Innovationspark-CEO Jean-Philippe Doyen: «Innovation muss Nutzen bringen»
Aktualisiert: vor 5 Tagen
Jean-Philippe Doyen hat die operative Leitung des Switzerland Innovation Park Ost übernommen. Der Innovationspark in St.Gallen bringt Unternehmen, Start-ups und Forschung zusammen, damit aus neuen Technologien konkrete Anwendungen, Produkte und Geschäftsmodelle entstehen. Im Interview spricht Doyen über die Stärken der Ostschweiz, künstliche Intelligenz und Start-ups, und darüber, woran er sich als neuer CEO messen lassen will.

Herr Doyen, bevor wir über einzelne Technologien sprechen: Was genau macht der Switzerland Innovation Park Ost?
Der Switzerland Innovation Park Ost bringt Unternehmen, Start-ups und Forschung zusammen. Wir unterstützen sie dabei, aus neuen Technologien konkrete Anwendungen und Innovationsprojekte zu entwickeln. Dabei konzentrieren wir uns besonders auf Bereiche, in denen die Ostschweiz bereits über grosse Kompetenzen verfügt.
Sie bringen internationale Erfahrung in den Bereichen KI, Forschung und Industrie mit. Welche Schwerpunkte wollen Sie als CEO in den kommenden drei Jahren setzen?
Wir wollen unser Angebot für Unternehmen und Start-ups gezielt weiterentwickeln. Im Zentrum stehen Leistungen, die KMU und Industrie einen konkreten Nutzen bringen. Gleichzeitig konzentrieren wir uns auf Bereiche, in denen die Ostschweiz besonders stark ist: Sensorik und Photonik, Smart Textiles sowie MedTech und Digital Health. Unser Anspruch ist es, Innovation nicht nur zu ermöglichen, sondern daraus nachhaltigen wirtschaftlichen Mehrwert zu schaffen.
Sie sprechen von klaren Zielen. Machen wir es konkret: An welchen zwei oder drei messbaren Ergebnissen sollen wir Ende 2029 erkennen können, dass Ihre Arbeit als CEO erfolgreich war?
Drei Dinge, an denen man das gut ablesen kann: Erstens, dass wir die Innovation Hubs verkaufbar machen, also zahlende Kunden für unsere Dienstleistungen gewinnen. Zweitens, dass wir die Start-up-Förderung inhaltlich und zahlenmässig weiter ausbauen. Drittens, dass wir den Campus weiterentwickeln und zusätzliche Start-ups, Forschende und Unternehmen bei uns ansiedeln. Das alles stärkt die Anziehungskraft unseres Ökosystems und bringt uns Schritt für Schritt näher zur finanziellen Eigenständigkeit.
Der Innovationspark will Forschung und Wirtschaft enger zusammenbringen. Wo funktioniert diese Zusammenarbeit heute noch nicht gut genug?
Forschung und Unternehmen verfolgen teilweise unterschiedliche Ziele und arbeiten mit unterschiedlichen Zeithorizonten. Während Forschung häufig langfristig ausgerichtet ist, beschäftigen sich Unternehmen stärker mit konkreten Anwendungen und dem Markt. Unsere Aufgabe ist es, beide Seiten frühzeitig zusammenzubringen und gemeinsame Innovationsprojekte zu ermöglichen.
«Unser Anspruch ist es, Innovation nicht nur zu ermöglichen, sondern daraus nachhaltigen wirtschaftlichen Mehrwert zu schaffen.»
Viele Start-ups klagen über schwierigere Finanzierungsbedingungen. Wie hat sich das Umfeld verändert?
Das Umfeld ist anspruchsvoller geworden und Kapital wird selektiver eingesetzt. Gute Chancen sehen wir insbesondere in DeepTech, also Technologien mit hohem Forschungsanteil, sowie in Digital Health, Sensorik, Photonik und der industriellen Digitalisierung. Entscheidend ist, dass eine Innovation einen klaren Nutzen für bestehende Industrien schafft und Unternehmen wettbewerbsfähiger macht.
