top of page
  • Facebook
  • Instagram

«Anpacken und durchziehen» – Angela Koller über ihre Rolle als erste Frau Landammann

  • Autorenbild: Marcel Baumgartner
    Marcel Baumgartner
  • 17. Juli 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 19. Apr.

Angela Koller ist seit diesem Frühling die erste Frau an der Spitze der Innerrhoder Regierung. Im Interview spricht sie über den eindrücklichen Moment ihrer Wahl, ihre politischen Prioritäten, den Spagat zwischen Beruf und Privatleben – und darüber, was sie am Ende ihrer Amtszeit als Erfolg sehen würde.

Angela Koller. (Bild: «Geri Born / Schweizer Illustrierte»)
Angela Koller. (Bild: «Geri Born / Schweizer Illustrierte»)

Angela Koller, wie haben Sie den Moment erlebt, als Sie zur Frau Landammann gewählt wurden?

Die Wahl an der Landsgemeinde ist unvergleichlich. Ich stand inmitten der Stimmberechtigten im «Ring», als die Namen der Kandidierenden sowie meiner gerufen wurden. Vom Beginn des Wahlgangs an blickte ich zu Boden, hörte nur die Worte des Landammanns und die Geräusche der Arme, die in die Höhe gingen. Als der Landammann mich als gewählt erklärte, war ich sehr fokussiert. Man hat dann möglichst rasch auf den sogenannten «Stuhl» zu gehen. Ich hatte sogleich die Aufgabe, dem regierenden Landammann den Eid abzunehmen – für Gefühle bleibt in diesem Moment wenig Raum.

 

Welche Prioritäten setzen Sie für Ihre Amtszeit – was liegt Ihnen besonders am Herzen?

Als Erziehungsdirektorin ist mir besonders wichtig, dass jedes Kind in Appenzell Innerrhoden den Bildungsweg gehen kann, der seinen Neigungen entspricht und wir Kinder und Jugendliche – mit den Erziehungsberechtigen zusammen – auf dem Weg in ein selbstbestimmtes und eigenverantwortliches Leben als Teil unserer Gesellschaft begleiten.

Als Frau Landammann wünsche ich mir, dass unser Kanton seine Eigenständigkeit bewahren kann und gute Kooperationen mit den Nachbarkantonen pflegt. Qualitativ gute Dienstleistungen des Kantons für die Menschen, die hier leben und arbeiten, müssen im Zentrum unserer Arbeit stehen.

 

Was hat Sie ursprünglich motiviert, in die Politik zu gehen?

Politik bedeutet, das Zusammenleben zu gestalten. Das hat mich schon sehr jung fasziniert. Ich habe immer viel gelesen und bin an verschiedenen Themen interessiert. Innerrhoden bietet mit seinen Strukturen einen idealen Boden, um sich einzubringen und mitzugestalten.


(Bild: «Geri Born / Schweizer Illustrierte»)
(Bild: «Geri Born / Schweizer Illustrierte»)

Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?

Mir ist eine direkte, offene und vertrauensvolle Kommunikation mit den Mitarbeitenden wichtig. Ich achte darauf, dass Fachpersonen in ihrem Zuständigkeitsbereich wirken und ihre Verantwortung selbständig wahrnehmen können. Dabei sehe ich mich in der Rolle als Sparringpartner. Ich selber gestalte dort, wo die politische Stossrichtung vorzugeben ist. Folgenschwere Entscheide sollen fundiert abgeklärt, intensiv diskutiert und danach gemeinsam getragen werden.

 

Welche Herausforderungen sehen Sie aktuell für Ihren Kanton, und wie wollen Sie ihnen begegnen?

Die Anforderungen und auch Ansprüche steigen in vielen Bereichen stetig an. Eine vergleichsweise kleine kantonale Verwaltung ist – etwa mit der Digitalisierung, der Rekrutierung von Mitarbeitenden und den Vorgaben des Bundes – besonders gefordert. Gerade die Grösse bietet aber auch Chancen, agiler zu sein als andere Gemeinwesen. Mir ist es wichtig, dass wir uns langfristig gut aufstellen, um unsere Autonomie zu erhalten. Dafür sind die nachbarschaftlichen Beziehungen mit den Ostschweizer Kantonen sehr bedeutend.

