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OBA-Messeleiterin Angelika Huber: «Eine Messe kann neue Perspektiven eröffnen»

Autorenbild: Marcel Baumgartner
Marcel Baumgartner
vor 5 Tagen
4 Min. Lesezeit

Die Berufswelt wird vielfältiger, der Fachkräftemangel verschärft den Wettbewerb um Nachwuchs und gleichzeitig stehen Jugendlichen so viele Informationen zur Verfügung wie noch nie. Welche Rolle kann eine Bildungsmesse unter diesen Voraussetzungen noch spielen? Angelika Huber, Messeleiterin der OBA, über Orientierung, überfordernde Vielfalt, Rollenbilder und die Grenzen einer Messe.


Angelika Huber ist Messeleiterin der OBA. Die Ostschweizer Messe für Aus- und Weiterbildung findet vom 27. bis 30. August 2026 statt.
Angelika Huber ist Messeleiterin der OBA. Die Ostschweizer Messe für Aus- und Weiterbildung findet vom 27. bis 30. August 2026 statt.

Angelika Huber, welche Bedeutung hat die OBA heute für die Berufs- und Ausbildungswahl junger Menschen in der Ostschweiz – und hat sich diese Rolle in den vergangenen Jahren verändert?

Die OBA ist heute der grösste Bildungstreffpunkt der Ostschweiz. Sie schafft Orientierung in einer zunehmend vielfältigen Bildungs- und Berufswelt und bringt Jugendliche, Eltern, Lehrpersonen, Erwachsene, Unternehmen und Bildungsinstitutionen zusammen. Die Grundidee ist gleich geblieben: Junge Menschen bei ihrer Berufs- und Ausbildungswahl zu unterstützen. Verändert hat sich hingegen die Breite des Angebots. Neben der klassischen Berufswahl stehen heute Weiterbildung, Höhere Berufsbildung, Studium und berufliche Neuorientierung stärker im Fokus. Damit geht es längst nicht mehr nur um die erste Berufsentscheidung, sondern um verschiedene Phasen eines Bildungs- und Berufswegs.


Rund 250 Berufe und 600 Weiterbildungsangebote werden präsentiert. Ist diese enorme Vielfalt für Jugendliche tatsächlich eine Chance – oder kann sie bei der Berufswahl auch überfordern?

Eine grosse Auswahl kann zunächst durchaus herausfordernd wirken. Gleichzeitig kennen viele Jugendliche vor der Berufswahl nur einen kleinen Ausschnitt der tatsächlichen Berufswelt. An der OBA können sie Berufe entdecken, die sie sonst vielleicht nie in Betracht gezogen hätten. Wichtig ist deshalb, die Vielfalt mit Orientierungsmöglichkeiten zu verbinden. Jugendliche können Fragen stellen, Berufe ausprobieren und ihre Eindrücke mit Lernenden oder Fachpersonen besprechen. Persönliche Begegnungen können dabei helfen, Informationen einzuordnen und Entscheidungen vorzubereiten.


Wie hat sich die Berufswahl der Jugendlichen verändert? Welche Berufe oder Branchen haben an Attraktivität gewonnen – und welche haben zunehmend Mühe, Nachwuchs zu finden?

Wir beobachten, dass Jugendliche stärker nach Sinnhaftigkeit, Entwicklungsmöglichkeiten und Zukunftsperspektiven fragen. Gleichzeitig beeinflussen Digitalisierung und technologische Entwicklungen die Berufswahl. Wir versuchen deshalb, auch moderne und sich verändernde Berufsbilder sichtbar zu machen. Beim diesjährigen Schwerpunktthema Logistik geht es beispielsweise auch um Automatisierung, Robotik und künstliche Intelligenz. Welche Branchen gerade besonders gefragt sind oder Mühe bei der Nachwuchsgewinnung haben, verändert sich allerdings laufend. Wir verstehen die OBA deshalb weniger als Trendbarometer, sondern als Plattform, welche die Breite der Berufs- und Bildungswelt zeigt.


An der OBA können Jugendliche Berufe nicht nur kennenlernen, sondern zahlreiche Tätigkeiten direkt ausprobieren und mit Lernenden sowie Berufsleuten ins Gespräch kommen.
An der OBA können Jugendliche Berufe nicht nur kennenlernen, sondern zahlreiche Tätigkeiten direkt ausprobieren und mit Lernenden sowie Berufsleuten ins Gespräch kommen.

Viele Unternehmen beklagen einen Fachkräftemangel. Spüren Sie das auch an der OBA? Müssen Unternehmen heute stärker um Jugendliche und Lernende werben als noch vor zehn Jahren?

Ja, der Fachkräftemangel ist spürbar. Für viele Unternehmen hat die Nachwuchsgewinnung an Bedeutung gewonnen. Entsprechend engagieren sie sich und versuchen, früh mit potenziellen Lernenden in Kontakt zu kommen. Entscheidend ist dabei aus meiner Sicht, dass es nicht bei klassischen Werbebotschaften bleibt. Jugendliche wollen wissen, wie ein Beruf tatsächlich aussieht, welche Anforderungen gestellt werden und welche Möglichkeiten er bietet. Dafür sind direkte Gespräche mit Menschen aus dem Berufsalltag besonders wertvoll.


