Fachkräfte verzweifelt gesucht – der Arbeitsmarkt im Stresstest
- Marcel Baumgartner
- 21. Apr.
- 4 Min. Lesezeit
Der Arbeitsmarkt in der Ostschweiz steht unter Druck wie selten zuvor. Unternehmen suchen händeringend Personal – vom Hilfsarbeiter bis zur hochspezialisierten Fachkraft. Zwei Personalexperten ordnen die Entwicklungen ein und zeigen, warum Rekrutierung heute komplexer ist denn je.

Der Arbeitsmarkt in der Ostschweiz befindet sich im Wandel – und das deutlich spürbar. Während Unternehmen früher vor allem gezielt nach ausgebildeten Fachkräften suchten, hat sich die Situation heute verschärft. «Es werden längst nicht mehr nur gelernte Fachkräfte gesucht, sondern vermehrt auch gute Hilfskräfte», sagt Yanik Sigrist, Geschäftsführer und Mitinhaber der work-shop Personalmanagement GmbH in Heerbrugg. Trotz Zuwanderung und vorhandener Arbeitslosigkeit sei es schwierig, zuverlässige, einsatzfreudige und leistungsbereite Mitarbeitende zu finden – und zwar quer durch alle Qualifikationsstufen. Besonders ausgeprägt sei der Mangel im Handwerk sowie in technischen Berufen wie Mechanik, Konstruktion oder Metallbau.
Diese Einschätzung deckt sich mit den Erfahrungen von Vlado Jovic, Lead Recruiting und Mitglied der Geschäftsleitung bei FIND in St. Gallen – wenn auch mit einem anderen Fokus. Er ortet den grössten Engpass bei hochqualifizierten Fach- und Führungskräften, insbesondere in den Bereichen Engineering, IT und Data. «Unternehmen suchen immer häufiger sehr spezialisierte Profile mit Erfahrung und Verantwortung», erklärt Jovic. Viele dieser Fachkräfte sind jedoch nicht aktiv auf Stellensuche. Entsprechend gewinnt die gezielte Direktansprache zunehmend an Bedeutung.
Wenn Erwartungen aufeinanderprallen
Dass viele Stellen lange unbesetzt bleiben, hat mehrere Gründe. Sigrist beobachtet, dass die Erwartungen von Arbeitgebern und Arbeitnehmenden teilweise stark auseinandergehen. Während Unternehmen oft sehr spezifische Profile zu vergleichsweise tiefen Konditionen suchen, fehlt es auf Bewerberseite mitunter an Flexibilität oder Bereitschaft, sich zunächst zu beweisen.
Sigrist ergänzt zudem, dass die Diskussion um Work-Life-Balance seiner Meinung nach medial oft überzeichnet wird. Zwar gebe es Kandidaten, die eher einer «Life-Life-Balance» nachstreben und Arbeit als unangenehme Unterbrechung der Freizeit betrachten, insgesamt sei die Leistungsbereitschaft aber weiterhin hoch. «Die Erwartungen an Arbeitszeit und Sinnhaftigkeit waren schon immer hoch», sagt er. Gleichzeitig habe er den Eindruck, dass der Durchhaltewille in gewissen Fällen abgenommen habe. «Oft habe ich das Gefühl, dass es der Gesellschaft heute einfach sehr gut geht und der Druck, auch unangenehme Situationen auszuhalten, nicht mehr gleich hoch ist wie früher.»
Jovic ergänzt, dass klassische Stelleninserate heute häufig nicht mehr ausreichen, um geeignete Kandidaten zu erreichen. Moderne Rekrutierung setze deshalb verstärkt auf datenbasierte Suche, Active Sourcing und gezielte Ansprache über verschiedene Kanäle.

