symptome, Schlafprobleme oder starke innere Anspannung können sich in dieser Zeit verstärken und sich zunehmend auf das Familienleben, soziale Kontakte oder die Arbeitsfähigkeit auswirken. Je später eine fachliche Einschätzung und geeignete Unterstützung erfolgen, desto grösser ist das Risiko, dass sich die Beschwerden verfestigen oder der weitere Krankheitsverlauf ungünstig beeinflusst wird.
«Die längeren Wartezeiten betreffen grundsätzlich alle Krankheitsbilder.»
Welche Unterstützung erhalten Betroffene während der Wartezeit?
Die Psychiatrie St.Gallen baut seit mehreren Jahren ihre ambulanten Angebote gezielt aus. Ziel ist es, Betroffenen möglichst rasch einen ersten Kontakt und eine fachliche Einschätzung zu ermöglichen. So kann frühzeitig geklärt werden, welche Unterstützung notwendig ist und wie die Zeit bis zum Beginn einer weiterführenden Behandlung sinnvoll überbrückt werden kann.
Während der Wartezeit bleiben Betroffene in der Regel mit der zuweisenden Ärztin, dem zuweisenden Arzt oder ihrer Hausärztin beziehungsweise ihrem Hausarzt in Kontakt. Diese können den Gesundheitszustand begleiten, erste unterstützende Massnahmen einleiten und bei Bedarf weitere Hilfsangebote vermitteln.
Verschlechtert sich der Zustand, sollten sich Betroffene frühzeitig bei der behandelnden oder zuweisenden Fachperson beziehungsweise bei der Psychiatrie St.Gallen melden. In akuten psychischen Krisen oder bei Selbstgefährdung stehen die Notfall- und Krisenangebote der Psychiatrie St.Gallen rund um die Uhr zur Verfügung. So kann die Dringlichkeit neu beurteilt und rasch die notwendige Unterstützung organisiert werden.
Gibt es Bereiche oder Patientengruppen, bei denen die Versorgung derzeit besonders angespannt ist?
Besonders angespannt ist die Situation derzeit in der ambulanten psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung. Hier ist die Nachfrage in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, während gleichzeitig qualifizierte Fachpersonen fehlen. Dies kann insbesondere bei regulären, nicht dringlichen Abklärungen und Behandlungen zu längeren Wartezeiten führen. Die längeren Wartezeiten betreffen grundsätzlich alle Krankheitsbilder.
Um Betroffenen möglichst zeitnah die passende Unterstützung zu vermitteln, arbeitet die Psychiatrie St.Gallen eng mit niedergelassenen Psychiaterinnen und Psychiatern, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sowie mit sozialen Angeboten wie Sucht- oder Familienberatungsstellen der Gemeinden und Städte zusammen. Gleichzeitig überprüfen wir die Dringlichkeit der Anfragen laufend und nehmen bei Bedarf eine neue Priorisierung vor. Akute psychische Krisen und Notfälle werden dabei vorrangig beurteilt und behandelt.
Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen für die psychiatrische Versorgung im Kanton St.Gallen in den kommenden Jahren?
Die grössten Herausforderungen liegen aus unserer Sicht in der weiter steigenden Nachfrage nach psychiatrischen und psychotherapeutischen Behandlungen, dem zunehmenden Fachkräftemangel und der Sicherstellung einer qualitativ hochstehenden und gut erreichbaren Versorgung in allen Regionen des Kantons. Gleichzeitig müssen die Angebote stärker aufeinander abgestimmt und ambulante, tagesklinische, stationäre sowie aufsuchende Behandlungsformen bedarfsgerecht weiterentwickelt werden.
Welche politischen und finanziellen Rahmenbedingungen braucht es dafür?
Damit diese Aufgaben langfristig bewältigt werden können, braucht es verlässliche politische und finanzielle Rahmenbedingungen. Dazu gehören eine nachhaltige Finanzierung insbesondere der ambulanten und aufsuchenden Angebote, Planungssicherheit für die Weiterentwicklung der Versorgung sowie gezielte Massnahmen zur Ausbildung, Gewinnung und Bindung von Fachpersonen. Gerade bei mobilen und niederschwelligen Versorgungsformen stellt die Finanzierung weiterhin eine Herausforderung dar.
Ebenso wichtig sind langfristige Investitionen in zeitgemässe Infrastrukturen und eine enge Zusammenarbeit der Psychiatrie St.Gallen mit dem Kanton, den Spitälern und den Krankenversicherungen. Nur gemeinsam kann eine bedarfsgerechte und qualitativ gute psychiatrische Versorgung im gesamten Kanton sichergestellt werden.


