Garagisten-Präsident Severin Bischofberger: «Vertrauen bleibt entscheidend»
Aktualisiert: vor 5 Tagen
Die Automobilbranche befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Elektromobilität, Digitalisierung und der Fachkräftemangel stellen Garagenbetriebe vor neue Herausforderungen. Im Interview spricht Severin Bischofberger, Präsident der Vereinigung Rheintaler Garagisten, über die aktuelle Situation im Rheintal, die Zukunft der Branche und weshalb persönliche Beratung wichtiger denn je ist.

Severin Bischofberger, wie beurteilen Sie die aktuelle Situation des Garagengewerbes im Rheintal? Wo steht die Branche heute?
Das Garagengewerbe befindet sich seit Anfang Jahr erneut in einer Phase des Umbruchs. Ähnlich wie während der Corona-Pandemie spüren wir eine gewisse Verunsicherung bei den Kundinnen und Kunden. Viele sind unsicher, welche Antriebstechnologie künftig die richtige Wahl ist. Zusätzliche Faktoren wie Veränderungen bei den Strassenverkehrssteuern im Kanton St.Gallen oder der Wegfall verschiedener Fördermassnahmen verstärken diese Zurückhaltung.
Erfreulich ist jedoch, dass die Werkstätten sehr gut ausgelastet sind und über eine stabile Auftragslage verfügen. Auch der Fahrzeughandel entwickelt sich im Vergleich zum Vorjahr wieder positiv.
Welche Themen beschäftigen die Rheintaler Garagen derzeit besonders?
An erster Stelle steht weiterhin der Fachkräftemangel. Trotz grossem Engagement in der Berufsbildung fehlen gut ausgebildete Fachkräfte. Viele wechseln in andere Branchen oder entscheiden sich für administrative Tätigkeiten, obwohl die Automobilbranche abwechslungsreiche und spannende Berufsperspektiven bietet.
Ein weiteres zentrales Thema ist die rasante technische Entwicklung. Neue Fahrzeughersteller – insbesondere aus Asien – drängen mit grosser Dynamik auf den europäischen Markt und verändern den Wettbewerb spürbar.
Sie sprechen den Fachkräftemangel an. Wie begegnen Sie dieser Herausforderung?
Wir setzen alles daran, die Attraktivität unserer Berufe sichtbar zu machen. Mit verschiedenen Aktivitäten zeigen wir auf, wie vielseitig und zukunftsorientiert die Berufe im Automobilgewerbe sind. Unsere Mitarbeitenden leisten täglich einen wichtigen Beitrag zur Mobilität der Bevölkerung – das ist eine gesellschaftlich bedeutende Aufgabe.
«Vertrauen, Transparenz und kompetente Beratung bleiben auch im digitalen Zeitalter unsere grössten Stärken.»
Welche Rolle spielt die Ausbildung des Nachwuchses?
Die Nachwuchsförderung hat für uns höchste Priorität. Wir engagieren uns auf praxisnahen Plattformen, auf denen Jugendliche unsere Berufe kennenlernen und selbst ausprobieren können. Die Ausbildung im Automobilgewerbe bietet zahlreiche Entwicklungsmöglichkeiten und hervorragende Perspektiven für spätere Weiterbildungen. Auch der AGVS investiert stark in moderne Ausbildungsangebote und unterstützt unsere Betriebe wirkungsvoll.
Wie verändert die Elektromobilität das Garagengewerbe? Entwickelt sich der Wandel schneller oder langsamer als erwartet?
Immer mehr Unternehmen elektrifizieren ihre Fahrzeugflotten, um ihre CO₂-Ziele zu erreichen. Im Privatkundensegment beobachten wir hingegen weiterhin eine gewisse Zurückhaltung. Deshalb entwickelt sich die Elektromobilität in der Schweiz und auch im Rheintal etwas langsamer als vielerorts erwartet.
Wie schnell sich dieser Wandel vollzieht, hängt letztlich von verschiedenen Faktoren ab – etwa vom Ausbau der Ladeinfrastruktur, von politischen Rahmenbedingungen und natürlich von den individuellen Bedürfnissen der Kundschaft.
Welche Bedeutung haben Hybrid-, Elektro- und alternative Antriebe heute für die Garagenbetriebe?