Mit dem Sensor Innovation Hub setzen Sie einen Schwerpunkt auf Sensorik und Photonik. Was bringt das konkret?
Sensorik, Photonik und Halbleitertechnologien gehören zu den industriellen Stärken der Ostschweiz und sind gleichzeitig strategisch relevant für die technologische Souveränität Europas. Gleichzeitig ermöglichen sie ganz konkrete Anwendungen: von präziser Medizindiagnostik über intelligente Produktionssysteme bis zu vernetzten Infrastrukturen und energieeffizienten Lösungen. Diese Technologien werden künftig häufig im Hintergrund wirken, aber unseren Alltag und die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen wesentlich mitprägen.
Künstliche Intelligenz ist derzeit allgegenwärtig. Wo sehen Sie in der Ostschweiz das grösste Potenzial?
Vor allem bei KMU und Industrie. KI kann beispielsweise bei der Qualitätskontrolle eingesetzt werden, Wartungsbedarf frühzeitig erkennen, Entwicklungsprozesse effizienter machen oder neue Geschäftsmodelle ermöglichen. Überschätzt wird KI dort, wo sie als Selbstzweck betrachtet und nicht sinnvoll in bestehende Prozesse integriert wird.
«Start-ups finden in der Ostschweiz insbesondere potenzielle Pilotkunden und Entwicklungspartner.»
Die Ostschweiz ist keine klassische Start-up-Metropole wie Zürich oder Lausanne. Ist das ein Nachteil?
Nicht unbedingt. Die Nähe zu einer starken Industrie mit zahlreichen Weltmarktführern, kurze Entscheidungswege und der direkte Zugang zu Forschungspartnern machen die Ostschweiz für anwendungsorientierte Innovationen attraktiv. Start-ups finden hier nicht nur Kapital, sondern insbesondere potenzielle Pilotkunden und Entwicklungspartner.
Was müsste sich politisch oder wirtschaftlich ändern, damit sich mehr internationale Start-ups für die Ostschweiz entscheiden?
Alle erfolgreichen Innovationsstandorte weltweit entwickeln sich durch ein ausgewogenes Zusammenspiel von international ausgerichteten Unternehmen und starken lokalen Akteuren. Entscheidend ist daher ein Umfeld mit attraktiven Rahmenbedingungen, Zugang zu Industrie- und Forschungspartnern und gezielten Unterstützungsmassnahmen, die es Ostschweizer Firmen erleichtern, internationale Fachkräfte zu gewinnen. Wenn wir diese Stärken konsequent sichtbar machen und weiterentwickeln, kann die Ostschweiz ihre Position im internationalen Wettbewerb deutlich ausbauen.
Wenn Sie einen Wunsch an die Politik frei hätten: Welche eine Rahmenbedingung müsste sich ändern, damit die Ostschweiz für internationale Start-ups und Fachkräfte deutlich attraktiver wird?
Eine bessere Abstimmung der bestehenden Förderinstrumente auf kantonaler Ebene, über Innosuisse und in der Privatwirtschaft, damit Unternehmen nicht an den Schnittstellen zwischen Programmen hängen bleiben. Es braucht nicht zwingend mehr Mittel, sondern weniger Reibung zwischen den bestehenden Angeboten.
«Vertrauen entsteht durch Transparenz, Verlässlichkeit und konkrete Ergebnisse.»
Sie beschäftigen sich täglich mit neuen Technologien und Unternehmen. Gibt es ein konkretes Start-up, Projekt oder Produkt aus Ihrem Umfeld, bei dem Sie sagen: Das könnte in den kommenden fünf Jahren richtig gross werden? Und weshalb?
