SRF-Regionalchef Marc Melcher: «Wir setzen nicht auf Klicks, sondern auf Relevanz»
Aktualisiert: vor 5 Tagen
Seit Dezember 2025 leitet Marc Melcher die multimediale Regionalredaktion Ostschweiz und Graubünden von SRF. Der langjährige Journalist spricht im Interview über die Herausforderungen einer Region mit grosser Vielfalt, den Wandel des Medienkonsums, die Bedeutung des Service public und darüber, weshalb unabhängiger Regionaljournalismus heute wichtiger ist denn je.

Marc Melcher, Sie haben Anfang Dezember 2025 die Leitung der multimedialen Regionalredaktion Ostschweiz und Graubünden übernommen. Welche Bilanz ziehen Sie nach den ersten Monaten?
Da ich seit 2015 auf der Redaktion arbeite, kenne ich die Abläufe und die Mitarbeitenden bestens. Trotzdem war und ist der Wechsel in die Führungsrolle eine Herausforderung. Viele Aufgaben sind natürlich neu, die Redaktionsleitung bereitet mir aber viel Freude und ich bin sehr gerne Teil eines Teams mit hervorragenden Journalistinnen und Journalisten.
SRF hat die Regionalredaktionen im Rahmen von «SRF 4.0» neu organisiert. Was hat sich für das Publikum konkret verändert?
Die Regionalredaktionen von TV sowie Radio und Online wurden vergangenen Dezember fusioniert. Neu sind wir nicht nur räumlich, sondern auch organisatorisch unter einem Dach. Für die Hörerinnen, Zuschauer und Leser hat sich dadurch nicht viel verändert – nur hört man nun auch öfters TV-Mitarbeitende am Radio.
Die Ostschweiz und Graubünden unterscheiden sich geografisch und gesellschaftlich stark. Wie gelingt es, beiden Regionen journalistisch gerecht zu werden?
Das ist die grosse Herausforderung. Wir müssen ein Programm machen, das die Menschen vom Silsersee bis an den Bodensee interessiert. Das bedeutet einerseits, dass wir immer auf Themen verzichten müssen und nicht jedes regionale Thema aufgreifen können. Andererseits müssen wir Geschichten so erzählen und einordnen, dass sie überall verstanden werden. Nicht jede Person in Glarus weiss beispielsweise auf Anhieb, weshalb in Sevelen hitzig über Mindestabstände zu Windrädern diskutiert wurde.
Welche Themen beschäftigen die Menschen in der Ostschweiz derzeit besonders?
Ein Thema, das aktuell in praktisch allen Kantonen diskutiert wird, ist der fehlende Wohnraum. Die Gründe dafür unterscheiden sich allerdings je nach Region. Gerade deshalb lohnt sich der Blick über die Kantonsgrenzen: Ein Lösungsansatz aus dem Thurgau könnte durchaus auch für Davos interessant sein.
Welche Themen zu wenig beachtet werden, müssen andere beurteilen. Wenn wir ein solches Thema entdecken, berichten wir darüber und holen es an die Öffentlichkeit.
Das Rheintal zählt zu den wirtschaftsstärksten Regionen der Schweiz. Welche Bedeutung hat die Region für die Berichterstattung von SRF?
Aus journalistischer Sicht gibt es keine wichtigeren oder weniger wichtigen Regionen. Es gibt aber Regionen, in denen – je nach Aktualität – besonders viele Themen entstehen. Das Rheintal als Wirtschaftsstandort und Kulturraum gehört dazu und ist entsprechend häufig Teil unserer Berichterstattung.
«Wir müssen ein Programm machen, das die Menschen vom Silsersee bis an den Bodensee interessiert.»
Viele regionale Medienhäuser stehen unter finanziellem Druck. Welche Rolle kommt dem Service public in dieser Entwicklung zu?
Eine zentrale Rolle. Wir richten unseren Fokus nicht auf Geschichten, die besonders viele Klicks generieren, sondern konsequent auf Themen, die gesellschaftlich relevant sind. Dazu gehört auch die Berichterstattung aus Parlamenten oder über politische Prozesse. Diese Aufgabe nehmen wir mit grosser Überzeugung wahr.
Wie verändert die zunehmende Nutzung digitaler Kanäle und sozialer Medien den Regionaljournalismus?
Wir haben täglich Online-Korrespondentinnen und -Korrespondenten im Einsatz, die die wichtigsten Themen aus der Region für die Website und die App von SRF aufbereiten. Im digitalen Raum ist die Konkurrenz deutlich grösser geworden. Gleichzeitig erreichen wir dort ein jüngeres Publikum, das klassische Medienangebote weniger nutzt. Deshalb müssen Geschichten je nach Kanal unterschiedlich erzählt werden – eine Reportage funktioniert auf TikTok oder Instagram anders als im Radio oder Fernsehen. Das bringt zusätzlichen Aufwand mit sich.
Sie waren viele Jahre als Journalist und Reporter tätig. Was nehmen Sie aus dieser Zeit in Ihre heutige Führungsfunktion mit?
Einen kritischen Blick auf das politische und wirtschaftliche Geschehen, viel Flexibilität, einen gesunden Umgang mit Drucksituationen und eine gute Portion Gelassenheit. Irgendwie haben wir noch jedes Problem gelöst und auch an Tagen mit wenig Nachrichten gute Sendungen auf die Beine gestellt.
SRF wird immer wieder politische Schlagseiten vorgeworfen. Wie stellen Sie sicher, dass die regionale Berichterstattung ausgewogen bleibt?
Indem wir uns konsequent an die journalistischen Grundsätze von SRF halten. Unsere Berichterstattung muss stets sachgerecht und ausgewogen sein. Dabei helfen uns die publizistischen Leitlinien, das Vier-Augen-Prinzip sowie die Ombudsstelle, an die sich das Publikum wenden kann. Diese Instrumente sorgen dafür, dass unsere Arbeit transparent und nachvollziehbar bleibt.
Welche Geschichte oder welches Ereignis aus der Ostschweiz hat Sie in Ihrer bisherigen Laufbahn besonders geprägt?
Die beiden Abstimmungskämpfe rund um mögliche Bündner Olympiakandidaturen in den Jahren 2013 und 2017. Besonders 2013 war die Stimmung enorm angespannt. Damals habe ich als junger Journalist gelernt, wie wichtig es ist, sich nicht einschüchtern zu lassen und Ereignisse stets objektiv einzuordnen. Diese Zeit hat mich journalistisch stark geprägt.
Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen für den Regionaljournalismus in den nächsten fünf bis zehn Jahren?
Die grosse Frage bleibt, wie wir unser Publikum künftig erreichen. Klassische Medienangebote wie Zeitungen, Radio und Fernsehen verlieren an Bedeutung oder werden zeitversetzt genutzt. Deshalb müssen wir unsere Inhalte so aufbereiten, dass sie zeitunabhängig funktionieren und auf den Plattformen verfügbar sind, auf denen sich unser Publikum bewegt.
Wenn Sie drei Schwerpunkte nennen müssten, die Sie in Ihrer neuen Funktion setzen wollen – welche wären das?
Unsere Redaktion soll ein Ort bleiben, an dem Mitarbeitende ihre individuellen Stärken einbringen können. Gleichzeitig möchte ich neue journalistische Formate fördern – beispielsweise längere Livegespräche oder vertiefende Schwerpunktsendungen. Über allem steht jedoch ein Grundsatz: Wir müssen weiterhin unabhängig, sachgerecht und kritisch berichten.


