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Helfen, wenn andere nicht mehr weiterkommen

Autorenbild: Marcel Baumgartner
Marcel Baumgartner
2. Juli
5 Min. Lesezeit

Ob auf einem abgelegenen Wanderweg im Alpstein, nach einem Verkehrsunfall auf der Autobahn oder beim dringenden Transport eines Neugeborenen ins Zentrumsspital: Die Rega ist in der Ostschweiz täglich im Einsatz. Allein die Crew der Basis St.Gallen fliegt jedes Jahr mehr als 800 Einsätze.


Dominik Tanner leitet die Rega-Basis St.Gallen und fliegt selbst regelmässig Rettungseinsätze.
Dominik Tanner leitet die Rega-Basis St.Gallen und fliegt selbst regelmässig Rettungseinsätze.

Wenn über die Rega gesprochen wird, denken viele zuerst an spektakuläre Rettungen in den Bergen. An verunglückte Bergsteiger, verschüttete Skitourengänger oder dramatische Einsätze an steilen Felswänden. Die Realität der Luftrettung ist jedoch deutlich vielfältiger.

Die Ostschweiz mit ihren Bergen, Tälern, Seen, Städten und ländlichen Regionen fordert die Crews der Rega täglich aufs Neue heraus. Von der Einsatzbasis in St.Gallen-Winkeln aus deckt die Rega ein Gebiet ab, das von Kreuzlingen über den Bodensee bis ins Rheintal und von den Appenzeller Hügeln bis zu den Churfirsten reicht. Hinzu kommt das Fürstentum Liechtenstein.

«Wir fliegen jährlich insgesamt über 800 Einsätze», sagt Dominik Tanner, Leiter der Rega-Basis St.Gallen und selbst Helikopterpilot. Das Spektrum sei enorm breit: Verkehrsunfälle, Freizeit- und Sportunfälle, Einsätze im alpinen Gelände, medizinische Notfälle oder Verlegungen zwischen Spitälern. Besonders anspruchsvoll seien jene Situationen, in denen der Helikopter nicht direkt beim Patienten landen könne. Dann komme die Rettungswinde zum Einsatz.


Eine wichtige Verbindung in der Gesundheitsversorgung

Die Bedeutung der St.Galler Basis reicht weit über spektakuläre Rettungen hinaus. Als schnelle Verbindung zwischen regionalen Spitälern und dem Kantonsspital St.Gallen übernimmt die Rega eine zentrale Rolle in der Gesundheitsversorgung der Ostschweiz.

Gerade in peripheren Regionen kann Zeit entscheidend sein. Schwer verletzte oder akut erkrankte Menschen müssen möglichst rasch in ein Zentrumsspital gebracht werden. Die Luftrettung schliesst dabei geografische Distanzen innerhalb weniger Minuten.

Die Zusammenarbeit mit den regionalen Rettungsdiensten, Feuerwehren, Polizeikorps und Spitälern ist eng. «Alle Einsatzpartner ziehen am gleichen Strick, um einer Patientin oder einem Patienten so rasch und gut wie möglich zu helfen», sagt Tanner.

Die Rega versteht sich als Teil einer Rettungskette. Diese beginnt bei Ersthelfern am Unfallort und endet erst mit der Übergabe im Spital. Damit die Abläufe im Ernstfall funktionieren, investieren alle Beteiligten regelmässig in gemeinsame Übungen und Schulungen.

Auch bei der Infrastruktur engagiert sich die Rega. So begleitete sie den Bauprozess der neuen Helikopter-Landeplattform beim Kantonsspital St.Gallen. Entstanden ist einer der modernsten Spitallandeplätze der Schweiz.


Die Crew der Rega-Basis St.Gallen startet jährlich zu über 800 Einsätzen in der gesamten Ostschweiz.
Die Crew der Rega-Basis St.Gallen startet jährlich zu über 800 Einsätzen in der gesamten Ostschweiz.

Nicht nur Bergunfälle

Die zunehmende Beliebtheit von Outdoor-Aktivitäten führt häufig zur Annahme, dass die Rega vor allem wegen Freizeitunfällen häufiger ausrücken müsse. Tatsächlich zeigt sich ein differenzierteres Bild.