Es gibt mehrere Entwicklungen, die zeigen, wie breit die Ostschweiz heute aufgestellt ist. Im Bereich Vorbeugung, Diagnostik und künstlicher Intelligenz ist gerade das Flaggschiff-Projekt PreDiabeTx gestartet. Mehrere Schweizer Forschungsinstitute und Industriepartner arbeiten darin zusammen, um Diabetes-Risikopatientinnen und -patienten deutlich früher zu erkennen. Das senkt Folgekosten im Gesundheitswesen und eröffnet den beteiligten Firmen den Weg zu neuen Diagnoseprodukten. Ein weiteres Beispiel ist das Institute for the Science of the Aging Brain, das wir im September eröffnen und das sich mit der Erforschung des alternden Gehirns befasst. Auch unsere Plattformen Be Circular, für Kreislaufwirtschaft, und Textile+, für intelligente Textilien, entwickeln sich vielversprechend. Im Sensor Innovation Hub wiederum wachsen mehrere junge Projekte im Bereich Photonik und industrieller Sensorik heran, die in den kommenden Jahren marktreif werden könnten. Bemerkenswert ist zudem, dass zunehmend Start-ups bewusst nach St. Gallen ziehen, um von der Nähe zu Forschung und Industrie zu profitieren. Unser Fokus liegt darauf, für all diese Vorhaben ein Umfeld zu schaffen, in dem sie nachhaltig wachsen können.
Welche technologische Entwicklung hat Sie persönlich zuletzt besonders überrascht?
Mich fasziniert, wie Technologien wie Robotik, Quantentechnologien, Photonik oder neue Sensortechnologien zunehmend den Weg in marktfähige Anwendungen finden. Die Ostschweiz verfügt über eine starke industrielle Basis und viele innovative KMU. Wenn diese Unternehmen frühzeitig mit Forschung und Start-ups zusammenarbeiten, können daraus neue Produkte, Prozesse und Geschäftsmodelle entstehen.
Aus verschiedenen Kreisen ist zu hören, dass es in den vergangenen Monaten Unruhe in der Führung des Switzerland Innovation Park Ost gegeben habe. Können Sie nachvollziehen, woher dieser Eindruck kommt?
Der SIP Ost befindet sich noch in einer frühen Entwicklungsphase. Er wurde im September 2021 gegründet und nahm im Januar 2022 mit Dr. Hans Ebinger als Geschäftsführer und erstem Mitarbeiter die operative Tätigkeit auf. Seither wurde der Park erfolgreich aufgebaut und ist kontinuierlich gewachsen. Eine solche Aufbauphase bringt unterschiedliche Erwartungen sowie Diskussionen über Prioritäten mit sich. Das ist normal und Teil einer lernenden Organisation. Entscheidend ist, dass wir über eine klare strategische Ausrichtung verfügen und gemeinsam nach vorne blicken. Wir haben diese Phase genutzt, um unsere Positionierung weiter zu schärfen und den Beitrag des SIP Ost zur Innovationskraft der Ostschweiz und des Fürstentums Liechtenstein nachhaltig zu stärken.
Der Wechsel an der operativen Spitze wurde mit der nächsten Entwicklungsphase begründet. Gab es darüber hinaus unterschiedliche Vorstellungen über die strategische Ausrichtung?
In einer Organisation, die sich noch entwickelt, gehören unterschiedliche Sichtweisen dazu. Entscheidend ist, dass wir die übergeordneten Ziele des SIP Ost mit einer klaren, gemeinsamen Strategie umsetzen. Und das ist der Fall.
Ein Innovationspark lebt vom Vertrauen seiner Mitarbeitenden, Partner und Start-ups. Was sagen Sie jenen, die vermuten, dass hinter den personellen Veränderungen mehr steckt als offiziell kommuniziert wurde?
Vertrauen entsteht durch Transparenz, Verlässlichkeit und konkrete Ergebnisse. Genau darauf legen wir unseren Fokus, so wie schon in der Vergangenheit, und daran werden wir uns messen lassen.