Neue Werte, alte Fragen
Auch die Erwartungen der Arbeitnehmenden haben sich verändert – zumindest teilweise. Themen wie Work-Life-Balance, Sinnhaftigkeit und flexible Arbeitsmodelle werden heute stärker gewichtet. Während Jovic darin eine klare Entwicklung sieht und betont, dass Unternehmen mit attraktiven Rahmenbedingungen und einer klaren Unternehmenskultur im Vorteil sind, relativiert Sigrist diesen Trend.
Ein Beispiel dafür lieferte kürzlich Ronald Ivancic, Dozent an der OST – Ostschweizer Fachhochschule., während eines Vortrags. Dort wurden historische Zeitungsberichte über angeblich «verwöhnte» Jugendliche gezeigt – die sich später als Beiträge aus den 1980er-Jahren entpuppten. Für Sigrist zeigt das: Jede Generation neigt dazu, Veränderungen, die den eigenen Werten widersprechen, kritisch zu beurteilen. Entscheidend sei jedoch weniger das Alter als vielmehr die jeweilige Lebenssituation.
Generationen: Mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede
Unterschiede zwischen Generationen werden zwar häufig diskutiert, spielen in der Praxis jedoch eine geringere Rolle als oft angenommen. Beide Experten sind sich einig, dass weniger das Alter entscheidend ist als vielmehr die jeweilige Lebenssituation.
Während jüngere Menschen tendenziell stärker auf Flexibilität und Entwicklung achten, legen erfahrenere Fachkräfte mehr Wert auf Stabilität und Verantwortung. Letztlich aber gehe es allen um ähnliche Grundbedürfnisse: Wertschätzung, ein gutes Arbeitsumfeld und Perspektiven.
«Der Arbeitsmarkt verlangt heute von beiden Seiten mehr Flexibilität – starre Vorstellungen führen selten zum Erfolg.»
Flexibilität als Schlüssel
Vorurteile gegenüber bestimmten Generationen – etwa gegenüber der Generation Z – greifen zu kurz. Erfolgreiche Unternehmen setzen vielmehr auf gemischte Teams, in denen unterschiedliche Erfahrungen und Sichtweisen zusammenkommen.
Beim Thema flexible Arbeitsmodelle zeigt sich ein differenziertes Bild. Während Homeoffice und Teilzeit in vielen Branchen heute etabliert sind, stossen sie insbesondere im handwerklichen Bereich an klare Grenzen. Gleichzeitig haben viele Unternehmen in den letzten Jahren Fortschritte gemacht und suchen nach Lösungen, die sowohl den Bedürfnissen der Mitarbeitenden als auch den betrieblichen Anforderungen gerecht werden.
Ein Blick nach vorne
Ein Blick in die Zukunft zeigt: Der Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte dürfte sich weiter verschärfen. Gleichzeitig werden technologische Entwicklungen – allen voran die künstliche Intelligenz – sowohl die Arbeitswelt als auch die Rekrutierung nachhaltig verändern.
Während gewisse Tätigkeiten bestehen bleiben, etwa im Handwerk, werden andere Prozesse zunehmend automatisiert und datengetrieben. Für Jovic ist klar: «Recruiting wird proaktiver und technologiegestützter.» Sigrist wiederum betont die wachsende Bedeutung von Flexibilität – auf beiden Seiten. Starre Vorstellungen würden es sowohl Unternehmen als auch Stellensuchenden zunehmend erschweren, passende Lösungen zu finden.
Aktuelle Realität in der Ostschweiz
Die Region bleibt geprägt von einer tiefen Arbeitslosenquote, gleichzeitig melden viele Branchen weiterhin einen spürbaren Fachkräftemangel – insbesondere in Industrie, Handwerk, Gesundheitswesen und IT. Die Herausforderung besteht zunehmend darin, nicht nur passende Talente zu finden, sondern diese auch langfristig zu binden. Vertrauen, realistische Erwartungen und gegenseitige Bereitschaft zum Entgegenkommen werden damit zu zentralen Erfolgsfaktoren in einem Arbeitsmarkt, der anspruchsvoller und dynamischer geworden ist denn je.