Zwar gehören Wander-, Ski- oder Gleitschirmunfälle zum Einsatzalltag. Fast die Hälfte aller Helikoptereinsätze betrifft jedoch Menschen, die akut erkrankt sind.

Herzinfarkte, Hirnschläge oder andere lebensbedrohliche medizinische Notfälle machen einen grossen Teil der Einsätze aus. In solchen Fällen kann der Rettungshelikopter die schnellste und schonendste Möglichkeit sein, Patientinnen und Patienten in ein geeignetes Spital zu transportieren.

Gleichzeitig beobachtet die Rega gesellschaftliche Entwicklungen sehr genau. Die Ansprüche an eine rund um die Uhr verfügbare Luftrettung sind gestiegen. Deshalb wurde die nächtliche Einsatzbereitschaft in den vergangenen Jahren kontinuierlich ausgebaut. Neue Basengebäude verfügen heute über Schlafräume für die Crews. Noch vor zwei Jahrzehnten war dies auf Gebirgsbasen keineswegs selbstverständlich.


Wenn Einsätze persönlich werden

Trotz aller Professionalität bleiben manche Einsätze in Erinnerung. Nicht wegen spektakulärer Bilder oder aussergewöhnlicher Umstände, sondern wegen der Menschen dahinter.

Besonders nahe gehen Dominik Tanner Einsätze mit Kindern. Als Vater könne er die Sorgen und Ängste der Eltern gut nachvollziehen, sagt er. Während des Einsatzes stehe zwar die medizinische Hilfe im Vordergrund. Die emotionale Verarbeitung erfolge oft erst danach.

Diese persönliche Betroffenheit zeigt, dass Luftrettung weit mehr ist als Technik und Aviatik. Hinter jedem Alarm steckt ein menschliches Schicksal.


Der Rettungshelikopter der Rega verbindet periphere Regionen innert Minuten mit spezialisierten Zentrumsspitälern.
Der Rettungshelikopter der Rega verbindet periphere Regionen innert Minuten mit spezialisierten Zentrumsspitälern.

Wetter bleibt die grösste Herausforderung

Trotz modernster Technologie setzt die Natur der Luftrettung weiterhin Grenzen. Besonders in alpinen und voralpinen Regionen wie dem Toggenburg oder dem Appenzellerland spielen Wetterbedingungen eine zentrale Rolle.

Tiefe Wolken, Nebel oder schlechte Sichtverhältnisse können einen Helikoptereinsatz unmöglich machen. Schlechtes Wetter ist nach wie vor der häufigste Grund, weshalb eine Rettung aus der Luft nicht durchgeführt werden kann.

Schweizweit können pro Jahr rund 600 Patientinnen und Patienten wegen ungünstiger Wetterverhältnisse nicht mit dem Helikopter erreicht werden.

Die Rega arbeitet deshalb intensiv an ihrer Vision einer möglichst wetterunabhängigen Luftrettung. Ein wichtiger Baustein ist das sogenannte Low Flight Network. Dabei handelt es sich um ein schweizweites Netz von Instrumentenflugrouten, das Helikopterpiloten auch bei schlechter Sicht sichere Flüge ermöglicht.

Kann ein Flug dennoch nicht durchgeführt werden, kommt die Alpine Rettung Schweiz zum Einsatz. Die Organisation wurde gemeinsam von der Rega und dem Schweizer Alpen-Club gegründet und unterstützt bei terrestrischen Rettungen.


Hightech für Menschenleben

Technologischer Fortschritt prägt die Entwicklung der Rega seit ihrer Gründung im Jahr 1952. Moderne Navigation, leistungsfähige Helikopter, Simulationstechnologien und künstliche Intelligenz gehören heute zum Alltag.

Ein Beispiel für den Einsatz von KI findet sich im Bereich der Ambulanzjets. Dort unterstützt eine eigens entwickelte Anwendung die Rega-Ärztinnen und -Ärzte bei der Übersetzung und Analyse medizinischer Dokumente aus aller Welt.

Auch bei der Suche nach vermissten Personen werden neue Technologien eingesetzt. Die Rega entwickelt derzeit eine eigene Drohne als ergänzendes Einsatzmittel. Bereits heute kommt bei Suchaktionen ein sogenannter Lifeseeker-Backpack zum Einsatz. Mit diesem System können Mobiltelefone geortet werden, selbst wenn kein aktives Telefongespräch stattfindet.