 

Wie gelingt Ihnen die Balance zwischen politischem Amt und Privatleben?

Ich schaffe mir bewusst Inseln im Alltag, um aufzutanken und mich mit Familie und Freunden, in der Natur oder beim Lesen von Büchern zu erholen. Die ersten Monate meiner Amtszeit werden geprägt sein von einer intensiven Einarbeitung in die verschiedenen Aufgabenbereiche. Danach werde ich mich neu austarieren, um eine gute Balance zu finden.


(Bild: «Geri Born / Schweizer Illustrierte»)
(Bild: «Geri Born / Schweizer Illustrierte»)

Welche Erfahrungen aus Ihrer bisherigen Laufbahn helfen Ihnen heute besonders weiter?

Beruflich war ich über 14 Jahre lang in unterschiedlichen Funktionen beim Kanton Appenzell Ausserrhoden tätig. Insbesondere die Kenntnisse, wie man politische Geschäfte erfolgreich vorbereitet und wie die öffentliche Verwaltung organisiert ist, hilft mir jetzt sehr. Gleichzeitig hatte ich mehrere politische Ämter in Appenzell Innerrhoden – diese Erfahrungen kommen mir ebenfalls sehr zugute. Und schliesslich will ich auch die vielen Jahre der ausbildungsbegleitenden Jobs im Gastgewerbe nicht missen.

 

Wie möchten Sie die jüngere Generation für Politik und gesellschaftliches Engagement begeistern?

Indem wir ihr auf Augenhöhe begegnen und zeigen, dass ihr Engagement nicht nur erwünscht ist, sondern auch zählt. Politik muss greifbar und verständlich sein. Projekte mitgestalten, Verantwortung übernehmen und Erfolgserlebnisse – das motiviert. Ich bin mit vielen jüngeren Personen im Kontakt, höre ihnen zu und werde künftig auch prüfen, wie wir sie in bestimmten Bereichen noch besser einbinden können.

 

Welche politischen Themen beschäftigen Sie persönlich am meisten – auch über Ihren Kanton hinaus?

Der soziale und politische Zusammenhalt, die Stärkung der Eigenverantwortung, die psychische Gesundheit der Bevölkerung, der Erhalt der föderalen Strukturen, die digitale Transformation – wir werden viele Themen nur in einer engen Kooperation mit privaten Akteuren und der Zivilgesellschaft sowie als Verbundaufgabe mit dem Bund und der kommunalen Ebene angehen können.

 

Wie wichtig ist Ihnen der Austausch mit der Bevölkerung, und wie pflegen Sie diesen?

In Innerrhoden ist es leicht, mit der Bevölkerung im Kontakt zu sein. Ich bin oft unterwegs und nehme an gesellschaftlichen und kulturellen Anlässen teil. Der direkte Austausch ist mir ohnehin am liebsten und gibt mir wertvolle Impulse.

 

Gibt es Persönlichkeit, die Sie auf Ihrem Weg besonders inspiriert hat?

Es gibt sehr viele Personen, von denen ich mir etwas abgeschaut habe – manchmal auch die Erkenntnis, wie ich etwas sicher nicht machen möchte. Besonders beindrucken mich Menschen, die ihre Funktion professionell ausüben, aber gleichwohl ihre Authentizität bewahren. Solche Vorbilder motivieren mich.

 

Was möchten Sie am Ende Ihrer Amtszeit erreicht haben – was wäre für Sie ein Erfolg?

Ich habe vor der Wahl oft gesagt, ich wolle keine «Ankündigungsministerin» sein. In diesem Sinne ist es für mich ein Erfolg, wenn die Einwohneden später sagen werden: «Unsere erste Frau Landammann hat angepackt und durchgezogen».  

 

bottom of page