Genau hier stellt sich aber eine grundsätzliche Frage: Jugendliche können sich heute über Google, TikTok, YouTube oder KI über praktisch jeden Beruf informieren. Wie wichtig ist das tatsächliche Ausprobieren noch?

Digitale Informationen sind wertvoll, ersetzen aber die persönliche Erfahrung nicht vollständig. Online kann ich sehr viel über einen Beruf erfahren. Beim Ausprobieren merke ich hingegen, wie sich eine Tätigkeit anfühlt. Jugendliche können Werkzeuge in die Hand nehmen, Aufgaben lösen und unmittelbar Fragen stellen. Dazu kommen Gespräche mit Lernenden oder Fachpersonen. Diese Verbindung von Information, praktischem Erlebnis und persönlichem Austausch ist etwas anderes als eine reine Online-Recherche.


Braucht es im digitalen Zeitalter überhaupt noch eine klassische Bildungsmesse?

Ich denke schon – wobei sich auch eine Messe weiterentwickeln muss. Gerade weil so viele Informationen verfügbar sind, wird deren Einordnung wichtiger. An einer Messe können Jugendliche individuelle Fragen stellen, unterschiedliche Bildungswege unmittelbar vergleichen und mit Menschen sprechen, die einen Beruf tatsächlich ausüben oder eine Ausbildung absolvieren. Digitale Angebote und eine Messe müssen deshalb keine Gegensätze sein. Sie können sich ergänzen.


Rund 250 Berufe und 600 Weiterbildungsangebote treffen an der OBA aufeinander. Neben der ersten Berufswahl gewinnen Weiterbildung, Studium und berufliche Neuorientierung an Bedeutung.
Rund 250 Berufe und 600 Weiterbildungsangebote treffen an der OBA aufeinander. Neben der ersten Berufswahl gewinnen Weiterbildung, Studium und berufliche Neuorientierung an Bedeutung.


Unternehmen präsentieren sich an einer Bildungsmesse naturgemäss von ihrer besten Seite. Besteht nicht die Gefahr, dass Jugendliche ein zu ideales Bild eines Berufes erhalten?

Diese Gefahr besteht grundsätzlich überall dort, wo sich Unternehmen als Arbeitgeber präsentieren. Umso wichtiger sind unterschiedliche Perspektiven. Jugendliche sprechen an der OBA nicht nur mit Unternehmensvertreterinnen und -vertretern, sondern auch mit Lernenden, Berufsleuten, Berufsverbänden und Beratungsstellen. Auch das praktische Ausprobieren hilft. Wer eine Tätigkeit selbst erlebt und verschiedenen Personen Fragen stellt, kann sich ein differenzierteres Bild machen.


Die Berufswahl ist teilweise noch immer von klassischen Rollenbildern geprägt. Was kann eine viertägige Messe tatsächlich dazu beitragen, dass sich mehr junge Frauen für technische Berufe und mehr junge Männer für Gesundheits- oder Sozialberufe interessieren?

Eine Messe allein kann gesellschaftliche Muster nicht verändern. Sie kann aber neue Perspektiven eröffnen. Jugendliche begegnen Menschen, die Berufe ausüben, die vielleicht nicht ihren bisherigen Vorstellungen entsprechen. Sie können dadurch Berufsbilder unabhängig von Geschlechterklischees kennenlernen. Mit der Sonderschau «Mach Dich auf! Entdecke Deinen Beruf.» greifen wir die geschlechterunabhängige Berufswahl zudem ausdrücklich auf.


«Eine grosse Auswahl kann zunächst durchaus herausfordernd wirken.»

Nicht alle Jugendlichen bringen dieselben Voraussetzungen mit. Wie erreichen Sie junge Menschen mit schulischen Schwierigkeiten, Migrationshintergrund oder geringer Unterstützung durch das Elternhaus?

Wir versuchen, möglichst niederschwellige Zugänge zu schaffen. Dazu gehören Orientierungsmöglichkeiten, kostenlose Beratungsangebote und spezielle Unterstützungsformate. Neu bieten wir unter dem Titel «Bildung in der Schweiz – einfach erklärt» Führungen in einfacher Sprache an. Ergänzend ermöglichen KI-gestützte Übersetzungen den Zugang zu Informationen in mehreren Sprachen. Viele Angebote richten sich zudem an Eltern und andere Begleitpersonen. Das Ziel ist, dass Jugendliche möglichst unabhängig von ihren Voraussetzungen Zugang zu Informationen, Beratung und persönlichen Kontakten erhalten.


Die OBA richtet sich inzwischen auch an Erwachsene, Weiterbildungsinteressierte und Quereinsteiger. Wie wichtig ist dieser Bereich geworden?

Er gewinnt an Bedeutung. Die Berufswelt verändert sich laufend, und viele Menschen bilden sich während ihres Berufslebens mehrfach weiter oder orientieren sich neu. Mit mehr als 600 Weiterbildungsmöglichkeiten versuchen wir, diese Entwicklung abzubilden. Neu kommt der «Tag der Studienwahl & Höheren Berufsbildung» hinzu. Die Vorstellung, dass jemand eine Ausbildung absolviert und anschliessend während des gesamten Berufslebens im gleichen Beruf bleibt, entspricht immer weniger der Realität. Weiterbildung und Neuorientierung werden deshalb zu einem selbstverständlicheren Teil vieler Berufsbiografien.



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