Ende September 2025 erhielt auch die St.Galler Basis einen neuen Rettungshelikopter des Typs Airbus H145 D3. Die Maschine bietet mehr Nutzlast, modernste Navigationstechnik und zusätzliche Möglichkeiten bei der medizinischen Versorgung.

Hinzu kommen hochmoderne Simulatoren. Seit Ende 2023 trainieren Jet- und Helikoptercrews in eigens entwickelten Flugsimulatoren Situationen, die im realen Flugbetrieb kaum oder gar nicht geübt werden könnten.


Modernste Helikopter, neue Navigationstechnologien und intensive Ausbildung prägen die Luftrettung der Zukunft.
Modernste Helikopter, neue Navigationstechnologien und intensive Ausbildung prägen die Luftrettung der Zukunft.

Der Mensch bleibt entscheidend

Trotz aller Innovationen bleibt für die Rega klar: Technik allein rettet keine Leben.

«Technik ist immer nur so gut wie der Mensch, der sie verwendet», lautet eine zentrale Überzeugung der Organisation. Deshalb investiert die Rega erhebliche Mittel in die Aus- und Weiterbildung ihrer Mitarbeitenden.

Die Anforderungen sind hoch. Helikopterpilotinnen und -piloten benötigen mindestens 2000 Flugstunden sowie mehrjährige Erfahrung in der kommerziellen oder militärischen Fliegerei.

Um auch künftig genügend qualifizierte Fachkräfte zu gewinnen, betreibt die Rega seit 2013 ein eigenes Nachwuchsprogramm für Schweizer Helikopterpiloten.

Auch Rettungssanitäterinnen und Rettungssanitäter müssen umfangreiche Qualifikationen mitbringen. Sie bewegen sich an der Schnittstelle zwischen Medizin und Aviatik, bedienen die Rettungswinde, übernehmen Funkverkehr und unterstützen die medizinische Versorgung an Bord.


Ein Erfolgsmodell aus Solidarität

Die Rega geniesst in der Schweiz seit Jahrzehnten grosses Vertrauen. Bemerkenswert ist dabei ihre Finanzierung: Die Organisation erhält keine staatlichen Subventionen.

Mehr als 60 Prozent ihres Budgets stammen aus den Beiträgen ihrer rund 3,7 Millionen Gönnerinnen und Gönner. Die übrigen Einnahmen werden hauptsächlich durch Versicherungen und Kostenträger finanziert.

Dieses System entstand bereits in den 1960er-Jahren, nachdem der Bund finanzielle Unterstützung abgelehnt hatte. Die Bevölkerung sprang ein – und schuf damit ein Modell, das bis heute weltweit einzigartig ist.

Für die Rega ist dieses Vertrauen Verpflichtung und Ansporn zugleich. Jede Investition werde darauf geprüft, ob sie den Patientinnen und Patienten tatsächlich einen Nutzen bringe. Langfristige Planung und ein sorgfältiger Umgang mit den finanziellen Mitteln sollen sicherstellen, dass die Luftrettung auch künftig auf höchstem Niveau gewährleistet bleibt.


Die Zukunft fliegt bereits heute

Wie wird die Luftrettung in zehn Jahren aussehen? Die Rega sieht ihre Zukunft in einer Kombination aus modernster Technik, hochqualifizierten Mitarbeitenden und einer weiterhin starken Verankerung in der Bevölkerung.

Neue Helikoptergenerationen, verbesserte Instrumentenflugverfahren, digitale Hilfsmittel und innovative Suchsysteme werden die Möglichkeiten weiter erweitern.

Gleichzeitig bleibt der Kernauftrag derselbe wie vor fast 75 Jahren: Menschen in Not schnell und professionell zu helfen.

Gerade in einer Region wie der Ostschweiz mit ihren geografischen Herausforderungen wird die Rega auch künftig eine unverzichtbare Rolle spielen. Ob auf dem Säntis, im Toggenburg, am Bodensee oder mitten in der Stadt St.Gallen: Wenn jede Minute zählt, ist die rote Maschine oft schon unterwegs.

 

 

 


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