Hersteller und Behörden geben die Richtung klar vor: Immer mehr Elektro- und Plug-in-Fahrzeuge finden den Weg in die Showrooms, während klassische Verbrennungsmotoren zunehmend in den Hintergrund rücken.
Unsere Aufgabe ist es, Kundinnen und Kunden kompetent zu beraten, die unterschiedlichen Technologien verständlich zu erklären und gemeinsam die passende Lösung zu finden. Entsprechend haben alternative Antriebe heute eine sehr grosse Bedeutung.
Fahrzeuge werden immer digitaler. Wie verändert das die Anforderungen an Garagen und Mitarbeitende?
Die Anforderungen haben sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Während früher vor allem mechanisches und handwerkliches Können gefragt war, arbeiten Automobilmechatroniker heute zunehmend mit Software und elektronischen Steuerungen. Dennoch bleibt das technische Grundverständnis unverzichtbar. Die Digitalisierung hat vieles vereinfacht, gleichzeitig aber auch komplexer gemacht. Deshalb sind laufende Aus- und Weiterbildungen heute wichtiger denn je.
«Der Fachkräftemangel bleibt eine der grössten Herausforderungen – deshalb investieren wir gezielt in die Ausbildung des Nachwuchses.»
Welche Erwartungen haben Kundinnen und Kunden an eine moderne Garage?
Früher stand das klassische Handwerk im Vordergrund, heute sind Fachkompetenz, Digitalisierung und Vertrauen gleichermassen gefragt. Unsere Kundschaft erwartet kompetente Beratung, transparente Kommunikation und einfache digitale Prozesse. Gleichzeitig stellen wir fest, dass persönliche Beziehungen wieder stärker geschätzt werden. Genau darin liegt die grosse Stärke der regionalen Garagen: Man kennt sich, vertraut sich und arbeitet partnerschaftlich zusammen.
Welche Bedeutung haben regionale Garagen gegenüber grossen Garagenketten oder Direktvertriebsmodellen?
Jede Betriebsgrösse hat ihre Vor- und Nachteile. Der grösste Vorteil regionaler Garagen ist jedoch eindeutig die persönliche Nähe. Viele Hersteller haben erkannt, dass sich das Vertrauensverhältnis zwischen Garage und Kundschaft – insbesondere in der Schweiz – nicht einfach durch Direktvertriebsmodelle ersetzen lässt. Für viele Menschen sind persönliche Ansprechpartner nach wie vor entscheidend.
Welche politischen oder wirtschaftlichen Rahmenbedingungen würden den Garagen helfen?
Vor allem im Bereich der Elektromobilität besteht politischer Handlungsbedarf. Die sehr strengen CO₂-Vorgaben für Hersteller führen zu hohen Strafzahlungen, die sich letztlich auf die Fahrzeugpreise auswirken. Gleichzeitig verfügen viele Mieterinnen und Mieter noch immer über keinen Zugang zu einer privaten Ladeinfrastruktur. Hier liegt grosses Potenzial. Künftig könnten Elektrofahrzeuge als mobile Energiespeicher dienen und lokal produzierte Energie effizient nutzen. Das wäre sowohl für die Energieversorgung als auch für die Stromkosten ein wichtiger Schritt.
Wie wird sich das Garagengewerbe in fünf Jahren präsentieren?
Ich bin überzeugt, dass sich das Rheintaler Garagengewerbe mit einer Kombination aus modernster Technologie und persönlicher Kundennähe erfolgreich weiterentwickeln wird. Wir werden unsere Kompetenzen im Bereich Elektromobilität weiter ausbauen und gleichzeitig den Menschen Sicherheit im Umgang mit neuen Technologien vermitteln. Genau dieses Vertrauen wird auch künftig unser wichtigster Erfolgsfaktor sein.
Welches Vorurteil möchten Sie gegenüber dem Garagengewerbe ausräumen?
Viele Menschen glauben noch immer, sie wüssten nicht, was in der Werkstatt mit ihrem Fahrzeug passiert. Dieses Bild möchten wir korrigieren. Wir setzen auf Ehrlichkeit, Transparenz und verständliche Beratung. Gerade bei neuen Technologien erklären wir sämtliche Arbeiten nachvollziehbar, besprechen die Kosten im Voraus und schaffen so Vertrauen. Denn unsere Kundinnen und Kunden sind letztlich unsere wichtigsten Partner.


