Konkurrenz vom Sofa: Wie Kinos um ihr Publikum kämpfen
- Marcel Baumgartner
- 21. Apr.
- 4 Min. Lesezeit
Die Kinobranche steht unter Druck: Erstmals seit Jahrzehnten sinken die Besucherzahlen in der Schweiz unter eine symbolische Marke. Streamingdienste verändern den Filmkonsum grundlegend. Doch zwei Kinobetreiberinnen aus der Ostschweiz zeigen, warum das Kino trotz allem eine Zukunft hat – wenn es sich neu erfindet.

Die grossen Leinwände kämpfen um ihr Publikum. Erstmals seit Jahrzehnten sind die Kinobesuche in der Schweiz unter die Marke von zehn Millionen gefallen – ein symbolträchtiger Wert, der die Branche aufhorchen lässt. Streamingdienste, veränderte Sehgewohnheiten und wirtschaftlicher Druck setzen den Kinos zu. Und doch: Totgesagte leben länger. Ein Blick in die Ostschweiz zeigt, wie unterschiedlich Kinobetreiberinnen auf die Herausforderungen reagieren – und warum sie weiterhin an die Zukunft des Kinos glauben.
Zwischen Streaming und Kinosaal
Die Konkurrenz durch Plattformen wie Netflix oder Disney+ ist längst Realität. Filme sind jederzeit verfügbar, bequem vom Sofa aus. Für viele hat sich der Filmkonsum damit grundlegend verändert. Dennoch ist das klassische Kino keineswegs verschwunden – es befindet sich vielmehr im Wandel.
Im Kino Cinewil in Wil sind die Auswirkungen spürbar, aber weniger dramatisch als oft angenommen. «Die Besucherzahlen sind bei uns in den letzten fünf Jahren etwa stabil geblieben», sagt Inhaberin und Geschäftsführerin Felicitas Zehnder. Man liege rund zwei Prozent unter dem Niveau vor der Pandemie. Ein Einbruch – aber kein Absturz.
Ähnlich differenziert klingt es im Kinotheater Madlen. Geschäftsleiterin Denise Zellweger spricht von einem treuen Stammpublikum, das dem Kino trotz wachsender Konkurrenz die Treue hält. Gerade Schweizer Filme und gezielte Angebote würden weiterhin viele Menschen anziehen.
Das Erlebnis bleibt entscheidend
Was aber kann das Kino heute noch bieten, was das Wohnzimmer nicht längst ersetzt hat? Für Zehnder ist die Antwort klar: «Die Grösse der Leinwand, die Laserprojektionen und der Dolby-Atmos-Surround-Sound sind Dinge, die man zu Hause meist nicht hat.» Es ist das Gesamterlebnis, das zählt – ein bewusstes Eintauchen in eine andere Welt.
Auch Zellweger betont diesen Aspekt: «Das Erlebnis, einen Film im Kino zu schauen, ist nicht vergleichbar mit dem Zuhause.» Wer ins Kino gehe, entscheide sich bewusst für den Film – ohne Ablenkung, ohne Pause-Taste. Gerade in einer Zeit permanenter Verfügbarkeit werde diese Konzentration wieder wertvoll.

Neue Vorlieben beim Publikum
Doch das Publikum hat sich verändert. Beide Betreiberinnen beobachten eine zunehmende Differenzierung der Nachfrage. «Der Altersdurchschnitt ist gestiegen, die Gäste sind wählerischer geworden», sagt Zehnder. Während Kinder- und Familienfilme weiterhin zuverlässig Publikum anziehen, hätten es klassische Actionfilme zunehmend schwer.
Im Rheintal zeigt sich ein ähnliches Bild – mit eigenen Nuancen. «Schweizer Filme sind bei uns stark gefragt», sagt Zellweger. Zudem spiele die Zusammensetzung des Publikums eine Rolle: «Da unser Publikum grösstenteils aus Frauen besteht, sind romantische Komödien besonders beliebt.»
Die Herausforderung liegt darin, das richtige Programm zu finden – und gleichzeitig neue Zielgruppen zu erschliessen. Gerade junge Erwachsene zwischen 16 und 25 Jahren seien schwer zu erreichen, so Zellweger. Für sie stehe oft nicht der Film im Mittelpunkt, sondern das soziale Erlebnis.
Mehr als nur Film: Events und Begegnung
Deshalb setzen viele Kinos verstärkt auf Events. Im Cinewil sind Spezialveranstaltungen ein wichtiger Bestandteil des Konzepts. «Sie helfen, die Mund-zu-Mund-Werbung anzukurbeln», erklärt Zehnder. Premieren, Themenabende oder Filmreihen können entscheidend sein, um Aufmerksamkeit zu schaffen.
Im Kinotheater Madlen ist diese Strategie noch stärker ausgeprägt. Formate wie Ladies Nights, Männerabende, Strickkino oder Kinodinner sollen das Kino zu einem Ort der Begegnung machen. «Wir versuchen, ein einzigartiges Erlebnis zu bieten», sagt Zellweger.
Auch wirtschaftlich sind solche Angebote zentral. Denn der reine Ticketverkauf reicht oft nicht aus. «Attraktive Events und bezahlbare Kioskangebote sind existenziell», betont Zehnder. Zellweger ergänzt: «Der Umsatz am Kiosk hilft, die Personalkosten zu decken.» Snacks, Getränke und Werbung sind längst zu tragenden Säulen des Geschäfts geworden.

Wirtschaftlicher Druck wächst
Gleichzeitig steigen die Herausforderungen. Besonders kleinere Häuser kämpfen mit strukturellen Problemen. Im Kinotheater Madlen kommt etwa der Unterhalt des historischen Gebäudes hinzu – das Kino stammt aus dem Jahr 1949. Dazu kommt die Konkurrenz aus dem nahen Ausland.
Auch die Zusammenarbeit mit Filmverleihern ist nicht immer einfach. «Die Bedingungen für Ein-Saal-Kinos sind teilweise extrem», sagt Zellweger. Es sei oft schwierig, überhaupt an bestimmte Filme zu kommen. Ein Problem, das viele kleinere Kinos betrifft.
Kein Auslaufmodell – aber im Wandel
Trotz allem wollen beide Betreiberinnen nichts von einem «Auslaufmodell Kino» wissen. «Diese Aussage hören wir seit 25 Jahren», sagt Zehnder. Das Kino habe immer wieder neue Phasen durchlaufen – und sich stets angepasst.
Auch Zellweger zeigt sich überzeugt: «Wir glauben an das Kino und versuchen, den Kunden immer wieder Neues zu bieten.» Stillstand sei keine Option. Wer bestehen wolle, müsse kreativ bleiben.
Ein möglicher Blick in die Zukunft: interaktive Filme. Zehnder erwähnt erste Projekte, die das Publikum stärker einbeziehen sollen. Noch sind solche Formate selten – doch sie könnten das Kinoerlebnis grundlegend verändern.
Die Zukunft hängt von den Filmen ab
Am Ende sind sich beide einig: Entscheidend bleibt der Inhalt. «Die Produktionen müssen wieder einfallsreicher und mutiger werden», fordert Zehnder. Zellweger formuliert es ähnlich: «Starke Filme sind das Wichtigste.»
Denn so sehr sich Technik, Vertrieb und Publikum verändern – das Herz des Kinos bleibt die Geschichte auf der Leinwand. Solange sie Menschen berührt, überrascht oder zum Lachen bringt, wird es auch Orte geben, an denen sie gemeinsam erlebt wird.
Das Kino steht unter Druck. Aber es lebt – vielleicht nicht mehr selbstverständlich, aber umso bewusster.


